Transhumanismus – Provokation, Wahn oder Verbrechen? - Teil 1

Nachdenkliches zur Herausforderung durch ein Jahrhundertproblem
(Schriftlich gefasster Vortrag im Steinerhaus Hamburg vom 11.09.2019)

Ein Gespenst geht um in der Welt – Transhumanismus. Aber was ist Transhumanismus? Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Big Data? Oder nur eine Ideologie? Statt mit solchen Definitionen zu beginnen, die im ersten Anlauf nicht mehr erklären könnten, als dass Transhumanismus über das bisherige Verständnis von Humanismus mit technischen Erneuerungen hinausgehen will, macht es Sinn, das Phänomen zunächst über den Umweg seiner Entstehung erkennbar zu machen. Vor diesem Hintergrund treten die transhumanistischen Visionen als provozierende Herausforderung an das heutige Denken und Leben hervor.

Beginnen wir also mit einer kurzen Rückschau auf die neuere Geschichte der Beziehung zwischen Mensch und Technik im Zuge der industriellen Revolution: Zweimal wurde die Menschheit bereits Opfer des technischen Fortschritts in Gestalt einer sich verselbständigen Maschinerie: 1914 – 18 und noch einmal 1939 – 45. Die Reaktion der zivilisierten Welt war der Ruf nach Ablösung imperialer Staatsformen, nach Demokratisierung, nach Revolution. Den radikalsten Entwurf legte Rudolf Steiner mit seinen Ideen zur Entflechtung des staatlichen Einheitsstaates durch eine Dreigliederung des sozialen Organismus vor. Diese Ideen, vorgestellt in seiner 1919 erschienenen Schrift: „Die Kernpunkte der sozialen Frage“, rückten die Selbstverwaltung des wirtschaftlichen und des geistigen Lebens durch den selbstbestimmten Menschen in den Mittelpunkt, insbesondere die Befreiung geistiger und kreativer Kräfte von der Vormundschaft des ökonomisch dominierten Staates. (1)

Beachten wir, womit Steiner die „Kernpunkte“ einleitete: Mit der Betonung der Notwendigkeit, den von der Maschine entwürdigten Proletariern ihre Würde als Mensch zurückzugeben, um sie zu befähigen, ihrer historischen Aufgabe nachzukommen, auf neuer Entwicklungsstufe die Menschheit zu befreien. Der freie, mündige Mensch war das Ziel dieser Vorstellungen.

Die Frage der Beziehung von Mensch und Maschine war auch in den Folgejahren bis zu seinem Tode eines der zentralen Themen Steiners. Dem „Zusammenschmieden des Menschen mit der Maschine“ könne die Menschheit nicht ausweichen, erklärte er, das liege im Gang der Evolution. Wörtlich: „Diese Dinge dürfen nicht so behandelt werden, als ob man sie bekämpfen müsste. Das ist eine ganz falsche Anschauung. Diese Dinge werden nicht ausbleiben, sie werden kommen. Es handelt sich nur darum, ob sie im weltgeschichtlichen Verlaufe von solchen Menschen in Szene gesetzt werden, die mit den großen Zielen des Erdenwesens in selbstloser Weise vertraut sind und zum Heil der Menschen diese Dinge formen, oder ob sie in Szene gesetzt werden von jenen Menschengruppen, die nur im egoistischen oder im gruppenegoistischen Sinne diese Dinge ausnützen. Darum handelt es sich. Nicht auf das Was kommt es in diesem Falle an, das Was kommt sicher; auf das Wie kommt es an, wie man die Dinge in Angriff nimmt. Denn das Was liegt einfach im Sinne der Erdenentwickelung. Die Zusammenschmiedung des Menschenwesens mit dem maschinellen Wesen, das wird für den Rest der Erdenentwickelung ein großes, bedeutsames Problem sein.“ (2)

Mit dieser Sicht unterschied sich Steiner noch keineswegs prinzipiell von seinen Zeitgenossen, auch er war durchaus offen für technische Erneuerungen, die das Leben erleichtern, gesünder und interessanter machen konnten wie etwa die Entwicklung des Automobils, elektrische Bühnenbeleuchtung usw. Darauf muss hier nicht weiter eingegangen werden. Notwendig sei aber, so betonte Steiner, dass der technische Fortschritt als Herausforderung zur grundlegenden geistigen und sozialen Erneuerung begriffen und ergriffen werde, nicht nur als Impuls zu Reform oder Eroberung des herrschenden nationalen Einheitsstaates. Und er dürfe nicht auf nationalstaatliche Interessen beschränkt sein.

Steiners damalige Sicht beinhaltete auch die Hoffnung, dass Maschinen entwickelt werden könnten, die vom Menschen direkt, durch seine moralische Energie impulsiert, und nicht von außermenschlichen Energien angetrieben würden. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an den amerikanischen Tüftler John Worrell Keely, der Ende des 18. Jahrhunderts einen Motor entwickelte, der von keiner anderen Energiequelle gespeist wurde, als der seiner eigenen Person. Keelys Vorführungen wurden damals als Betrug beiseite geschoben. Heute kann man diese Erfindung mit anderen Augen betrachten. Darauf wird weiter hinten noch zurückzukommen sein. (3)

Wer mehr zu diesen Fragen von Steiner lesen will, möge bei Paul Emberson nachschauen. Er hat die Entwicklungsgeschichte der „künstlichen Intelligenz“ auf den Spuren Steiners unter dem Titel „Von Gondishapur bis Silicon Valley“(4) detailliert aufgearbeitet.

Einige Sätze von Emberson, die er dem ersten Band seiner Untersuchung vorausschickte, sollen jedoch in die weiteren Ausführungen mitgenommen werden:
„In der modernen Physik“ schrieb er, „beginnt sich bereits eine in der Geisteswissenschaft wohlbekannte Wahrheit zu etablieren, nämlich: Grundsätzlich ist die Materie eine Erscheinung, die auf dem Zusammenwirken von Grundkräften basiert. Der Wirkung dieser Kräfte liegt eine universelle Intelligenz – ein universelles wesenhaftes Bewusstsein zugrunde. Selbst verständlich wirkt diese Weltintelligenz nicht nur auf allgemeine Weise. In organisierten Erscheinungen und komplexen Systemen wird sie differenziert und nimmt dadurch einen spezifischen Charakter an. Je höher der Entwicklungsgrad eines komplexen Systems ist, desto mehr bekommt in ihm die zugrunde liegende Intelligenz Eigencharakter. Das eindrucksvollste Beispiel ist der Mensch selbst. Aber das Prinzip gilt nicht nur für organische Wesen; dieselben Betrachtungen gelten auch für alle anorganischen Systeme, inklusive der Produkte der Technik – Maschinen, elektrische Geräte und Ähnliches. Je komplexer und vielseitiger die Maschine wird, desto stärker nimmt die universelle Intelligenz einen spezialisierten und höher entwickelten Charakter an.“ (5)

Es komme darauf an, führt Emberson, gestützt auf Steiner, in seinen Büchern dann aus, sich über aufbauende und abbauende Kräfte dieser Intelligenz vorurteilslose Klarheit zu verschaffen, um die aufbauenden Kräfte moralisch stärken, die anderen zurückdrängen zu können.

Die Geschichte hat leider gezeigt, dass solche Rufe nach einer moralisch geführten Technik weitgehend ungehört blieben. Im Westen wie im Osten wurden die technischen Erneuerungen unter dem rücksichtslosen Druck einer Zwangsindustrialisierung vorangetrieben. Unbedingter Fortschritt, wissenschaftlich gestützt, war auch nach dem 1. Weltkrieg wieder in aller Munde, erneut auch eingebunden in natio nale Interessen. Millionen Menschen wurden in der Folge ein weiteres Mal von einer hochgerüsteten Kriegsmaschinerie zermalmt.

Heute treiben wir in eine, wie es heißt, dritte industrielle Revolution, in der technischer Fortschritt und ökonomisches Wachstum erneut zum Credo erhoben werden. Zum dritten Mal wird von „der Wissenschaft“ versprochen, das uralte Problem der Suche des Menschen nach immerwährendem Wohlstand, nach Glück und nach langem, wenn nicht sogar ewigem, Leben mit technischen Mitteln lösen zu wollen, dieses Mal mit Anspruch auf endgültige Erlösung des Menschen von seinen natürlichen Abhängigkeiten, indem der Mensch technisch optimiert, vielleicht gar ersetzt, wird durch die intelligente Maschine.

Kurzweil, KI Papst

Mit dieser Feststellung sind wir beim Transhumanismus. Seine Vertreter sind führende Wissenschaftler/ innen, bezeichnenderweise mehr Männer als Frauen, der mit der Computer Revolution der 60er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts aufgewachsenen Generation. Sie versprechen, die „conditio humana“ über die Entwicklung computergestützter Bio Technologie so aufzubessern, dass Armut, Krankheit – und tendenziell auch der Tod – der Vergangenheit angehören werden.

Bekanntester Vertreter, gewissermaßen der Papst der Szene, ist der Österreich Amerikaner Ray Kurzweil, 72: musisches Elternhaus, nach eigenen Angaben selbst Maler und Musiker, von Kindheit an Erfinder, heute Direktor der technischen Abteilung bei Google im Silicon Valley. Also, wirksam im Zentrum der KI Revolution und des Internet.

Kurzweil gilt als Prophet der technischen Unsterblich eit und der Optimierung des Menschen in Richtung eines übermenschlichen Maschinenwesens. Bei dieser Optimierung werde die beschränkte Intelligenz des Menschen im Zuge der Fähigkeiten der KI zur Selbstverbesserung und in ihrer Verbindung mit Gen , Nanotechnologie und Robotik, auf eine höhere Ebene einer effektiven Superintelligenz angehoben und so werde die höchstmögliche Stufe der Evolution erreicht – die, wie er es nennt, „Singularität“. So der Untertitel seines programmatischen Hauptwerkes „Menscheit 0.2, Die Singularität naht.“ (6)

Für die, die es nicht wissen: Nanotechnologie wird die technische Manipulation auf atomarem Niveau genannt, in der kleinste Teile von atomarer Abmessung zu neuen Wirkungen kombiniert werden können. Das Zusammenwirken von Gen , Nanotechnik und Robotik, fasst Kurzweil unter dem Kürzel GNR zur Zukunftstechnik zusammen.

Skizzieren wir Kurzweils Weltbild: Er bezeichnet sich als „Patternist“, der die Welt durch die „Macht der Ideen“ – so die Überschrift in der Einleitung des genannten Buches über die „Singularität“ neu modellieren und neu schaffen wolle. Die Welt, erklärt Kurzweil, baue sich auf Mustern auf, die sich im Laufe der Evolution zu immer komplizierteren Kombinationen verbunden hätten. Der Mensch sei die bisher komplizierteste Verbindung. Das beschreibt er strukturell ähnlich wie Emberson! Nur aus einem entgegengesetzten Blickwinkel heraus: Er geht davon aus, dass die Intelligenz des Menschen sich durch Übertragung seiner Gehirnmuster in die Programme der künstlichen Intelligenz zur „Superintelligenz“ steigern lasse. So werde der jetzige Mensch als organische Entwicklungsstufe für die Maschinenintelligenz dienen, werde dann aber gegenüber der neuen Stufe der Evolution als „Organwesen“ zurückbleiben.

Der Mensch würde auf diese Weise, folgt man Kurzweil, zum Intelligenzspender für die Maschine. Das klingt plausibel – es wäre ja auch nur eine konsequente Fortsetzung der gegenwärtigen Praktiken der Organspende. Eine Spaltung der Menschheit in eine kleine Schar Begünstigter und die große Masse von tendenziell überflüssigen „Organwesen“ wird in dieser Konzeption von Zukunft wissentlich in Kauf genommen.

Was ist das: Provokation? Wahnsinn? Verbrechen? Die Antwort muss offen bleiben.

Widerstand gegen diese Perspektive er wartet Kurzweil nur in „scheinbaren Kontroversen“, mit „fundamentalistischen“ und „luddistischen“ Kräften. Unter Fundamentalisten versteht er Menschen, die einer „überholten Version des Humanismus“ anhängen. Unter Luddisten, zu Deutsch: Maschinenstürmern, dürfte die Masse der zurückbleibenden „Organwesen“ zu verstehen sein. Kurzweil macht dazu keine weiteren Ausführungen. Der Widerstand werde mit steigender Fortschrittsrate natürlich stärker. Doch werde „der Gewinn an Gesundheit, Wohlstand und Ausdrucksmöglichkeit, Kreativität und Wissen nicht zu leugnen sein.“ (S. 347)

Aber folgen wir weiter Kurzweils Grundpositionen: Die Evolution vollziehe sich exponentiell, erklärt er. Heute werde sie durch ökonomisches Wachstum angetrieben. In der sich inzwischen selbst entwickelnden KI beschleunige sich die Wachstumskurve noch einmal zur Superintelligenz. Schon 2020 werde daher menschliche Intelligenz teilweise, 2045 bereits gänzlich in die entstehende Superintelligenz integriert sein, wobei, wie gesagt, eine Organik zurückbleiben werde. Auf diese Weise werde der Mensch seine Sterblichkeit überwunden haben. Die Superintelligenz werde schließlich den an sich „dummen“ Kosmos mit Intelligenz fluten. Dies könne man letztlich auch als den Weg zu Gott verstehen – wörtlich: „In gewisser Weise könnte man sagen, dass die Singularität das Universum mit Geist erfül len wird. (…) Evolution bewegt sich unaufhaltsam in Richtung des Gottesbegriffs, ohne dieses Ideal je ganz erreichen zu können. Wir können die Befreiung unseres Denkens aus den engen Banden seiner biologischen Form somit als spirituelles Unternehmen auffassen.“ (7)

Kein Kommentar. Kurzweil selbst hofft übrigens, diese Grenze zur Unsterblichkeit noch erleben zu können. Dafür hält er seinen Organismus nach eigenen Angaben unter anderem durch die Einnahme von täglich 250 Zusatzstoffen fit.

Unter der lockeren Überschrift: „Die lästige Bewusstseinsfrage“ zollt Kurzweil in seinem Buch der „Singularität“, aber schließlich auch der „schwierigen“ Frage des Bewusstseins ein ganzes Kapitel. Die Frage nach dem Bewusstsein erklärt er da, sei die wichtigste „ontologische Frage“, der man Beachtung schenken müsse. (S. 386 ff.) Er streift sogar das Wort „Liebe“ – lässt die Klärung dessen, was „Bewusstsein“, „Liebe“ und „Ich“ sein könnten, dann allerdings mit einem bemerkenswerten Trick in seiner Werkstatt verschwinden: Indem er nämlich an seinem eigenen Beispiel die Frage durchspielt, ob er, wenn er geklont würde, noch ICH, Ray oder ICH 2 ein anderer Ray, oder ICH 1 und ICH 2 zugleich wäre, wo dann sein Bewusstsein von sich selber wäre usw. (8)

Er findet keine Antwort. Aber statt das Nichtwissen zu konstatieren und die Klärung als Forschungsfrage zu formulieren, wechselt er kurzerhand zu der Prognose über, dass das Bewusstsein, da es ja, wie alles in der Welt, aus Mustern bestehe, mit Hilfe der künstlichen Intelligenz potentiell weiter effektiviert und dann auch erkannt werden könne. „Trotz dieser Dilemmata beruht meine persönliche Philosophie“, schreibt er, „weiterhin auf Patternismus: Ich bin ein über die Zeit hinweg beständiges Muster. Ich bin ein sich entwickelndes Muster und ich kann die Richtung meiner Entwicklung beeinflussen.“ (9)

Was erst entstehen soll, die Superintelligenz, wird so als Initiator ihrer Entstehung schon vorausgesetzt. Was als Argument zur Leugnung des Problems gedacht ist, lässt genau dieses Problem als ungelöste Frage unfreiwillig, aber desto deutlicher hervortreten: Was ist das ICH? Wie kommt es in die Maschine – oder auch nicht?! (10)

Boström, der Ethiker

Ein anderer Zeuge des Transhumanismus ist Nick Bostrom (Geburtsname Boström), 45 Jahre alt, Prof. in Oxford. Boström ist kein Praktiker, sondern führender Vertreter für ethische Technikfolgeabschätzung: Kritiker, könnte man erwarten. (11)

In der Tat kritisiert Boström Kurzweils überbordenden Optimismus – aber nur, was dessen Einschätzung der Nano Technologie betrifft, die er für gefährlicher hält als die Entwicklung der ‚künstlichen Intelligenz‘. Im Übrigen erwartet er jedoch nicht nur die Entwicklung der KI zur Superintelligenz, sondern gleich eine ganze „Intelligenzexplosion“. Mit dieser Erwartung steht er auf dem gleichen Boden wie Kurzweil.

Boströms Frage ist die Kontrolle. Er entwirft umfangreiche Szenarien, wie die „Intelligenzexplosion“, bevor sie stattgefunden haben wird, sachlich, ethisch und moralisch geführt und „lebensdienlich“ gezähmt werden könnte. Er kommt zu dem Schluss, dass es dafür keine Garantie gäbe. Auch ihm stellt sich die Frage nach dem ICH in den Weg. Aber – allem ethischen Ansatz zum Trotz – umgeht er die Frage noch radikaler als Kurzweil, indem er sie kurzerhand als metaphysische Kategorie auslagert, die nicht Gegenstand seiner Betrachtungen sei. (12)

Ähnlich großzügig geht auch er, im gleichen Geiste wie Kurzweil, mit Folgeproblemen um. Da kommt er zu geradezu monströsen Spekulationen: Genannt sei beispielhaft nur die von ihm gestellte Frage, welche Folgen die „Intelligenzexplosion“ für die Ökonomie, konkret für die Arbeiterschaft, haben werde. Seine Antwort: Es könnte sein, dass unter den Bedingungen der „Intelligenzexplosion“ das Wohlergehen der Maschine gegenüber den zurückgebliebenen „Arbeitstieren“ zum wichtigsten Faktor werden könnte.

Dies sei ausnahmsweise, weil es sonst vielleicht niemand glaubt, direkt zitiert: „Verfügen diese Maschinen jedoch über Bewusstsein…“, schreibt Boström, „dann muss man überlegen, was das Leben in solch einem Szenario für sie bedeutet, ja, aufgrund ihrer potentiell riesigen Zahl könnte das Wohlergehen der Maschinen dann sogar zum wichtigsten aller Faktoren werden.“ (13)

Boströms Lösung: Die Superintelligenz so schnell wie möglich voranbringen, damit sie, weil sie klüger sei als wir, die Entwicklung schädlicher Entwicklungen verhindern könne.

Und auch dies, weil ebenfalls fast nicht zu glauben, im Originaltext:

„Da sie allgemein fähiger wäre als wir, würde sie weniger Fehler machen, sie würde eher erkennen, wann Vorsichtsmaßnahmen angebracht wären, und diese auch richtig umsetzen. (…) Es kommt darauf an, die Superintelligenz zu haben, bevor (so im Text, ke) andere gefährliche Technologien, wie etwa die fortgeschrittene Nanotechnologie, existieren.“ (14)

Auch bei Boström also der gleiche Salto: Das Ausweichen vor der Frage nach dem ICH in die technische Machbarkeit.

Kräfte im Hintergrund, Finanziers

Nun möge aber niemand glauben, Ray Kurzweil oder Nick Boström seien isolierte Spinner. Kurzweil ist, wie schon gesagt, Leiter der technischen Abteilung von Google. Er ist Träger von 20 Ehrendoktorwürden und wurde von drei US Präsidenten mit Orden versehen. Mit seinen Publikationen und Auftritten ist er einer der wichtigsten Stichwortgeber der internationalen KI Szene. Aus seiner Arbeit gingen der Flachscanner, gingen Übersetzungsprogramme, gingen Prothesen hervor, die indirekt vom Gehirn bewegt werden können, gingen Hörgeräte zur Übersetzung optischer Signale in akustische für Blinde und noch Einiges hervor, das geeignet ist, das Alltagsleben technisch zu erleichtern und bereichern.

Boström ist führende internationale Autorität auf dem Gebiet der ethischen Technikfolgeabschätzung.

Hinter ihm steht die große Mehrheit der heutigen KI Wissenschaftler/innen, finanziert von den Giganten im Silicon Valley, Google, Amazon, Facebook usw., gefördert von diversen internationalen Konsortien, vom Pentagon und vergleichbaren Kräften. Billiarden werden heute in diese und ähnliche Forschung gesteckt. Mit dem 2013 auf zehn Jahre angelegten

„Human Brain Projekt“ in der Schweiz ist auch die EU mit dabei. In diesem Projekt soll versucht werden ein menschliches Gehirn biotechnisch vollständig zu rekonstruieren. (15)

Als Ultima Ratio der Politik im gegenwärtigen globalen Patt gilt heute der Satz: „Wer die KI beherrscht, beherrscht die Welt.“ Entsprechend spitzt sich die Forschung zum dritten Mal auf nationale Konkurrenz zu.

Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de

Erschienen in: Sozialimpulse 4/2019
Die Fortsetzung des Artikels erscheint in einer der nächsten Ausgaben vom Trigonal.

1-„Die Kernpunkte der sozialen Frage“, Rudolf Steiner Taschenbücher, 1964

2- „Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen“, Vortrag vom 25.11. 1917, GA 178, S. 218, zitiert nach Paul Emberson, „Von Gondishapur bis Silicon Valley, S. Band II, S. 575/

3- Paul Emberson, Band II, S. 612 ff.

4- Emberson, Paul: „Von Gondischapur bis Silicon Valley“, Etheric Dimension Press, 2012, zwei Bände

5- Ebenda, Band 1, S. 16 f.

6- Ray Kurzweil, „Menschheit 0.2, Die Singularität naht“, lola books, 2014

7- ebenda, S. 400

8- ebenda, S. 397

9- ebenda, S. 397

10- Wer selbst Zitate sucht, die dieses Denken noch am Original illustrieren, der möge auf den folgenden Seiten von Kurzweils „Singularität“ blättern: Prolog S.1, Gehirn „engineering“ S. 144, Schrittweise Intelligenz Verschiebung S. 202/203, Ich/Bewusstsein S. 386 ff, Gott S. 493, Universum S. 505

11- Boström, Nick: „Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution“, Suhrkamp 2014

12- ebenda, S. 41

13- ebenda, S. 235

14-ebenda, S. 324/5, außerdem in längerer Sequenz auf S. 345

15- Details hierzu finden sich in: Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus 3/2018, S. 16