Ehe für alle

Jenseits von Wahlkampf und Moralismus: Der Beschluss des deutschen Bundestages, die ‹Ehe für alle› zu ermöglichen, ändert nicht viel. Im Gesetzbuch hieß es bisher: «Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen.» Künftig soll der Satz lauten: «Die Ehe wird von Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.» Dadurch werden alle Ehepartner berechtigt, als Paar Kinder zu adoptieren; dies war bis dahin nur für Einzelne möglich. Wird die öffentliche Moral korrumpiert? Wohl nicht.

Inzwischen hat sich die Ansicht bei Fachleuten durchgesetzt, dass das Kindeswohl durch die ‹gleichgeschlechtliche Ehe› (so der Verwaltungsbegriff) sich nicht verschlechtert. In Erbrecht, Unterhaltspflicht, Steuerpflicht, Zeugnisverweigerungsrecht etc. waren die Bestimmungen seit 2001 schon angeglichen worden. Junge wie alte Menschen sehnen sich  entgegen den düsteren Prophezeiungen nach langlebiger Zweisamkeit, nach Verbindlichkeit und Vertrauen. In meiner jahrzehntelangen Seelsorgearbeit habe ich immer wieder erlebt, dass junge Menschen weder haltloser noch lustbetonter leben als vor Jahrzehnten. Geschlechtliche Erfahrungen machen sie nicht früher als in meiner Jugend. Das ist nicht bloß eine Stimmung, sondern wird durch alle soziologischen Erhebungen (z.B. die Shell-Studien) erhärtet. Von Kulturpessimisten werden noch andere Einwände erhoben: 

- Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind triebhafter und wenig dauerhaft. 

- Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind egoistischer.

- Gleichgeschlechtlich Eingestellte sind eine Gefahr für Kinder.

All diese Vorurteile stimmen nicht; sie mögen aus den Zeiten stammen, als unerzwungene gleichgeschlechtliche Handlungen unter Erwachsenen noch (in Deutschland sogar in der von den Nationalsozialisten verschärften Form bis 1969) strafbar waren. Dass in einem solchen Klima nur solche Menschen auffielen, die besonders intensiv unter dieser Lage litten, mag das Bild verzerrt haben. Heute ist klar, dass die gleichgeschlechtliche Neigung nicht stärker zu Übergriffen an Kindern verleitet als die heterosexuelle. Achtung und Abstand gegenüber Schwächeren kann jeder erwerben, und dies geschieht auch, ohne Unterschied der geschlechtlichen Ausrichtung. Oft wird von vermeintlich wortgetreuen Christen ins Feld geführt, dass die Bibel die Homosexualität als Sünde bezeichne. Dies ist nicht richtig. Als es im Alten Testament noch um die Aufgabe ging, das Volk Gottes in seinem Generationenstrom rein zu halten, waren gleichgeschlechtliche Handlungen genauso wie Empfängnisverhinderung und Beziehungen zu Menschen anderer Völker allerdings verpönt.

Schopenhauer sagte: «Moral predigen ist leicht; Moral begründen ist schwer.» Die Bibel schenkt Moral. Aber um sie zu verstehen und zu begründen, sollte ihr jeweiliger Grund (der in diesem Fall zeitbezogen ist) durchschaut werden. Gemessen an dem, was in der Bibel alles geregelt wird (und woran wir uns heute mehrheitlich nicht halten wollen, z.B. bei den Speisegeboten, den Todesstrafen oder auch der Unterordnung der Frau), fällt auf, wie die Thematisierung der Homosexualität völlig am Rande steht: im Alten Testament untergeordnet der Pflicht, Kinder zu zeugen, und im Neuen Testament (bei Paulus) der Erwartung, dass das Ende nahe sei, sodass auch ‹normale› Ehen nicht mehr ratsam seien.

Meine Erfahrung als Seelsorger: Die Probleme gleichgeschlechtlich Liebender sind fast dieselben wie in andern Paarbeziehungen auch: Eifersucht, Geldprobleme, Sehnsucht nach Treue und Vertrauen, Seitensprünge als Verletzung des einmal gegebenen Versprechens; Eigenentwicklung trotz partnerschaftlicher Bindungen. Letztlich geht es um die Frage: Was ist Lebensgemeinschaft? Sie entsteht als ätherisches Gebilde, und je länger und selbstloser sie gelebt wird, desto mehr erleben die Partner: Wir sind drei: du, ich und unsere Gemeinschaft als Eigenwesen.

Rudolf Steiner hat die erneuerte Trauung als Wortlaut vermittelt. Sie basiert auf dem Unterschied von Mann und Frau und passt deshalb nicht für gleichgeschlechtlich Liebende. Doch gibt es in der Christengemeinschaft seit Jahren die Möglichkeit, Lebensbünde von zwei Männern oder zwei Frauen zu segnen. Das kommt für mich dann infrage, wenn zwei Menschen aussprechen können, dass für sie mehr als nur eine astralische Gemeinschaft (die ja auch kurzfristig-dramatisch, also vergänglich sein kann) besteht, sondern dass sie eine ätherische, dauerhaft gewollte Verbindung pflegen wollen und dass sie sich bewusst sind, einen andern Inhalt als nur die persönliche Zuneigung zu suchen, nämlich den Blick zu Christus. Sie blicken nicht nur einander an, sondern diese Sehnsucht nach objektiverer Gemeinschaft greift über die Grenzen der Zweisamkeit hinaus.

Es sind mir  in den vielen Jahren, in denen ich Kinder- und Jugendferienfreizeiten geleitet habe  immer wieder auch Kinder anvertraut worden, die von zwei Frauen oder zwei Männern aufgezogen wurden. Nie habe ich da Besonderheiten erlebt; nie den Verdacht gehabt, es sei ein ‹widernatürliches› Aufziehen daran erkennbar. Doch waren diese Eltern geübter darin, die Notwendigkeit eines väterlichen und mütterlichen Elementes für ihre Kinder zu sehen; sie fühlten sich ja stärker in ihrer Rolle befragt. Ich habe keine Sorge, dass durch die neue Regelung moralische Dämme brechen. Nach Humboldt hat der Staat keine unnötigen Grenzen zu setzen, sondern möglichst viel der Eigenverantwortung und -initiative zu überlassen.

Frank Hörtreiter

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 28-29, 7. Juli 2017