Nach den Sternen greifen

Erstmals ist es gelungen, einen Stern räumlich aufzulösen; damit wird das scheinbar Unendliche irdisch.

Antares ist mit seinem rötlichen Glanz einer der eindrucksvollsten Sterne des Tierkreises. Im Herbst findet man den roten Stern nach Ende der Abenddämmerung im Südwesten inmitten des Tierkreisbildes Skorpion. Links des Sterns schlängelt sich der Sternenschwung des Schwanzes, rechts weitet sich das Bild in drei Richtungen. Nun ist es der europäischen Sternwarte in Chile gelungen, diesen Stern als räumliche Fläche darzustellen. Die vier großen Spiegelteleskope auf dem Paranal in den Anden wurden dazu gemeinsam auf den roten Stern gerichtet und erzeugten damit den Teleskopblick eines virtuellen Spiegels mit über 60 Metern Durchmesser.

Das Licht des Sterns, das sonst selbst mit den besten Instrumenten immer nur als glitzernder unruhiger Lichtpunkt erschien, zeigte sich nun als Scheibe. Strömungen und Strukturen auf der Oberfläche des Sterns werden damit erstmals sichtbar. Antares eignet sich hierfür besonders, weil er gemessen an seiner Distanz und Helligkeit gigantische Ausmaße besitzen muss. Stünde er an der Stelle der Sonne, so würde selbst die Marsbahn innerhalb dieses gewaltigen Sternes liegen. Was bisher Punkt blieb und damit im Reich des Unendlichen, das wird nun räumlich.

Natürlich kann man den Stern nicht ‹sehen› im eigentlichen Sinne. Tatsächlich ist eine Fülle von künstlichen Prozessen notwendig, um zu der Sternenscheibe zu kommen. Dennoch öffnet sich mit der Verräumlichung von Antares eine neue Türe in den Kosmos. Nun erfolgt das sprichwörtliche ‹Greifen nach den Sternen›.

Die Sterne, dieses letzte Refugium einer unendlichen Welt, sie werden räumlich anschaulich. Als 1610 Galileo Galilei sein Fernrohr auf den Mond richtet, notiert er, dass der Erdtrabant nicht vollkommen sei, wie es Aristoteles geschrieben habe, sondern voller Täler und Schluchten. Mit Galileos Entdeckung wird die kosmische Umgebung der Erde irdisch. Nun, da selbst ein Stern ein räumliches, ein irdisches Antlitz gewinnt, geschieht ein neuer Schritt, sich des Kosmos irdisch zu bemächtigen. Es ist eine weitere Entzauberung des Kosmos, ein Hinweis, dass die geistige Dimension nicht in der äußeren Anschauung zu fassen ist, sondern durch eine geistige Anschauung.

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 44, 27. Oktober 2017