Von Seelenrätseln

Vor hundert Jahren erschien Rudolf Steiners Buch ‹Von Seelenrätseln›. Die Sektion für Schöne Wissenschaften und die Allgemeine Anthroposophische Sektion widmeten deshalb Ende Mai ihre fünfte ‹Buchtagung› diesem weniger bekannten Werk Rudolf Steiners.

Jedes Buch von Rudolf Steiner ist ein Baustein der Anthroposophie und zugleich auch Glied in Rudolf Steiners Biografie. Für ‹Von Seelenrätseln› gilt das besonders, denn hier intoniert Rudolf Steiner erstmals seine Idee, seine Beobachtung der Dreigliederung als Grundformation des Lebendigen und des Beseelten. Kein Lebensfeld der Anthroposophie ist ohne diese elementare Erkenntnisgrammatik der Anthroposophie denkbar. Deshalb versammelten die Organisatoren des Hochschulkreises für Kulturwissenschaften Christiane Haid, Eckart Förster, Harald Schwaetzer und Bodo v. Plato sieben Sektions- und Lebensfelder, um neben dem Buch auch dessen Folgen darzustellen.  

Peter Heusser eröffnete die Tagung mit einem Blick auf die Erkenntnisgrenzen, mit denen jedes heutige Wissenschaftsfeld zu tun hat, und zeigte, wie Anthroposophie diese Grenzen zu weiten vermag. Martin Basfeld untersuchte, wie sich die Gedanken von Franz Brentano bei Rudolf Steiner fortsetzen. Was Rudolf Steiner als ‹spirituelle Ökonomie›, als eine Art geistigen Staffellauf beschreibt, wird in Rudolf Steiners Brentano-Studien greifbar. Am zweiten Tag ging es um die Praxis der Dreigliederung. Matthias Girke zeigte, wie die Anschauung der Dreigliederung in der Medizin, wenn sie sich beispielsweise als Licht-Wärme-Leben äußere, heilende Kraft besitze.

Constanza Kaliks sprach über die Dreigliederung in der anthroposophischen Menschenkunde und unterstrich Rudolf Steiners Beschreibung (‹Von Seelenrätseln›, S. 19), dass man die geistigen Organe der Seele als Prozess und nicht als etwas ‹Ruhendes› auffassen solle. Ueli Hurter sprach über die Dreigliederung auf dem Acker und zog dabei Rudolf Steiners Skizze von Ahriman und Luzifer heran. Finsternis und Licht stehen sich als Gegensätze gegenüber und die Pflanze ist mit Wurzel und Blatt bzw. Blüte jeweils in ihnen zu Hause.

Die Mitte bilde die Lebensschicht des Humus, die der Landwirt kultiviere. Mit Friedrich Glasls Beschreibung der Dreigliederung als ein Werk von Menschen für Menschen war die soziale Dimension des Themas angesprochen.   Die Tagung fand nicht die Anzahl an Teilnehmenden, die das Thema und dessen tiefschürfende Behandlung verdient hätten. Zu der besonderen Qualität trug auch die eurythmische Arbeit mit Stefan Hasler zum Grundsteinspruch bei. «Es ist eine völlig andere Art des Mitvollziehens möglich, wenn man als ganze Tagungsgemeinschaft den Grundsteinspruch eurythmisch sich erarbeitet hat», so Christiane Haid über die eurythmische Demonstration des Grundsteins am Abend.

Zur Konzentration und Energie der Tagung trug auch der Ort bei: Wie vermutlich kein anderer Raum vermag die Schreinerei einer solchen Tagung sowohl anthroposophische Geschichte als auch Werkstattatmosphäre zu schenken. Nächstes Jahr, vom 16. bis 18. März, folgt das nächste Studienwochenende zum Buch mit Rudolf Steiners ‹Anthroposophie. Ein Fragment›. So wie jetzt die Dreigliederung ist dann, nicht weniger zukünftig, die Sinneslehre das größere Thema.

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 26, 23. Juni 2017