Es geht um Sonnenenergie

Gespräch mit Andrea Pfaehler, Leiterin, Autorin und Regisseurin der Jungen Bühne

Fünf Jahre, fünf Produktionen, bist du bei deiner Idee von Theater und Regie angekommen?

Andrea Pfaehler: Die Bezeichnung ‹Regie› ist eigentlich nicht richtig, denn die theaterpädagogische Arbeit ist ebenso wichtig. Man müsste hier ein neues Wort finden. Ich kann sagen, dass wir die Richtung gefunden haben von dem, was mir am Herzen liegt.

Du hast viele Klassenspiele inszeniert. Wo liegt der Unterschied?

Der Unterschied ist riesig. Beim Schulprojekt können die Jugendlichen nicht wählen, da rufen nicht alle ‹Hurra›. Meine Aufgabe bei einer 12. Klasse ist, den Schülerinnen und Schülern die Sicherheit und Spielfreude zu geben. All das ist hier Voraussetzung. Hier weiß jeder, dass ich bis zum Schluss noch mehr, noch mehr und noch mehr verlange und bis zur Aufführung nicht ‹das reicht› sage. Es ist diese Gratwanderung, dieser Spagat wie in jeder Kunst, ohne Leistungsdruck zu spielen und doch nicht mit sich, nicht mit dem Kompromiss zufrieden zu sein.

Du konfrontierst also die Jugendlichen?

Ganz vorsichtig. Ich versuche, sie nicht durch Konfrontation, sondern durch Sicherheit ins Spiel zu holen. Das geht langsam, wie beim Schwimmenlernen Schritt für Schritt. Darum reicht manchmal ein Jahr nicht und das spüren die Jugendlichen auch. Ich weiß aus meiner eigenen Schauspielausbildung und beruflichen Erfahrung, dass man auch schnell arbeiten kann. Was wir hier tun, das sollen die Jugendlichen in ihr Leben übertragen können. Ich unterrichte lange genug, um zu wissen, dass das nur geht, wenn man behutsam vorgeht.

Bei der Improvisation haben die Jugendlichen als Zuschauende alles verstanden und doch haben sie Mühe, selbst etwas auszudrücken.

Das ist das Alter. Sie sehen und erkennen draußen viel und können es selbst nicht erfüllen. So ist Theater: Das Publikum weiß es immer besser und du stehst oben und da fällt alles weg. Das erleben sie hier ständig, dafür brauchen sie einen intimen Rahmen. Das ist wie ein Sprung vom Zehnmeterbrett.

Menschen, die heute erwachsen werden, wachsen mit dem Diktum auf, sich zu präsentieren.

Im Internet können sie es, aber im Realen haben sie es schwer. Ich bin ‹jetzt› hier und die Menschen schauen mich ‹jetzt› an. Die Improvisation zeigt es: Ein 19-jähriger junger Mann schlendert souverän auf die Bühne und greift auch souverän nach einem Buch oder Brief, der auf dem Tisch liegt. Dann kommt das Loch, weil man nicht weiterweiß, und sogleich rettet man sich in eines der tausendfach gesehenen Muster, Bilder oder in einen Typen. Aus diesen Hüllen auszusteigen und sich selbst zu sein, nicht zu spielen, sondern zu sein, das ist der Weg.

Was ist dabei das Entwicklungsfenster Jugend?

Ich habe immer das Gefühl, man operiert am offenen Herzen. Es sind die Jugendlichen, die sich hinstellen und sagen: «Operiere mich am offenen Herzen.» Denn sie wollen sich ändern. Jeder weiß, dass es nicht um Rollen geht, sondern darum, an sich zu arbeiten, anhand vom Schauspiel. Deshalb bin ich so vorsichtig. Es geht an ihre Muster, ihre Existenz, den Ballast ihrer Herkunft.

Erreicht Herkunft auch eine spirituelle Dimension?

Wir kommen mit dem Schauspiel an Schichten der Persönlichkeit, wo ich fühle, dass sie unbewusst an die letzte Inkarnation herankommen, weil es nicht mehr darum geht, was sie sich in den bisherigen 16 Jahren Kindheit angeeignet haben. Warum gelingt es ihnen, eine klassische Situation zu spielen? Gestern am Schluss des Durchgangs, da war etwas auf der Bühne, das die Jugendlichen weder aus ihrer bisherigen Biografie noch aus unseren Proben haben holen können.

Das bezieht sich auf den Doppelgänger?

Im Schauspiel kommt man schnell an ihn heran. Die Rolle ist dabei das Korrektiv, von sich loszukommen, denn sie will etwas von uns. Ich muss diesen Charakter, ob er mir gefällt oder nicht, so lieben, dass er mir wichtiger wird als meine Eitelkeit. Jetzt spielt jemand einen ganzen Abend lang einen Diener. Er hat einen Zugang zur Rolle gefunden, sie nicht zu bedienen, sondern eine Persönlichkeit hineinzulegen, sodass wir sprachlos sind.

Warum Molière?

Zuerst war Molière mir fremd, aber seine Werke sind mir aus irgendeinem Grund in die Hände gefallen, einmal und noch einmal schon während der vergangenen Produktion. Dann bin ich in diese Welt eingestiegen. Bin auf dieses Tagebuch eines Schauspielers seiner Bühnengruppe gestoßen. Bin nach Paris, nach Versailles gefahren. Zum ersten Mal habe ich den Text jetzt weitgehend selbst geschrieben und war sehr unsicher, ob diese überformte Welt bei Jugendlichen klingt. Als aber die ersten Lacher kamen, über diese 400 Jahre alten Witze, wusste ich, es ist möglich.

Lässt sich das Warum beschreiben?

Es klingt vielleicht seltsam. Mein Grundgefühl zu diesen Jugendlichen, die kommen und sagen: «Ich bin da, arbeitet mit mir», ist Liebe. Die macht es möglich, sie braucht sich nicht auf. Das ist wie Sonnenenergie.

Die Fragen stellte Wolfgang Held.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 34-35, 18. August 2017