Postfaktisches Zeitalter?

Kann man diesen Begriff ohne weiteres annehmen? Es gibt Worte, die das Denken zuerst verhindern

Einige Beobachter der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl haben bemerkt, wir wären nun in einem sogenannt postfaktischen Zeitalter angekommen. Dies unterstreichen sie mit dem Begriff ‹post-truth›. Dieser stammt aus dem angelsächsischen Sprachraum und wurde kürzlich von ‹Oxford Dictionaries› zum internationalen Wort des Jahres 2016 gewählt.

1 Das Wort bezeichnet gemäß ‹Oxford Dictionaries› einen Sachverhalt, bei dem «die öffentliche Meinung weniger von objektiven Fakten bestimmt wird als vielmehr von Emotionen und persönlichen Meinungen»
.2 Der Begriff erlangte vor allem im Zusammenhang mit dem Brexit-Referendum und den Wahlen in den USA Auftrieb. Die Popularität des Begriffes scheint interessanterweise gerade dort zuzunehmen, wo davon ausgegangen wird, dass das Verhalten der Wähler inadäquat sei bzw. schlicht auf einer Unkenntnis der Sachlage beruhe.

Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem, dass sich die Wähler mit ihren Voten mehrheitlich im Widerspruch zu den herrschenden Ansichten führender Presseorgane befinden. Bei beiden Fragen, sowohl bei derjenigen nach der Berechtigung eines Austritts Großbritanniens aus der eu wie bei der Frage, welche der zwei Alternativen, Donald Trump oder Hillary Clinton, besser dazu geeignet ist, das Amt des amerikanischen Präsidenten zu bekleiden, ist die Sachlage aber sowohl komplex als auch sehr umstritten. Es ist überhaupt nicht ohne weiteres klar, welche der beiden Alternativen das richtige Vorgehen beschreibt.

Der Sinn einer Beschreibung wie derjenigen des ‹Postfaktischen› dürfte damit generell in Zweifel gezogen werden. Er suggeriert nämlich automatisch, dass die Faktenlage a) für alle bekannt ist und es b) zu dieser in Wahrheit keine Alternativen gibt. Wer eine andere Meinung dazu vertritt, dass Donald Trump keine wählbare Option für den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf darstellt, oder nicht damit einverstanden ist, dass Großbritannien auf jeden Fall in der EU verbleiben muss, befindet sich im Feld des ‹Postfaktischen›. Man könnte, um es etwas drastischer auszudrücken, auch sagen: Er ist schlicht auf dem Holzweg, lebt hinterm Mond oder lässt sich bloß von Gefühlen und Meinungen leiten, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Bei einer Beschreibung dieses Phänomens wird deutlich, dass es bei der Rede vom Postfaktischen weniger darum geht, einen Sachverhalt zu beschreiben, als vielmehr darum, bestimmte Ansichten zu diskreditieren. Welchen Sinn hat das Reden von einem Postfaktischen, wenn man nicht selber der Ansicht ist, im Besitz der richtigen Fakten zu sein, und umgekehrt davon ausgeht, dass der andere es nicht ist? Es handelt sich um eine ähnlich manipulative Grundhaltung wie bei der Verwendung des Topos ‹Verschwörungstheoretiker›.

Auch hier verwendet man einen Begriff, um gezielt darauf hinzudeuten, dass dasjenige, was der andere zu sagen hat, auf jeden Fall falsch sein ‹muss›, da es nicht mit der Meinung einer medial inszenierten ‹Mehrheit› übereinstimmen ‹kann›. Aus diesem Grund müsste man beide Wörter wohl eher als ‹Unwörter› des Jahres bezeichnen. Denn beide Begriffe lassen keinen Raum für eine freie Meinungsbildung darüber, was im konkreten Fall gemeint ist. Es gibt nur diese eine Meinung darüber, wer wählbar ist und wer nicht. Wer davon abweicht, ist angeblich mit der Realität nicht mehr in Berührung.

Dies ist jedoch keine Grundlage für eine Diskussion und zeugt auch nicht von Respekt vor der Meinungsfreiheit, sondern beschränkt diese. Es sind in Wirklichkeit Diffamierungsbegriffe. Es geht darum, den Gegner vorzuführen, nicht darum, andere Ansichten gelten zu lassen. Eindrückliche Beispiele für diese Technik, findet man in dem berühmten Buch von George Orwell ‹1984›. Die hierbei verwendete Technik bezeichnete Orwell als ‹Neusprech›. Bei ihm heißt das Propagandaorgan der Regierung ‹Wahrheitsministerium›.

Istvan Hunter

1 16.11.2016 www.derstandard.at/

2000047648541/Post-truthist-das-

internationale-Wort-des-Jahres (Stand 25.11.2016)

2 2016 Oxford Dictionaries:

www.en.oxforddictionaries.com/definition/post-truth (Stand 25.11.2016)

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 1-2, 30. Dezember 2016