„Ich wollte Deutschland schon lange kennenlernen“

Eine chinesische Freiwillige in der Freien Waldorfschule Erftstadt

„Ich wollte unbedingt einen Freiwilligendienst in Deutschland machen“ sagt die Incoming-Freiwillige Luxin Deng, „weil ich so eine gute Chance habe, das wirkliche Leben in Deutschland kennenzulernen.“ Am Donnerstag, den 30. Juni sprach die Erftstädter Bundestagsabgeordnete Helga Kühn-Mengel (SPD) in der Freien Waldorfschule Erftstadt mit der chinesischen Freiwilligen Luxin Deng und VertreterInnen der Schule über die Erfahrungen und Chancen eines sogenannten Incoming-Freiwilligendienstes in Erftstadt. „Wir brauchen viele so engagierte Menschen wie Luxin,“ so die SPD-Politikerin, „die vor, während und nach ihrem Dienst ihr Umfeld dazu bringen sich mit Themen wie lokaler Integration und internationalem Engagement auseinanderzusetzen.“

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Luxin Deng in der 2. Klasse

Luxin Deng engagiert sich als eine von über 1500 sogenannten Incoming-Freiwilligen in Deutschland. Seit September 2015 ist sie für fast ein Jahr als Klassenhelferin in einer 2. Klasse tätig und unterstützt die Nachmittagsbetreuung der offenen Ganztagsschule. Ziel des pädagogisch begleiteten Programms im Rahmen des Projekts „FSJ Incoming aus dem globalen Süden“ (FSJ INGLOS) ist das gegenseitige Kennenlernen, die Stärkung des Perspektivwechselns und die internationale Vernetzung.

Luxin gefällt insbesondere die direkte Kommunikation der Kinder mit ihr. „Die Kinder sind sehr direkt mit mir. Wenn ich etwa Kirche und Kirsche falsch ausspreche, korrigieren sie mich sofort. Die Erwachsenen sind da höflicher.“ Auch dem etwas langsameren Leben in Erftstadt kann sie viel abgewinnen: „In China läuft das städtische Leben in einem raschen Tempo ab, im Gegenteil dazu ist mein Alltag hier langsamer und ruhiger. So finde ich Zeit über meine Erfahrungen zu reflektieren, meinen Freunden in China zu schreiben und das Leben in Deutschland besser zu verstehen.“

Ein Incoming-Freiwilligendienst bietet den Beteiligten die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden der jeweiligen sozialen, ökologischen, ökonomischen und politischen Gegebenheiten. Die Incoming-Freiwilligen kommen ebenso mit inländischen Freiwilligen zusammen wie mit Menschen, die bisher nur wenig Kontakt mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Sprachen haben, mitunter sogar Berührungsängste (s. Flüchtlingsdiskurse).

„Den Kindern in der Schule ermöglichte Luxins Anwesenheit“, so ihre Koordinatorin Andrea Errenst, „die Chance, sich damit auseinanderzusetzen, wie es ist neu und fremd zu sein. Auch wenn Luxin durch ihr Deutschstudium in China schon Sprachkenntnisse mitbrachte, brauchte es einige Zeit bis sie sich im deutschen Umfeld zurechtfand und sich alle aneinander gewöhnten.Insbesondere am Anfang ihrer Zeit in der Schule fand viel Auseinandersetzung statt,“ so Andrea Errenst weiter. Einige der Schüler*innen verhielten sich etwas abweisender Luxin gegenüber. „Als die Schüler*innen jedoch beobachteten, dass die Erwachsenen ganz normal mit Luxin umgingen,“ meint ihre Praxisanleiterin Hanna Heinzelmann „veränderte sich auch das Verhalten der Schüler zum Positiven.“ Von Schüler*innen wurde „sie viel zum Leben in China gefragt und wie es ist dort Schülerin zu sein“ erzählte Luxin.

Frau Kühn-Mengel würdigte am Ende das internationale soziale Engagement der Freiwilligen und der Waldorfschule. Sie stellte fest: „Die Förderung der Teilnahme von internationalen Freiwilligen am FSJ oder BFD leistet einen wichtigen Beitrag für ein ein Miteinander in einer globalisierten Welt, für Integration und Akzeptanz.“ Kühn-Mengel weiter: „Durch einige zusätzlich geförderte Maßnahmen bietet das Sonderprojekt FSJ INGLOS eine wichtige Grundlage zum weiteren Ausbau dieser interkulturellen Programmkomponente in den Freiwilligendiensten“.

Während Luxin in einigen Wochen ihre Koffer für die Heimreise nach China packt, wartet schon eine Freiwillige aus Brasilien auf das Ende der Sommerferien. Dann beginnt ihr einjähriger Freiwilligendienst an der Waldorfschule in Erftstadt.

Tore Süßenguth

Das Projekt FSJ INGLOS

Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderte dreijährige Projekt FSJ INGLOS zielt auf die Stärkung des persönlichen Austausches mit jungen Menschen aus Ländern des globalen Südens ab. Daneben steht die Förderung der interkulturellen Arbeit der Einsatzstellen im Fokus. Gleichzeitig werden die internationalen Partnerorganisationen bei der Vor- und Nachbereitung sowie Begleitung der Freiwilligen im Hinblick auf die Multiplikation der neu gewonnenen Kompetenzen im lokalen Heimatumfeld unterstützt. Koordiniert wird das Projekt von Trägerorganisation. Interessierte Einsatzstellen, die auch einen internationalen Freiwilligen aufnehmen möchten, können sich an die Koordinierungsstelle AKLHÜ per E-Mail: incoming@entwicklungsdienst.de oder Tel.: 0228-9089924-10 wenden.

Stimme der Gasteltern

„Die für uns interessanteste Beobachtung ist der kulturelle Vergleich. Erst mit Luxin haben wir am lebendigen Beispiel richtig schätzen gelernt, wie privilegiert wir in unserem Land sind in Bezug auf ökologische, soziale und politische Belange, wie auch mit der Möglichkeit zur Waldorfpädagogik. Ihre Wertschätzung für das, was sie diesbezüglich hier erlebt hat, erleben wir als kostbar. Unser Eindruck ist, dass unsere Freiwillige hier so viele Eindrücke gesammelt hat, dass sie viele Impulse mitnimmt, um zuhause auch gesunde Impulse zu setzen auf ihrem weiteren Lebensweg. Unser eigenes Bild über die Kostbarkeiten der alten Hochkultur China konnten wir ebenfalls im lebendigen Austausch erneuern. Auch das war sehr wertvoll.“

Foto: Tore Süßenguth