Wege des Denkens der sozialen Frage in Zeiten der Pandemie

Teil 2

Covid-Krise: Erzwungener Stillstand der Verfügbarmachung von Welt

Aktuell nun greift die Covid-19-Pandemie in dieses Räderwerk ein und bringt die scheinbar unaufhaltsam beschleunigte Entwicklung zum Stillstand – auch wenn dieser Stillstand sich bei genauerem Hinsehen in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu bewegen scheint. Nach aktuellen Prognosen (wenn die Statistik denn diesmal zutreffen sollte) schrumpft die Wirtschaftsleistung in Deutschland wohl nur um erstaunlich geringe fünf bis sieben Prozent. Ist das nun schon ökonomischer Stillstand im Angesicht von Wachstums ideologie? Andere viel gravierendere Auswirkungen sind in weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens zu verzeichnen. Kulturelles Leben, Freizeitaktivitäten, privates Leben, berufliche Existenzen sind massiv eingeschränkt – gleichzeitig drohen die pandemischen Herausforderungen, das Gesundheitswesen zu überfordern.

Die ausgelöste Erschütterung unseres Selbstverständnisses kann man genauer verstehen, wenn man die von Hartmut Rosa beschriebenen Antriebe unseres ökonomischen und gesellschaftlichen Handelns vergegenwärtigt:

„[…] vier Momente des Verfügbarmachens – das Sichtbar-, Erreichbar-, Beherrschbar- und Nutzbarmachen von Welt – sind in den Basisinstitutionen der modernen Gesellschaft auf überaus solide Weise institutionalisiert: Die Wissenschaft zielt konstitutiv, ihrer unmittelbaren Definition nach, auf die Vergrößerung der Reichweite des Gewussten; der wissenschaftliche Betrieb beruht nach der Formel W-F-W (vorhandenes Wissen – Forschung – mehr Wissen) auf dem stetig erneuerten Versprechen der Steigerung dieses Horizonts. In der Technikentwicklung geht es dann darum, die wissenschaftlich erschlossenen Weltausschnitte und Möglichkeiten beherrschbar zu machen und auf diese Weise Welt in allen ihren Dimensionen unter Kontrolle zu bringen. Die ökonomische Entwicklung, die ihrerseits dem kapitalgetriebenen Steigerungsprogramm von G-W-G (Geld – Ware – mehr Geld) folgt oder besser: ihm unterliegt, stellt dazu ihrerseits die Ressourcen bereit – nicht nur auf der gesellschaftlichen Ebene, sondern auch für die einzelnen Individuen, die sich die Welt dann konsumtiv durch den Erwerb von Gütern, aber auch von Wissen und Instrumenten privat verfügbar machen. Rechtliche Regelungen und politisch-administrative Apparate schließlich haben die Aufgabe, die sozialen und kulturellen Voraussetzungen und Folgen des Reichweitenvergrößerungsprogramms unter Kontrolle zu bringen, oder genauer: die sozialen Prozesse berechenbar und steuerbar zu machen.” (Hartmut Rosa 2020:23)

Der Einbruch der Pandemie-Realität in vermeintlich beherrschbare ökonomische Verhältnisse wirkt demnach wie eine Kluft, die uns von den im historisch-gesellschaftlichen Fortschritt entwickelten Wissens-, Handlungs- und Sozialisationsmustern abschneidet. Die Covid-19-Pademie bedeutet – zumindest für einen gewissen Zeitraum – die Überwältigung unserer kulturell sowie gesellschaftlich-politisch eingeübten und „erfolgreich“ praktizierten Denk- und Handlungsmuster durch das unverfügbare Widerfahrnis. Es gibt bisher keine erfolgversprechenden Instrumente der Bewältigung, denn im Augenblick versteht noch niemand die biologischen, psychologischen, politisch-ökonomischen und vielfältig anderen Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Politische Verantwortung muss dennoch in dieser Lage Entscheidungen treffen und handeln, demokratisches Bürgertum die grundlegenden Qualitäten humaner Lebensbedingungen eines Gemeinwohls pflegen.

Protest als Bewältigung der Verunsicherung

Interessant sind unter dieser Fragestellung die Versuche verschiedener Protest-Gruppierungen, ihre Verunsicherung zu bewältigen. Sie zeigen bei aller Unterschiedlichkeit, bestimmte Verhaltensmuster, welche ebenfalls auf der Folie von Rosas Ausführungen verstanden werden können. Eine kurze Typologie:

Man sucht einen Täter, der verantwortlich ist für die missliche Situation. Den in solchen Fällen üblichen Verdächtigen unterstellt man in weltpolitischer und ökonomischer Hinsicht ein Machtmonopol. Sie werden als Verursacher meist anhand einer erkenntnistheoretisch fragwürdigen, dürftigen Indizienkette durch Abduktion identifiziert (3). Ist ein solcher Täter gefunden, bietet er die ideale Projektionsfläche, ihm allein das entstandene Übel anzulasten. Mit diesem Vorwurf kann eleganterweise eine Selbstentlastung verbunden werden – man selbst scheidet aus dem Kreis möglicher Verantwortung für das Ganze aus und definiert sich eher als Opfer von Machenschaften.

Eine korrespondierende Bewältigungsstrategie besteht darin, eine in sich geschlossene fiktionale Weltanschauung zu konstruieren, welche sich gegenüber realen Erfahrungen, wissenschaftlichen Sachverhalten und möglichen abweichenden Auffassungen immunisiert. Im Kampf um die Deutungshoheit weiß man sich mit seinem Narrativ auf der Seite der Wahrheit. Und das mit Überzeugung, nicht selten ideologisch aufgeladen durch Mythologeme, welche in dieser Sicht möglichen Formen von Rationalität überlegen erscheinen. Ein Ver-Quer kann man in solchen Verschwörungstheorien wohl erkennen, ein Denken nicht. (4)

Ein drittes Reaktionsmuster setzt auf Emoti onali sierung. Ohne eine hinreichende Basis von Sach kenntnissen, ohne Begründungswissen und ohne Diskurswilligkeit steht die persönliche Betroffenheit im Vordergrund – man ist für die Sache besonderes engagiert und hat allein deshalb schon Expertise – und das Recht auf Aktion: ein zur Eskalierung ideales Erregungspotential.

Diesen unterschiedlichen Reaktionsweisen liegt die Überzeugung zugrunde, gegenüber der Verunsicherung ein sicheres Urteils- und Handlungsfundament zu besitzen. Das mag um so erstaunlicher sein, als das Phantasiegebilde nicht selten auf der Basis eigenen Unbehagens, innerer Erleuchtung und WhatsApp erzeugt wird: es legt damit zwar psychologische Muster sowie die Funktion sozialer Medien offen, aber nichts weiter. Derartige Überzeugungen steigern sich aktuell in bedenkliche Dimensionen. Der illusionäre Glaube, im Besitz sicherer, vielleicht gar absoluter Erkenntnis und Wahrheit zu sein, ist eine besondere Spielart von verkapptem Egoismus im selbstreferentiellen nazistischem Echoraum. Man gehört einer verschworenen Gemeinschaft von Wissenden an, welche verbissen, denn man versteht sich als Opfer eines Sprechverbots im öffentlichen Raum, elitäre Gesinnung pflegt.

Apokalyptisches Denken

Drei Merkmale scheinen mir in diesen weltanschaulichen Zusammenhängen noch wichtig zu sein. Zunächst wäre zu bedenken, dass die dargestellten Formen von Weltanschauung Merkmale religiösen Glaubens und Handelns tragen, u.a. auch die Faszination für apokalyptische Visionen. Diese Endzeitvisionen entspringen oft einer Angst, persönliche und kulturelle Identität in der Dynamik der Spätmoderne zu verlieren. Sie sind verbunden mit einem meist ausgeprägten Missionierungseifer, welcher mit Verschwörungstheorien agiert. Gemäß diverser Spielarten dieser Auffassung haben in der Spätmoderne im Verborgenen operierende einflussreiche Player weltlicher Macht die Kontrolle übernommen, erfolgreich das historische Machtgefüge religiöser Verfügungsgewalt der kirchlichen Institutionen abgelöst und steuern die Welt gemäß ihrer Machtinteressen. Dagegen begehrt derartige Aufklärung mit religiöser Inbrunst auf, entlarvt das Spiel des Teufels und feiert das lustvoll zelebrierte weltanschauliche Leiden an der Welt. (5)

Spiritueller Egoismus

Weiterhin dürfte eine bestimmte Besonderheit neuzeitlichen Egoismus’ eine große Rolle spielen. Diese äußert sich in Formen darwinistischen Denkens natürlicher Anpassungs- und Ausleseprozesse in der evolutionären Entwicklung. Mit einer gewissen Lässigkeit gegenüber dem realen Leid wird gemäß dieser Auffassung Krankheit und Leid diffus als schicksalhaft im Zusammenhang einer ganz natürlichen selbstverständlichen Epidemie begründet. Die Covid-19-Toten wären über kurz oder lang sowieso gestorben: ein – biologistisch begründet – ganz natürlicher Lebensprozess (6), vielleicht war es – reli giös-ideologisch aufgeladen – Schicksal (7), also nichts zur Beunruhigung im gesellschaftlichen Leben. Der durch diese Bagatellisierung und Verharmlosung zutage tretende Egoismus der offensichtlich von der Evolution Begünstigten muss sich nicht um reale Leid erfahrung kümmern. Der Gedanke tätiger Hilfe bei Leid als ein Leitmotiv von humanem Zusammenleben und Gemeinwohl tritt zurück.

Schrankenlose Freiheit

Im Zusammenhang egoistischen Verhaltens taucht oft auch das Argument auf, sich mit seinem bürgerlichen Recht auf Freiheit gegen staatliche Bevormundung wehren zu müssen. Der Streit darüber entzündet sich im Zusammenhang der Covid-19-Pandemie u.a. an Verordnungen zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Da es bei dem Streit in der Regel nicht um private, sondern öffentliche Räume handelt, bekommt das Ganze eine soziale Brisanz. Die Beispiele scheinen sich zu häufen, in denen Lehrkräfte das Tragen einer Maske verweigern und diese Haltung auch gegenüber ihren schutzbefohlenen Schülerinnen und Schülern einnehmen: Freiheitsrechte und Auffassungen pädagogischer Freiheit werden zur Begründung angeführt. Besonders spannend wird es dann, wenn die Schülerinnen und Schüler sich wiederum durch ein solches Verhalten ihrer Lehrkräfte bedrängt fühlen, denn es handelt sich in einem solchen Fall um ein asymmetrisches Beziehungsverhältnis mit besonderer Verantwortung der Lehrkräfte. Ist das Verhalten solcher Lehrkräfte nun durch den Freiheitsgedanken bürgerlich-demokratischer Gemeinschaft begründbar (unabhängig vom geltenden Schulrecht betrachtet) oder handelt es sich um einen besonders zynischen Egoismus, der die Schutzbefohlenen zum Freiwild der Überzeugungen pädagogisch Handelnder macht? (8)

Die von mir behandelten Formen von verschwörungstheoretischer Weltanschauung scheinen mir insgesamt in eine sehr problematische Richtung zu weisen: In der Tendenz verweigern sie den demokratischen Diskurs und solidarisches Handeln, setzen vielmehr auf eine verunsichernde, letztlich zerstörerische Wirkung ihrer Ideen, welche nicht selten totalitären Geltungsanspruch besitzen. Im Sinne eines sozialen Gemeinwohls müssen derartige Ideen als Gefahr erkannt und in ihrer Struktur verstanden werden; sie müssen mit realistisch-rationaler Argumentation entlarvt, mit bürgerlichem Mut und Selbstbewusstsein widerständig abgewiesen werden, sonst entfalten sie ihre destruktive Wirkung im Sozialen.

Jörg Soetebeer

Erschienen in: Sozialimpulse

Nr. 1 / März 2021

Literatur

Arendt, Hannah (2020): Freundschaft in finsteren Zeiten, Gedanken zu Lessing, hrsg. von Matthias Bormuth, Berlin, Matthes & Seitz.

Nussbaum, Martha (2019): Fähigkeiten schaffen. Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität, Freiburg & München, Karl Alber.

Rosa, Hartmut (2020): Unverfügbarkeit, Wien & Salzburg, Residenz.

Soetebeer, Jörg (2020): Zwischen Resonanz und Autonomie – Überlegungen zu Souveränität aus anthropologischer Sicht im Anschluss an Ernst Cassirer, in: Edwin Hübner, Leonhard Weiss (Hrsg.): Resonanz und Lebensqualität. Weltbeziehungen in Zeiten der Digitalisierung. Pädagogische Perspektiven, Opladen, Berlin & Toronto, Barbara Budrich, S. 73-106.

Dr. Jörg Soetebeer, Schüler der Hiberniaschule in Wanne-Eickel. Studium der Germanistik und Philosophie an der Ruhruniversität Bochum. 19 Jahre Oberstufenlehrer an der FWS Eckernförde. Seit 2003 Dozent für bildungstheoretische und pädagogische Grundlagen der Waldorfpädagogik am Waldorflehrerseminar Kiel, Seminarleitung ab 2012; Veröffentlichungen zu Bildung, Philosophie, Germanistik und Pädagogik.

Endnoten Teil 2:

(3) „Deduktion beweist, dass etwas sein muss; Induktion zeigt, dass etwas tatsächlich wirksam ist; Abduktion deutet darauf hin, dass etwas sein kann.” (Charles Sanders Peirce: Collected Papers, S. 171)

(4) „Freilich hat die Wissenschaft nicht jeder so im kleinen Finger als ich; aber auch der minder Gebildete kann alle Tag Sachen genug bemerken, welche deutlich beweisen, dass die Welt nicht lang mehr steht. Kurzum, oben und unten sieht man, es geht rein auf’n Untergang los.“ (Johann Nestroy: Der böse Geist Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt)

(5) Der Einwand, dass Verschwörungstheorien nicht per se haltlos sein müssen, dass es reale Verschwörungen gibt, ist begründet – Edward Snowden ist das Exempel. Doch ist in einem solchen Fall die aufgedeckte Verschwörung hinreichend durch Fakten, durch abgesicherte Tatsachen dokumentiert, während spekulative Verschwörungstheorien derart konstruktivistisch sind, dass herangezogene Fakten meist bloß als willkürlich arrangierte Schnipsel gelten können, deren behaupteter Zusammenhang Phantasie und Schneegestöber ist.

(6) Bspw. gibt es immer wieder die Diskussion über die Covid-19-Mortalitätszahlen: ob durch oder mit Covid-19? Ein Blick in vorliegende Untersuchungen dazu ergibt: Covid-19-Sterbende haben signifikant erkennbare schwere Symptome. Obduktionen haben ergeben, dass bei über ¾ von verstorbenen Covid-19-Patienten Covid-19 die wesentliche oder alleinige Todesursache gewesen ist. (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/115799)

(7) Ein in anthroposophischen Zusammenhängen leider immer wieder bemühtes Argumentationsmuster. Entgegen Rudolf Steiners Forderung, mit seinen Angaben behutsam prüfend und forschend umzugehen, vermögen einige vermeintliche Anthroposophen es, allein durch die Lektüre von Karmavorträgen, vielleicht noch verstärkt durch Austausch mit Gleichgesinnten, genau zu erkennen und zu beurteilen, wie Karma im Zusammenhang von Covid-19 funktioniert: eine beeindruckende Leistung!

(8) Wie Schüler alleingelassen werden, in: Spiegel.de, 24.11.2020.