Nachklang einer Forschungsreise

Bewusst auf den Nachklang eines Ereignisses zu achten, wahrzunehmen, was sich innerlich als Bild zeigt, auch das kann eine Form der Meditation sein  daran erinnerte der Psychiater Wolfgang Rißmann in seinem Vortrag beim Kongress ‹Meditation und Gesundheit› in Berlin.

Der Kongress ‹Meditation und Gesundheit› versammelte vom 18.-20. März über 200 Interessierte aus Nah und Fern in der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg. Initiatoren dieser ‹Forschungsreise› waren Stefan Schmidt-Troschke, ehemals ärtzlicher Leiter des gkh Witten-Herdecke und inzwischen Geschäftsführer von Gesundheit Aktiv, Anna Katharina Dehmelt vom Institut für anthroposophische Meditation sowie der Organisationsberater Rudi Ballreich. ‹Erfahren  Üben  Begegnen› war das Motto des Kongresses. Bereits nach dem sehr anregenden Einführungsvortrag von Rudi Ballreich  Wie kann es gelingen, in Situationen der Überforderung weder mit Kampf noch mit Flucht noch mit ‹Sich-tot-Stellen› zu reagieren, sondern der Ohnmacht bewusst zu begegnen? begann eine gemeinsame Erarbeitung des Sieben-Zeilers ‹Ecce Homo› von Rudolf Steiner, die sich in mehreren Einheiten bis zum Sonntag fortsetzte.

Auch wenn solche meditativen Auseinandersetzungen im Rahmen von Großveranstaltungen naturgemäß manchmal an Grenzen des ‹Stimmigen› führen, so hat die künstlerische, gediegene und zugleich freilassende Heranführung an diesen Spruch einen eigenen inneren Zugang ermöglicht. «Wenn ich um Wahrheit ringe, geht es mir besser!»  die Verbindung zwischen Meditation und Gesundheit wurde am Samstagmorgen von Michaela Glöckler ins rechte Licht gerückt: Geistige Arbeit kann gesundheitlich Kräfte bilden, aber die Wahrheit ist unbestechlich, ich muss um sie ringen, freiwillig und ehrlich. Meditation als Mittel zum Zweck der Gesundheitsförderung bleibt fragwürdig. Ja, manchmal ist Krankheit sogar ein Prozess, der die Harmonie zwischen Leib, Seele und Geist erst wieder neu herstellt  auch dieses Motiv tauchte in einem der lebendigen Publikumsgespräche auf.

Für eine komplementäre Anschauung des Leib-Seele-Problems plädierte auch Harald Walach (Viadrina  Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften), der auf die zivilisatorische Notwendigkeit einer ‹geistigen Hygiene› hingewiesen hat: «Stellen Sie sich vor, in 500 Jahren wird man auf unsere Zeit zurückschauen und mit Unverständnis sagen: Die haben damals wirklich jeden Abend den Fernseher angemacht!» Zwölf verschiedene Workshops, von der Vital-Eurythmie über Rückschau-Übungen bis zur Einführung in das zurzeit weltweit überaus erfolgreiche mbsr-Programm (Mindfulness based Stress Reduction) boten reichliche praktische Anregung.

In meinen persönlichen Nachklang mischt sich die Stimme einer Workshop-Teilnehmerin, die am Sonntagmorgen nachdenklich sagte: «Ich bin innerlich ganz betroffen … Wir sind gerade zu Fuß durch Kreuzberg hierhergelaufen und sind so vielen Menschen begegnet, die diesen Luxus, diesen Raum nicht haben, den wir hier pflegen …» So zeigt sich einmal mehr, dass gerade für den, der meditativ arbeitet, die persönliche Gesundheit bald nicht mehr zu trennen ist von der Gesundheit des ‹sozialen Organismus›. Von hier aus eröffnet sich ein weites Feld aber die ‹Forschungsreise Meditation und Gesundheit›, die hat ja erst begonnen...

Clara Steinkellner

Clara Steinkellner, geb. 1985, nach Waldorfschulzeit in Graz/Österreich und sozialem Jahr in Rumänien Diplomstudium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien. Seit 2008 Organisation von öffentlichen Tagungen zu Fragen der Bildungsfreiheit, Zivilgesellschaft und sozialen Dreigliederung im Rahmen der Freien Bildungsstiftung (www.freiebildungsstiftung.de). 2012 Veröffentlichung der erweiterten Diplomarbeit „Menschenbildung in einer globalisierten Welt Perspektiven einer zivilgesellschaftlichen Selbstverwaltung“ unserer Bildungsräume bei der Edition Immanente. Aktuelles Projekt ist der Kongress „Geist & Kapital - Von der fremd-verwalteten zur selbst-gestaltenden Gesellschaft“ von 27.-30.10. 2016 in Berlin (www.geistundkapital.de).

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 19, 6. Mai 2016