Sozialtherapie in Südindien

„Happy Diwali“ hört man es überall in den städtischen Gefilden rufen. Es ist Mitte November des vergangenen Jahres und das hinduistische Lichterfest Diwali - mit Weihnachten vergleichbar - wird lautstark gefeiert. Die Lautstärke entsteht durch die mehrere Tage und Nächte andauernde Entzündung von Feuerwerkskörpern, für die man gerne sein letztes Geld ausgibt. Sofern man überhaupt welches besitzt.

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Heilpädagogik in Indien

In den Großstädten des östlichen Südindien verursacht der Spätmonsun gerade steigende Wasserpegel und oft auch länger anhaltenden Stromausfall. In der heißesten Zeit übersteigen die Temperaturen manchmal sogar die 45 Gradmarke. Indien ist eine Atommacht und brilliert weltweit im IT Sektor, die flächendeckende Versorgung mit Toiletten gelingt hingegen noch nicht. Wo es Gehwege gibt, sind diese ziemlich vermüllt und die Straßen ständig verstopft. Ein Grund dafür sind die Kühe, die in beneidenswerter Gelassenheit vor sich hin trotten oder sich niederlassen wann und wo auch immer es dem Leittier gerade gefällt: Auf einer vierspurigen Schnellstraße, vor dem Eingang einer Bank oder an der Tankstelle. Eine echte Herausforderung für den verwöhnten Mitteleuropäer.

Den Ausgleich zum Großstadterlebnis bietet ein Besuch bei den „Friends of Camphill“ am Rande von Bengaluru, der drittgrößten Stadt des Landes mit etwa neun Millionen Einwohnern. Wie eine Oase zeigt sich diese Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für junge Menschen mit Behinderungen. Umgeben von einem wunderschönen Garten in dem Gemüse und Früchte angebaut werden, finden sich auch einige Werkstätten. Den Bewohnern geht es sichtlich gut und es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Nur die auf Diebstahl getrimmten Affen nerven mitunter.

Seit 1999 lebt hier die Gründungsfamilie gemeinsam mit 24 Bewohnern und vielen jungen Freiwilligen, welche meist über die „Freunde der Erziehungskunst“ dorthin kommen. In zwei Wohnhäusern wohnt hier die Herrenwelt getrennt von der Damenschaft. Die Gemeinschaft fühlt sich dem Camphill-Impuls verbunden und ist ein zentraler Ort anthroposophischer Sozialtherapie in Indien. Religiöse Vielfalt wird praktiziert, weshalb das ganze Jahr hindurch zahlreiche Feste gefeiert werden.

Eines von ihnen ist das Lichterfest, welches anders als viele Feste in gebührender Stille abgehalten wird. Die Menschen tragen feierliche, bunte Gewänder und es riecht nach guter Küche. Die Festtafel wird auf dem frischgeputzten Steinboden angerichtet und man isst mit den Fingern. Der Boden wurde zuvor mit aufgemalten Mandalas und Lichterzeichen verziert und die Verteilung des Essens läuft nach einem strengen Plan ab.

Größter Wunsch der „Friends of Camphill“ ist es nun, weitab von der Großstadt inmitten der Natur ein neues Haus zu bauen. Ein Grundstück wurde bereits erworben und wird in biologisch-dynamischer Anbauweise bewirtschaftet. Für das Haus hingegen fehlt es noch an Mitteln. Die Zukunft wird zeigen, ob dieser Wunsch bald in Erfüllung gehen kann.

Thomas Kraus

Kasten

Sozialtherapie in Indien

Indien hat die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen bereits 2007 ratifiziert und sich damit verpflichtet deren Versorgungslage zu verbessern. Tatsächlich profitieren davon aber hauptsächlich die Stadtbewohner. In ländlichen Gegenden gibt es kaum staatliche Versorgungssysteme, obwohl die überwiegende Mehrheit der Menschen mit Behinderungen eben gerade dort lebt. Derzeit gibt es in Indien vier Gemeinschaften, die sich an der anthroposophischen Sozialtherapie orientieren und in denen knapp 90 Menschen begleitet werden.

Erschienen in: Rundbrief „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.“ - Frühjahr 2016

Foto: Freunde der Erziehungskunst