Der ganze Beuys auf einem Blatt*

Es ist, als hätte Beuys seine Idee, seine Methode, seine Technik zu plastizieren und zu denken mit Bleistift für immer aufgezeichnet. Er nannte diese Arbeit Evolution. 1974 war Volker Harlan Kunstlehrer, und es gelang ihm, Joseph Beuys zu einer Klassenstunde einzuladen. Wie das war und was sich daraus entwickelt hat, davon berichtet Volker Harlan am 26. November 2017 im Schloß Freudenberg.

Die Bleistiftzeichnung war die Antwort von Beuys auf die Bitten der Schüler; die Tafelzeichnung wurde unbedacht abgewischt.

Volker Harlan leitet uns bei der Betrachtung der Zeichnung. Eine Kopie in Originalgröße hängt seit zehn Jahren in der Schloßgalerie. Der Weg der Schloß-Mitarbeiter führt sie mehrmals täglich an dieser Zeichnung vorbei. Sie ist eine Kraftquelle und eine Denkstation.

1986 veröffentlichte Volker Harlan sein Gespräch mit Joseph Beuys (1979). Dieses Buch „Was ist Kunst?“ (es findet sich in der Schatzkiste von Schloß Freudenberg) will ich jeder und jedem an den Kopf und ans Herz legen. Darin findet sich ein Schlüssel(-Satz), der uns beim Gelingen des Projekts Freudenberg ganz neue Türen und Fenster geöffnet hat: „Das heißt einfach, ich muß mich immer wieder vorbereiten, immer wieder vorbereiten und muß mich in meinem ganzen Leben so verhalten, daß kein einziger Augenblick nicht der Vorbereitung angehört. Also ob ich nun den Garten bearbeite, ob ich mit Menschen spreche, ob ich mich im Straßenverkehr bewege, ob ich ein Buch lese, ob ich unterrichte oder in welchem Arbeitsfeld und in welchem Tätigkeitsfeld ich auch zu Hause bin, ich muß immer die Geistesgegenwart, das heißt den Rundblick haben für die gesamte Kräftekonstellation, das heißt ich muß mich immer planend vorbereiten; und dann, wenn es sich um eine spezielle künstlerische Tat handelt, daß ich einen Raum ausschmücken muß oder einen Tisch decken muß oder auch vielleicht ein Bild malen, eine Architektur machen, dann habe ich die Kräfte präsent. Dann habe ich die Prinzipien präsent. (…) Ich kann ja nicht sagen, daß irgendeiner an meine Sache zu glauben hat, ganz im Gegenteil, alles was Menschen also herausstellen – das sollte auch der neue Kunstbegriff sein – muß wie eine Frage in der Welt stehen, die nach Ergänzung und nach Verbesserung und nach Erhöhung strebt.“ (Aus: Harlan, Volker: Was ist Kunst? Verlag Urachhaus, 1986; Übung und Verwirklichung, S. 17/18)

* Dieses Blatt gibt es für 10 Euro in der Schatzkiste; zur Vorbereitung auf den Vortrag und das Seminar