Gute Nachrichten aus der Türkei

Sollte man vielleicht nicht nach Istanbul fahren, weil einem dort verschiedene Widrigkeiten begegnen könnten? Aber wo auf der Welt könnte man die vermeiden? Was man in Istanbul mitmachen konnte war im März zum Beispiel ein Gespräch mit Ineke van der Duyn Schouten und Jürgen Lohman über „Selbsterziehung und Biographiearbeit.“ Oder Ende Juli mit Sabine Schygulla Holzky über „Beziehungen anknüpfen und Bindung“. Alles das im Rahmen des dritten Jahres des Waldorferzieherseminars mit 22 Studenten. Das gibt es nämlich auch in Istanbul.

Und wer kümmert sich eigentlich um die Flüchtlingskinder, von denen gemäß einem Abkommen zwischen der EU und der Türkei jetzt nicht mehr so viele nach Mittteleuropa kommen sondern in der Türkei bleiben?

Zum Beispiel Birgül Tatan Meriç und Hande Baþaran vom Vorstands des Vereins „Waldorf Giriþimi Ýstanbul Eðitim Sanatý Dostlarý Derneði“ (kurz ESDD). Sie haben in Zusammenarbeit mit einem anderen Verein namens MAVI KALEM acht Workshops für 4-6 jährige Kinder durchgeführt, bei denen sie sich an dem orientiert haben, was man so in einem Waldorfkindergarten macht.

Beklagt man sich nicht über die vielerorts zu beobachtenden nationalistischen Tendenzen? In der Türkei ergreift man angesichts dieses Rückzugs in die Vergangenheit folgende konkrete Initiative: Am 2. März schrieb Beyza Korman Turgut, eine Mutter, die gelegentlich ein Fortbildungsseminar in Waldorfpädagogik Istanbul besuchte, eine E-Mail an den ESDD, dass sie und ihre Familie ein Haus in Miskolc in Ungarn gekauft und dort ein Sommerkamp von einer Waldorfschule besucht hätten. Jetzt besuche ihre Tochter die dortige Hamori Waldorfschule. Sie wolle Familien in der Türkei ansprechen und sie motivieren, mit ihren Kindern die dortigen Sommerkamps zu besuchen. Das Angebot wurde über die ESDD Facebook-Seite verbreitet. Zum Beispiel hat hierauf auch eine Mutter in Sofia, Bulgarien, Ýlkay Aydoðan reagiert. Ein Schritt auf dem Weg zu mehr internationalen Beziehungen zwischen Waldorffamilien…

Wo gäbe es nicht die Tendenz, dass die Waldorfbewegung etwas abseits der in der Öffentlichkeit geführten pädagogischen Diskussion ein Nischendasein führt? In der Türkei erschien am 6.Juni 2017 ein Buch über frühkindliche Erziehung, worin im 32. Kapitel die Waldorfpädagogik vorgestellt wird. Alle die Waldorf inspirierten Kindergärten in der Türkei werden hier aufgeführt. Davon gibt es sechs und noch ein bis zwei neue Initiativen.

Und scheuen sich nicht einige Menschen, die Grundlagen der Waldorfpädagogik und die Anthropologie Rudolf Steiners neu zu entdecken? In der Türkei wurden inzwischen aus der „Menschenkunde“, aus dem Kurs zu „Methodisch-Didaktischem“ und den „Seminarbesprechungen“ jeweils die ersten zwei Vorträge in die Landessprache übersetzt und an die Seminarteilnehmer geschickt, damit sie sich auf die Kurse im Juli vorbereiten konnten.

Und was gibt es noch? Drei Studenten aus dem dritten Jahr haben als Thema für ihre Abschlussarbeit gewählt: „Was die Eltern brauchen und warum Waldorf“. Es wäre interessant die zu lesen… wenn sie jemand aus dem Türkischen übersetzen könnte!

Sinem Arslan, Tarhan Onur, Philipp Reubke

Erschienen in: IASWECE Rundbrief 09/2017