Faust macht Geld

Die faustische Frage nach der Selbstbestimmung des Menschen hat in einer Welt, die so viel nach dem Nutzen fragt, immer ökonomische Züge. Alle Ungebundenheit und Ermächtigung, alle Unfreiheit und Bedingtheit scheinen sich im finanziellen Überfluss und Mangel zu spiegeln. Der letzte Sommerzyklus des ‹Faust› stellte die große Frage, wie das Geld Mephistos Fängen entrissen werden kann.

«Wenn die Geschichte etwas zeigt, dann dies: dass es keine bessere Methode gibt, auf Gewalt begründete Beziehungen zu verteidigen und moralisch zu rechtfertigen, als sie in die Sprache von Schuld zu kleiden vor allem, weil es dann den Anschein hat, als sei das Opfer im Unrecht.» Das schreibt David Graeber, der Denker der Occupy-Bewegung, in seinem Buch ‹Schulden die ersten 5000 Jahre›. Er sagt, dass dieser Schattenwurf des Geldes, die Schulden, eine Gewalt zwischen die Menschen treibt, der jeder zustimmt. Während Goethe im ersten Teil Faust und Mephisto aus dem Tisch Wein und Feuer kommen lässt, so sind es im zweiten Teil Geldscheine, die aus dem Nichts kommen.

«Faust verhandelt die zentralen Fragen des heutigen Lebens», so Gerald Häfner, der dem letzten ‹Faust›-Zyklus des Sommers und der gegenwärtigen Inszenierung seine inhaltliche Richtung gegeben hat. «Die reichsten acht Menschen verfügen über mehr finanzielle Mittel als die ärmere Hälfte der Menschheit!» Mit solch unvorstellbaren Vergleichen skizziert er die heutige Ungerechtigkeit, das systemische Unrecht. Anders als Gretchen, Marthe und Valentin, die im ersten Teil durch Faust umkommen, ist es beim Tod des alten Paares Philemon und Baucis der Gedanke von Nutzen und Vorteil, der den Alten zum Verhängnis wird. Wie lässt sich der Sinn ändern, wie lässt sich das Geld vom Schatten ins Licht tragen?

Am ‹Faust› entlang will Gerald Häfner mit den Teilnehmenden und fünf weiteren Vortragenden diese aktuelle Frage beantworten: Herta Däubler-Gmelin habe, so beschreibt er die ehemalige Verfassungsrechtlerin, Bundesministerin und Oppositionsführerin, im Politischen beinahe alles erlebt, was man erleben könne. Heute berate sie bei Staatsgründungen und vermittelt bei Konflikten. Sie sprach an der ‹Faust›-Tagung über die Frage der Macht. Martina Maria Sam darüber , was die große Welt für Faust als Repräsentanten eines jeden Menschen bedeutet: eine Versuchung.

Hier begann auch Nikolai Fuchs, wenn er über Reichtum als das fragwürdige ‹Ziel aller Träume› nachdachte. Hanjo Achatzi, Entwicklungsbegleiter von Unternehmen, fragte in seinem Vortrag danach, was man von Faust und seinem teuflischen Begleiter über den Umgang mit Geld lernen könne. Rene Becker, Landwirt und Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Frankreich, entwickelte den Gedanken, dass Geld sinnvoll wird, wenn es Gemeinschaften erzeugt.

In dieses ‹Faust›-Festspiel war außerdem eine Jugendtagung eingeflochten. In Zusammenarbeit mit der Evidenzgesellschaft gab es für Studierende und Auszubildende bis zum 35. Lebensalter subventionierte Karten. Auch für ‹ältere› ‹Faust›-Besucher ist das ein Vorteil, denn mit den vielen jüngeren Menschen im Publikum steigt die Energie, bildete sich ein dynamischer Hörraum im Saal und das wiederum gibt dem, was auf der Bühne geschieht, besondere Fahrt. Es wäre wohl keine Überraschung, wenn dieser letzte von den gespielten zehn ‹Faust›-Zyklen der eindrücklichste und bewegendste werden wird.

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 28-29, 7. Juli 2017