Ein Erfahrungsfeld für China

In China gibt es seit diesem Frühling ein Erfahrungsfeld der Sinne. Walter Siegfried Hahn erzählt, wie es dazu kam und wie es sich entwickelt.

Alles ging recht schnell. Anfang 2016 nahm ich Einladungen zu mehreren Veranstaltungen nach China an. Ich leitete in mehreren Städten einwöchige Biographie-Workshops. In deren Ankündigungen war in einer Kurz-Biographie meine Arbeit mit den Erfahrungsfeldern erwähnt. Die Dinge sprechen sich über die sozialen Medien unglaublich schnell herum. Kaum waren die Infos raus, reagierten mehrere Menschen und Unternehmen aus verschiedenen Städten. Ob ich ihnen beim Bau eines Sinnesparks behilflich sein könnte?

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Alle Sinne draußen erleben...

Es stellte sich schnell heraus, dass die Idee eines solchen Sinnesparks große Begeisterung auslöste, die Vorstellungen jedoch eher nebulös waren. Es folgten Gespräche, erste Erfahrungen mit dem Erfahrungsfeld, einige besorgten sich meine Bücher. Im August dann mehrere Veranstaltungen, darunter ein fünftägiger Workshop, der allen Interessierten in China die Grundlagen vermitteln sollte. Die vierzig Teilnehmenden kamen wiederum aus mehreren Städten. In Nanning und Beijing konsolidierten sich daraufhin Initiativen, die bis heute an dem Thema arbeiten.

Meine Wahl aber war schon früh auf Changsha gefallen. In einem der Biographie-Workshops kamen gleich am ersten Tag zwei junge Männer auf mich zu, die ihren Wunsch nach Begleitung beim Aufbau eines Erfahrungsfelds unmissverständlich artikulierten. Schön, wenn die Dinge so klar und die Beziehungen deutlich sind und man sich auf die Arbeit konzentrieren kann. Der Grundlagen-Workshop im August fand dann auch in Changsha statt.

Das Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne ist eine Ansammlung von Installationen, Stationen, Experimenten, Kunstwerken, die drinnen und draußen präsentiert werden. Das ist das Offensichtliche. Als Hugo Kükelhaus vor fünfzig Jahren im deutschen Pavillon der Expo Montreal zum ersten Mal ein solches Feld zeigte, sah dies der Physiker Frank Oppenheimer. Mit der Gründung des San Francisco Exploratorium im folgenden Jahr schuf er den Prototyp des Science Museums, dessen Exponate sich heute in 400 Standorten weltweit mehr oder weniger gleichen. Kükelhaus aber spricht in einem Zitat eines Briefes von Goethe an Hegel von einer „Methode, deren sich ein jeder, als eines Werkzeugs, nach seiner Art, bedienen möge“.

Deswegen gleicht kein Erfahrungsfeld dem anderen und, mehr: die Methode findet auf allen Lebensgebieten Anwendung. Die Welt benötigt nicht nur mehr Sinne-Erfahrungsfelder, sie benötigt noch viel mehr die Anwendung der inhärenten Methoden auf allen Lebensgebieten. Die Erfahrungsfelder sind ein großartiges Erlebnis an sich. Sie können aber auch zur Befruchtung anderer Lebensgebiete dienen: Kindergärten, Schulen, Universitäten, die in ihrer physischen Gestaltung die Sinnesentwicklung fördern als die Grundlage des Lernens; die in ihren Methoden Erfahrungen mit der realen Welt integrieren; deren Arbeitsweise auf den Lernenden beruht und nicht auf dem Lehrplan. Darüber hinaus hat die Erfahrung gezeigt, dass die Förderung der Sinne nirgendwo fehl am Platze ist: von der Kriminalpolizei zum Drogeriemarkt, von der Hausarbeit bis zum Friedensprozess, alle Arbeit, alles Leben beruht auf Sinneswahrnehmung und ihre Förderung kann daher nur sinnvoll sein.

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...viel Freude beim neuen Erleben

In Changsha sind bis zur Eröffnung 50 Stationen zusammen gekommen. Der Ausbau wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Die größte Installation ist ein Irrgarten namens „Elefant im Hut“ mit einer Fläche von 2500 qm. In deren Mitte steht eine Hörrohr-Skulptur aus riesigen aus dem Produktionszusammenhang aussortierten Leitungsrohren. Da der Gingko-Baum ursprünglich aus dieser Gegend stammt, befinden sich auf dem Gelände auch mehrere jüngere und ältere Exemplare dieser besonderen Spezies. Bei einem kleinen Gingko-Wäldchen spürt auf einem Schild Goethes Gingko-Gedicht - das in China sehr bekannt ist - in Chinesisch und Deutsch dem Mysterium von Eins und Zwei, von Ost und West nach. Zum ersten Mal ist es auch gelungen, eine Installation zu der eigenartigen Rhythmik des Osterfestes aufzubauen, an der ich seit 20 Jahren arbeite.

Wichtiger als die Installationen, das Äußere, sind jedoch die Menschen. Was wäre eine Waldorfschule ohne fähige Lehrer? Im Erfahrungsfeld braucht es heute viel mehr als noch vor wenigen Jahren Menschen, die die Besucher begleiten, ihnen etwas zeigen, ihre Aufmerksamkeit lenken und helfen, diese zu intensivieren. Viele Menschen, die an virtuelle Medien gewöhnt sind, benötigen heute diese Begleitung, um „zu sehen, was vor den Augen Dir lieget“ (Goethe) oder gar, um „vom Sehen zum Schauen“ (Kükelhaus) zu kommen. In Changsha hat sich eine Gruppe von jungen Menschen gefunden, die das Erfahrungsfeld verstehen, es zu ihrem eigenen machen und es eigenständig vertreten können. Früher waren sie Waldorflehrerin, Musiktherapeutin, Unternehmer, Universitätslehrer und Köchin und die Leichtigkeit der Zusammenarbeit mit ihnen über alle Sprach- und Kulturschranken hinaus eröffnet sich als ein Pakt, im Himmel beschlossen.

Der Tag der Eröffnung war ein besonderer Tag. Es war genau ein Jahr, nachdem mich die beiden jungen Männer angesprochen hatten. Es war der 117. Geburtstag von Hugo Kükelhaus. Und 2017 sind es 50 Jahre, seitdem Kükelhaus zum ersten Mal auf der Weltausstellung in Montreal präsentierte. Kükelhaus fühlte sich stark von China inspiriert. Mit der Eröffnung des ersten Erfahrungsfeldes der Sinne ist er ein Stück weit zum Ursprung zurückgekehrt. Höchste Zeit, denn für viele Menschen in China ist das Leben in der virtuellen Welt noch viel mehr Realität als in Europa.

Walter Siegfried Hahn

Walter Siegfried Hahn leitete von 1997 bis 2007 das Erfahrungsfeld Schloss Freudenberg und 2011 bis 2013 das Schweizer Sensorium. Seit 2006 ist er hauptsächlich in Asien für die Sinne, Bildung, Soziale Plastik und den biologisch-dynamischen Landbau engagiert. Wenn Sie sich für seine Arbeit auf den Philippinen engagieren wollen, schauen Sie bitte auf www.koberwitz1924.com oder www.waltersiegfriedhahn.de oder schreiben Sie direkt an waltersiegfriedhahn@gmx.de.

Fotos: Walter Siegfried Hahn