Wertschätzung, Sinn und Strukturiertheit hält Mitarbeiter gesund

Die Tagung „Mindful Leadership“ an der Universität Witten/Herdecke diskutierte Voraussetzungen einer neuen Organisationskultur.

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Der Film „From Business To Being“ erzählt die Geschichte dreier Führungskräfte, die sich auf die Suche nach Wegen aus dem „Hamsterrad des Getriebenseins“ gemacht haben.

Foto: http://mindful-leadership-konferenz.de/

Um Wege zu einer neuen Organisationskultur ging es bei einer Tagung an der Universität Witten/Herdecke im April. „Mindful Leadership - präsent und bewusst führen, dabei gesund bleiben“ war der Titel.

Fahnen am Eingang des Kongresses begrüßten die Teilnehmer mit Aufschriften wie „Soziale Verantwortung“, „Nach Wahrheit streben“ und „Zu Freiheit ermuntern“ so wurden Führungskräfte, Coaches und andere der 100 Kongressteilnehmer auf das eingestimmt, was sie erwartete.

Reduktion von Stress, war auf dem Kongress zu hören, ist dabei nicht ausschließlich eine Frage der angemessenen Arbeitsverteilung, sondern hängt eher von der Fähigkeit zum Selbstmanagement ab. Anzustreben sind Verhaltensweisen, die darauf abzielen, Arbeitsbedingungen, -organisation, und -zeiten für die eigene Person und auch für die Mitarbeiter so zu gestalten, dass Überforderung und Dauerstress vermieden werden.

Die Organisationskultur ist nicht nur für die Gesundheit der Mitarbeiter entscheidend, sondern auch für ihr Qualitätsbewusstsein und ihre Bindung an ihr Unternehmen, berichtete Bernhard Badura, einer der einflussreichsten Forscher zum Thema Gesundheitsmanagement.

Er sprach von einer „Kopfarbeitergesellschaft“, denn im 21.Jahrhundert werde zu 90 Prozent mit dem Kopf gearbeitet. Hier diene die Unternehmenskultur als wichtigstes Instrument zur Steuerung von Aufmerksamkeit und Energie der Mitarbeiter.

In Prozentzahlen ausgedrückt, heißt das: laut Statistik gibt es 4% Fehlzeiten, 46% der Beschäftigten sind anwesend bei der Arbeit, aber eingeschränkt durch körperliche, emotionale oder kognitive Beeinträchtigung. Gesünder mit geringer emotionaler Bindung sind 34%, gesünder mit hoher emotionaler Bindung 16% der Beschäftigten.

Werte, an die die Menschen wirklich glauben können, interessieren sie viel mehr, Führungskräfte die dies wissen und es einbeziehen, geben ihren Mitarbeitern damit das Gefühl, dass ihre Arbeit Sinn hat, der über die alltäglichen Aufgaben oder Qualitätsziele hinausgehen kann.

Von Biologie zu Psychologie

Prof. Joachim Bauer aus Freiburg, der sich als Arzt, Psychotherapeut und Neurowissenschaftler damit beschäftigt, wie die Arbeitswelt gestaltet sein soll, forderte: Herausforderungen sollten bewältigbar sein. Interaktionen würden Motivation und Anstrengungsbereitschaft stärken. Wer führe, müsse auch Vorbild sein, nur wer sich selbst steuern kann, könne auch führen, verdeutlichte Bauer.

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Passend zum Titelbild der Konferenz, auf dem ein Mensch auf einem Berggipfel zu sehen ist, hatte das Tagungsteam die musikalische Begleitung ausgewählt: Moderne alpenländische Musik mit Alphorn und instrumenteller Begleitung brachte Loisach Marci zu Gehör.

Foto: Universität Witten/Herdecke

Es ist das neurobiologische System selbst, das Botenstoffe wie die körpereigenen Dopamine, Opiate und Oxitazin im sozialen Miteinander anregt, wurde erklärt, der Organismus scanne so permanent, ob eine Beziehung wertschätzend sei. Aus Biologie werde so Psychologie und damit auch soziale Akzeptanz. Die Kunst eines Vorgesetzten bestehe nun darin, Leistung zu erreichen, indem bei der Arbeitshaltung Vermittlung durch Sprache und Körpersprache, eine angemessene Dossierung, die Beachtung der Gruppendynamik sowie wertschätzende Kritik und persönliche Gespräche als wichtig angesehen werden. Damit könne man sozusagen „andere anstecken“, eine besondere Bedeutung komme der Sprache zu.

Spiegelungen und Resonanz in Führungsstil seien wichtig aufgrund der Spiegelneuronen. Diese Nervenzellen werden zusätzlich aktiv, wenn das Subjekt sieht oder miterlebt, wie ein anderes Individuum handelt oder fühlt. So werden ein inneres Miterleben und intuitives Verstehen möglich. Im Beobachter ausgelöste Resonanz könne dann Handlungsbereitschaft hervorbringen.

Bauer schilderte den Menschen als Beziehungswesen, der Weg zum Burnout ist als Folge einer Zwickmühle anzusehen, in die der einzelne einerseits durch vermehrtes Engagement, andererseits aber auch durch Veränderungen im System gerate. Meist sei es weniger Stress von außen, sondern die inneren Kämpfe, die die Energien verzehrten.

Stimmigkeit

Diese innere Dynamik lasse sich ändern, nicht aber die äußere. Im heutigen „Beschleunigungszeitalter“ müsse man auch wissen, dass man nicht allem gerecht werden kann.

Gehe man davon aus, dass alle Fähigkeiten in sich haben, so fördern auch Fokussierungen der Aufmerksamkeit bestimmte Wirkungen, schaffen Raum um die Beteiligten, sehen die Netzwerke in ihnen und wie Kontexte miteinander verbunden werden können.

Organisationsberater Rudi Ballreich umschrieb „mindful leadership“ als Umgang mit dem eigenen Bewusstsein, notwendig dazu seien Besonnenheit, flexibles Nachdenken und gezielte Selbststeuerung. Die „Spielregeln“ für den Weg in den Burnout fasste er so zusammen: „Zeig ja nicht, dass Du überfordert bist, engagiere dich, egal wie es Dir geht, sei kein Schwächling, bring dein Ergebnis, egal wie viel es dich kostet.“

Alle diese Punkte haben krankmachende Wirkungen, gesundend ist ein Kohärenzgefühl, das entsteht in der Stimmigkeit, wenn im Unternehmen die Organisation als geordnet, strukturiert, erklärbar und auch vorhersehbar erlebt werde. So könne man auch schwierige Situationen in der Arbeit als sinnvolle Herausforderung erleben, gilt als Ermunterung.

Peter Bostelmann von der Firma SAP stellte vor, wie Achtsamkeitstraining im Unternehmen global praktiziert wird. Nicht nur um die Erklärung, welchen Wert Achtsamkeit habe für das Unternehmen gehe es, notwendig sei auch ein wissenschaftlicher Erklärungsansatz: Grasswurzelinitiative versus Exekutive sei dabei ein Bild.

Das Training für die Mitarbeiter führe auch dazu, dass eine 1-5 oder 5-20 minütige Meditation angeleitet wird, die danach täglich praktiziert werde. Mehrere Wochen nach dem Training werden durch Nachfragen Verbesserungen ermittelt. Durch „global mindfulness practice“ sorge SAP nicht nur für Software, sondern auch für die Entwicklung der Mitarbeiter. Hinzukommen virtuelle Gruppenbildungen durch interne Kollaborationsplattformen, durch die man Nachhaltigkeit generieren könne.

Achtsamkeit und Führung

Der Kongress bot auch vielfältige Trainingseinheiten unter Anleitung wie Achtsamkeitsübungen, die den Atem zur Ruhe kommen lassen oder Empathie sich selbst und anderen gegenüber entstehen lassen. In Workshops wurden Grundlagen von Führungskompetenz erarbeitet durch Übungen zur Stärkung der eigenen körperlichen, emotionalen und kognitiven Präsenz. Angeboten wurden auch Übungen zur Entwicklung einer offenen Bewusstseinshaltung als Grundlage für kreatives Denken, für Gefühlsresonanz und Intuition.

Eine ganze Reihe von Studien belegt den Zusammenhang zwischen Führungsstil und Gesundheit der Mitarbeiter. Die Organisationskultur und das soziale Klima haben danach großen Einfluss darauf, ob und wie kränkend Belastungssituationen erlebt werden. Führung, die im Sinn von Gesundheit wirke, sorge für Rollenklarheit, für Entwicklungsmöglichkeiten und Sinnvermittlung.

In dem Film „From Bussiness to Being“, der 2015 auf dem internationalen Dokumentarfilm-Festival in München unter die Publikumslieblinge gewählt wurde und im Herbst in die Kinos kommen wird, zeigen sich die Veränderungen, die möglich sind und werden durch eine neue Unternehmenskultur.

Ein berufsbegleitender Masterstudiengang ist an der Universität Witten/Herdecke in Vorbereitung zu Grundlagen und Praxis der systemischen Organisations- und Wirtschaftsmediation.

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