Für Freiheit im Erziehungswesen unter dem Dach der Welt

Bericht aus Kirgistan

Wolfgang-M. Auer, Witten, Deutschland

Kirgistan ist ein kleines, gebirgiges Land in Zentralasien. Seine Hauptstadt Bischkek liegt so südlich wie Rom und so östlich wie Bombay. Die Stadt war früher eine Station auf der Seidenstraße und ist heute noch ein wichtiges Handelszentrum in Zentralasien. Normalerweise sind die Winter hier kalt, die Sommer heiß. Aber in diesem Jahr ist der Winter – ähnlich wie in Europa – viel zu warm.

Es gab zwar Mitte Januar noch einige Reste vom letzten Schnee, aber die schmolzen mit den Wärmegraden schnell dahin.

Seit 25 Jahren gibt es in Bischkek eine anthroposophische heilpädagogische Einrichtung mit Namen Nadjeschda (Hoffnung), deren intensive Arbeit vielfältige Samen ausgestreut hat, die in den letzten zehn Jahren und nun immer mehr aufgehen.

So gibt es in Bischkek und in anderen Orten des Landes sieben Kindergärten, die nach der Waldorfpädagogik arbeiten oder sich an ihr orientieren, ebenso heilpädagogische Einrichtungen. Seit kurzem gibt es zwei Initiativen für eine Waldorfschule, eine in der Hauptstadt, eine auf dem Land. Immer mehr Menschen sind an Waldorfpädagogik interessiert und haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Im vergangenen Herbst wurde ein pädagogisches Beratungszentrum gegründet, an das sich Eltern wenden können, um Rat und Hilfe zu erhalten.

Am 25. Januar 2016 begann in Bischkek in der Arabajeva-Universität der dritte Ausbildungskurs fürWaldorfpädagogik mit 45 Personen. Sie kommen aus den Waldorfkindergärten, den waldorforientierten Kindergärten und städtischen oder Montessori-Einrichtungen sowie aus Nadjeschda und anderen Schulen und Kindereinrichtungen. Mit großem Interesse und mit Engagement stiegen diese Menschen ein, als es darum ging, die Grundlagen der Menschenkunde, die Wesensglieder und Jahrsiebte zu erarbeiten. In Gruppen wurden dann kindergartenspezifische bzw. schulspezifische Themen bearbeitet, einmal die Bedeutung von Rhythmus und Spiel für das kleine Kind, zum andern Lehrplan und Struktur einer Waldorfschule sowie die Methodik des bildhaften Unterrichts. Gemeinsames Singen und Aquarellmalen machten den Tag ausgewogen und erfüllt. Die Abschlusspräsentation zeigte, wie tief berührt viele Teilnehmerinnen von dieser ersten Seminarwoche waren und wie viel sie von den Zusammenhängen bereits begriffen haben. Ein beflügelnder Beginn.

Dieser Kurs wird finanziell unterstützt durch die Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten (IASWECE) und durch die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners.

Die inhaltliche Verantwortung für das Seminar liegt bei Karla-Maria und Igor Schälike, Bischkek (KG), Pädagogen und Leiter von Nadjeschda, Olga Starostina, Moskau (RU), Waldorferzieherin und Dozentin am Seminar in Moskau, und Wolfgang-M. Auer, Witten (DE), Waldorflehrer und Dozent an verschiedenen Waldorf-Erzieherseminaren. Ergänzt wird das Kollegium durch Dozenten für praktische und künstlerische Fächer.

Im Oktober 2015 fand der vorige Ausbildungskurs mit einer öffentlichen Präsentation in der Aula der Arabajeva-Universität seinen Abschluss. 22 Teilnehmerinnen konnten das Zertifikat über die erfolgreiche Teilnahme am Kurs entgegennehmen. Einige weitere müssen noch ihre Abschlussarbeit oder Teile des Kurses nachholen.

Einige der Absolventen arbeiten in den Waldorfkindergärten und im Kindergarten und in der Schule von Nadjeschda. Eine weitere in der kleinen Waldorfschule in Almaty, Kasachstan. Eine Absolventin ist Leiterin eines großen städtischen Kindergartens in Novaja Buchtarma in Kasachstan, einem abgelegenen Ort am Fuße des Altai. Sie ist Feuer und Flamme für die Waldorfpädagogik und hat immer Erzieherinnen zu den Kursen mitgebracht, damit sie ihren Kindergarten gemeinsam umgestalten können. Eine Gruppe von Erzieherinnen kommt aus Batken, einer Hochebene im Süden Kirgistans, wo die Siebentausender des Pamir aus der Ferne grüßen. Sie versuchen nun in ihren städtischen oder dörflichen Kindergärten Elemente der Waldorfpädagogik umzusetzen und werden dabei von der zuständigen Erziehungsbehörde unterstützt. Die Menschen schätzen an der Waldorfpädagogik die erziehungspraktischen und künstlerischen Anregungen, schätzen aber vor allem das freiheitliche Element in der Erziehung und die Wahrung der Würde des Einzelnen. Auch die

Besucher der öffentlichen Abschlussveranstaltung im Oktober 2015 haben das bemerkt. Manche von ihnen sind nun Teilnehmer des neuen Kurses.

Wolfgang M. Auer ist Dozent an verschiedenen Waldorfseminare in Deutschland und Autor mehrerer Bücher