Flüchtlingsbewegung hat auch geistige Ursachen

Laut Unternehmensberater Udo Herrmannstorfer haben die Flüchtlingsströme nicht nur mit den lebensbedrohlichen Zuständen in den Herkunftsländern zu tun sondern auch geistige Ursachen im Selbstständigkeitsstreben der Menschen.

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Flüchtlinge auf dem gefährlichen Weg nach Europa

Auf die geistigen Ursachen der derzeitigen Flüchtlingsströme hat Udo Herrmannstorfer bei einer Veranstaltung über Fragen sozialer Dreigliederung im Februar in Stuttgart aufmerksam gemacht.

Es würden zwar „gigantische Anstrengungen“ unternommen, um die praktischen Herausforderungen des Flüchtlingszustroms im Alltag in den Griff zu bekommen, sagte Hermannstorfer, mit der gleichen Intensität werde aber nicht nach den Ursachen geforscht, die zu dieser prekären Lage geführt hätten.

Herrmannstorfer, der als Unternehmensberater tätig ist und das Institut für zeitgemäße Wirtschafts- und Sozialgestaltung in Dornach/Schweiz leitet, betonte, es reiche nicht aus, auf der physischen Ebene nach den Ursachen der Flüchtlingsströme zu suchen, indem man auf die Ausbeutung der Herkunftsländer durch die Markwirtschaft hinweise: „Die eigentlichen Ursachen gehen viel, viel tiefer“.

Sie hängen aus der Sicht Herrmannstorfers auch mit der geistigen Entwicklung des Menschen zusammen und nicht nur mit den kriegerischen oder ökonomischen, lebensbedrohlichen Zuständen in den Herkunftsländern. „Alle Kulturen werden mit mehr oder weniger Zeitverzögerung damit umgehen müssen, dass Menschen sich selbständig zu fühlen beginnen“.

Freiheitsstreben

Das Bewusstsein von der individuellen Freiheit des Menschen werde sich ausbreiten, „das lässt sich gar nicht verhindern, das gehört zum Zeitgeschehen“. Menschen beanspruchten ihre Selbstständigkeit auch dann, wenn sie diese nicht erkenntnistheoretisch begründen könnten und sich selbst anders verhielten. „Das Streben nach Freiheit ist ein unverzichtbares Element im Gegenwartsleben geworden.“

Herrmannstorfer sprach beim Kolloquium „Offene Fragen im Verhältnis von Geistesleben, Wirtschaft und Staat“ im Stuttgarter Forum3, die Referate dazu sind in der März-Ausgabe der Zeitschrift „Sozialimpulse“ abgedruckt. Unter anderem geht es darin auch um die steigende Bedeutung der Zivilgesellschaft als dritter Kraft neben Markt und Staat, die auch an der Bewältigung des Flüchtlingszustroms deutlich wird.

Ein Kennzeichen der zivilgesellschaftlichen Engagements sei es, so wurde im Beitrag von Clara Steinkellner hervorgehoben, dass es immer von einzelnen Menschen ausgehe und auch von ihnen abhänge. Alle zivilgesellschaftlichen Organisationen, vom kleinen Verein bis hin zu den großen NGOs wie Amnesty international seien von „konkreten Menschen begründet worden, haben ihre Existenz einem ‚zündenden’ Gespräch am Küchentisch zu verdanken“, so Steinkellner, die Autorin eines Buches zum Thema Engagement der Zivilgesellschaft im Bildungswesen ist. (siehe Literaturhinweis)

END/nna/ung

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Literaturhinweis

Steinkellner, Clara: Menschenbildung in einer globalisierten Welt. Perspektiven einer zivilgesellschaftlichen Selbstverwaltung unserer Bildungsräume, Edition Immenente Berlin 2012.

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