Kindlein, liebet einander!

Um das höchste Gebot «Liebet und behütet einander» zu verwirklichen, warnt der Evangelist Johannes: «Hütet euch vor Idolen!» Wer sind die Idole?

Es ist vielfach überliefert worden, dass die letzten Worte des greisen Johannes gewesen seien: «Kindlein, liebet einander!» Geht man davon aus, dass er das griechische Wort ‹Agape› gebraucht hat, dann wird sein Wort gemäß dem Gebot der Nächstenliebe im Johannes-Evangelium verstanden worden sein: «Liebet und behütet einander.» Denn ‹Agape› bedeutet nicht allein die seelische Kraft der Liebe, sondern im Sinne einer ‹Gastfreundschaft› auch: ‹einen Lebensraum bereiten›. So liebt nur der Mensch im johanneischen Sinne, der zugleich die Freiheit eines anderen Menschen behütet. Er liebt ihn und behütet den Raum, in dem er seine Eigenheit entfalten kann. Die letzten Worte, die Johannes schriftlich überliefert hat, sind deshalb eine Warnung vor dem Bösen. Sie finden sich am Schluss des sogenannten Ersten Briefes:

Uns ist bewusst,

dass alle Menschen,

die von Gott geschaffen sind,

leben müssen in einer Welt,

die ausgesetzt ist dem Bösen.

Aber bewusst ist uns auch,

dass Er,

der Sohn der Gottheit der Welt,

als Mensch

in die Erdenwelt gekommen ist

und uns gegeben hat

das Licht,

in dem wir erkennen

die wahrhaftige Erscheinung

des Auferstandenen …

Er ist die Anwesenheit

Gottes auf Erden

und unter Menschen,

der Lebensatem der Ewigkeit.

Darum:

«Kinder, hütet euch vor Idolen!»

Zunächst muss davon ausgegangen werden, dass die Empfänger des Briefes oder die Zuhörer bei dessen Verlesung unter Idolen heidnische Götter, Götzenbilder, insbesondere steinerne Skulpturen verstanden haben. Dringt man aber tiefer in das Werk des Johannes ein, dann erkennt man, dass sich Hinweise auf das, was einmal Idole für die Menschheit werden können, bereits in der Apokalypse, seinem ersten Werk, finden.

Abgrund zwischen Sein und Nichts

Johannes benennt das Ur-Böse in der Apokalypse mit dem Namen ‹Drakon›. Dieses Wort bezeichnet eine Schlange, die alle Welt umschlingt. Sie hat ihre Existenz an der Grenze zwischen Sein und Nichts. Sie ist der Widersacher aller Schöpfung und ist schon in den Himmeln Widersacher des noch ungeborenen Kindes der Jungfrau.

Von Drakon erzählt Johannes, dass er die Sterne, die kosmische Weisheit, mit seinem Schweif auf die Erde herab zu den Menschen geschleudert hat. Daraufhin kann Michael die rote Urweltschlange, da sie im Kosmos keine Aufgabe mehr hat, auf die Erde stürzen. Die Worte, die Johannes für das Böse findet, können insbesondere für den Menschen in der Gegenwart, der die historische und soziale Entwicklung verstehen will, von Bedeutung sein:

So wurde Drakon,

der mächtige Wurm

mit dem tötenden Blick,

der auch genannt wird

Diabolos und Satanas,

Täuscher und Kämpfer,

mit seinen dem Bösen

dienenden Geistern

hinab gestürzt

zu den Wohnstätten

der Menschen und

in die ganze Erdenwelt.

Danach hörte ich

aus der Welt der Unendlichkeit

eine mächtige Stimme.

Sie sprach:

«Jetzt endlich kann

das Werk der Erlösung werden.»

Es überrascht zunächst, dass offenbar in der geistigen Welt dieser Sturz Drakons positiv gesehen wird, auch positiv für die Menschen. Man wird dies verstehen, wenn man bedenkt, dass erst jetzt die Voraussetzungen der Freiheit gegeben sind. Der Mensch kann nun, wo Drakon unter Menschen zu wirken beginnt, im Angesicht des Bösen die Ziele der Weltentwicklung zu erfüllen beginnen. Er ist in die gefährliche Sphäre seiner Freiheit eingetreten.

Der Abgrund zwischen Sein und Nichts tut sich jetzt unmittelbar vor jedem einzelnen Menschen auf. Er muss sich dem Bösen stellen, er kann es nicht meiden, er muss es verwandeln. In der Welt des Todes darf er nicht töten. Die Geschichte der ‹Neuzeit› hat immer wieder gezeigt, dass mit Gewalt keine Freiheit geschaffen werden kann. Taten der Menschen in Raum und Zeit sind Neulandgewinnung an der Grenze des Nichts.

An das Ufer der Sinnenwelt

Und was geschieht nun auf der Erde und unter Menschen? Drakon tritt an das Ufer der Sinnenwelt. Er gibt einem Tyrannen die Vollmacht, alles zu vernichten, was Menschen aus den Kräften des Kindes der Jungfrau schaffen werden. Johannes bezeichnet den Tyrannen, der über das Meer an Land kommt, mit dem Wort ‹Tierlein›. Er gebraucht nicht das Wort ‹Tier›, sondern ‹Tierlein›, was schon bei Platon eine Bezeichnung für einen schmeichlerischen Tyrannen ist.

Dieser Tyrann hat die Gestalt eines schwarzen Panthers, Pranken wie ein Bär und einen Schlund für leere Beredsamkeit und großsprecherische Worte. Ihm wird von Drakon überdies Macht gegeben «über jede Art Heerhaufen und Rassengruppen, über Gesinnungs- und Bekenntnisbünde».

Zu dem ersten Tyrannen gesellt sich alsbald ein zweiter, ein zweihörniges ‹Tierlein›. Dieser zweite Tyrann erscheint in der Gestalt eines Lammes. Aus dem Landinneren kommt er heran. Er wirkt als Magier und ist Erzeuger von Illusionen und magischen Bildern. Schließlich fordert der zweite Tyrann, der Magier, die Menschen auf, ein Idol des ersten Tyrannen zu schaffen, ein Gerät, eine lallende Ikone. Die Menschen verfallen diesem Gerät und beten es an.

Die Anti-Schöpferkräfte

Es ist eine Trinität des Bösen entstanden. Die Anti-Schöpferkräfte des Bösen werden in dem ersten Tyrannen zu Kräften der Unternatur. Ihnen begegnet das magisch wirkende Anti-Lamm. Das Gerät aber verkörpert einen Anti-Geist. Diese Anti-Trinität ist heute in mannigfachen Formen vor den Menschen gestellt. Er glaubt zum Beispiel, auf einem Bildschirm eine Landschaft zu sehen, in Wirklichkeit steht er aber der Unternatur gegenüber, die er nicht sehen kann. Da aber aus seinem Innern in bildschaffender Illusion eine Kraft wie die des Magiers wirkt, glaubt er, diese Landschaft tatsächlich zu sehen. Denn es begegnen sich die Kräftewirkungen beider Tyrannen, Satanas und Diabolos, in einem Gerät unfassbarer Intelligenz.

Hinter dieser Trinität, Tyrann, magisches Lamm und ‹Geistgerät›, steht die Urmacht des Nichts, Drakon. Sie ist eine Anti-Dreieinigkeit.

Mit den Zielen der Schöpfung

Wie dieses Gerät, dieses Idol, Menschen in Zwangswelten führen kann, schildert Johannes mit Worten, von denen man nicht vermuten würde, sie seien im ersten nachchristlichen Jahrhundert geschrieben: «Ja, es wurde dem Magier sogar gegeben, dass er etwas wie Geist diesem Bildidol einflößen konnte. Und nun lallte das Abbild mit magischer Kraft und bewirkte, dass alle Menschen, die nicht vor ihm, dem Abbild der Bestie (der erste Tyrann), in den Staub fallen würden, aus dem Leben unter Menschen herausgedrängt würden. Denn das lallende Abbild bringt es dahin, dass alle Menschen, Geringe und Mächtige, Reiche und Arme, Hochgeborene und Unterjochte, sich selbst eine Zeichenschrift auf die rechte Hand oder auf die Stirn prägen. Das hat zur Folge, dass niemand mehr auf dem Markt kaufen oder verkaufen kann, der nicht die Prägung des Tyrannen an seinem Leib trägt.»

So wie Triebe und ihre Illusionen innere Zwänge sind, so wird das Bedienen von elektronischen Geräten für immer mehr Menschen von außen erzwungen. Und es entsteht die Aufgabe, zwischen Flucht und Verfallensein einen Weg zu finden, Schritt für Schritt Freiheit zu erobern.

In dem historischen Moment unserer Zeit steht der Mensch einer Welt der ‹intelligenten› Geräte gegenüber und den Folgen ihrer Wirksamkeit. Er kann aber auch erleben, dass er sich in seinen Intuitionen mit den Zielen der Schöpfung verbindet und dass er im Bildgestalten seiner moralischen Fantasie die Lebenskräfte Christi erfährt. Er wird dann durch moralische Technik zu Handlungen kommen, die nicht aus Datenmengen zu errechnen sind (Rudolf Steiner, ‹Philosophie der Freiheit›). In diesem Sinne kann die wahre Trinität in ihm wirken. Und er nutzt den Dienst des Gerätes nur, wo es ihm sinnvoll Arbeit abnimmt, meidet es aber, wo es durch grelle Finsternis seinen Geist blendet.

Um den essayistischen Charakter dieser Ausführungen zu erhalten, wurde auf Anmerkungen verzichtet. Alle Übersetzungen können mit Anmerkungen und Erklärungen nachgelesen werden in den Büchern von Bernd Lampe, ‹Die Apokalypse des Johannes› (ab der 4. Auflage von 2013) und ‹Die Briefe des Johannes› (2011), Kooperative Dürnau. Ebenda finden sich auch viele Texte, die das Gesagte erweitern, sowie ergänzende Kommentare.

Bernd Lampe

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 48, 27. Nov. 2015