unterWEGs

„Wissen, damit Helfen klappen kann.“

Am 17. Juni 2016 beginnt am Quellhof in Kooperation mit stART international e.V. die Flüchtlingshelfer-Weiterbildung unterWEGs an vier Wochenenden, die sich vor allem an PädagogInnen, TherapeutInnen und alle FlüchtlingshelferInnen wendet. Hier erzählen die beiden Initiatorinnen, Annemarie Thimm vom Quellhof und Lisbeth Wutte von stART international e.V. über die spezielle Konzeption, die Dozenten und warum sie sie überhaupt anbieten.

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Annemarie Thimm, Lisbetth Wutte - Initiatorinnen von migratio und unterWEGs

Guido Heidrich (GH): Was war die Motivation zu unterWEGs?

Lisbeth Wutte (LW): Ich arbeite bei stART international, einem Zusammenschluss von Pädagogen und Künstlern, die nothilfe-pädagogisch vor Ort arbeiten, so etwas wie „Künstler ohne Grenzen“ oder anders ausgedrückt wie eine länderübergreifende Nachbarschaftshilfe mit Mitteln der Kunst. Jetzt stellte sich die Frage, was zu tun ist, wenn viele Flüchtlinge aus dem arabischen Raum, vor allem aus Syrien, nach Deutschland kommen. Darum möchten wir nun auch hier etwas anbieten.

Annemarie Thimm (AT): Für mich ist es ein sehr persönlicher Grund: Ich bin selbst sechs Jahre in Afrika aufgewachsen und habe ein tiefes Verhältnis zu diesem Kontinent. Und in der jetzigen Flüchtlingssituation fragte ich mich, was ich ganz real zurückgeben kann von der Gastfreundschaft, die ich selbst erleben konnte und wie wir auf die Nöte der Menschen antworten können. Als wir am Quellhof eine Tagung vorbereiteten, entstand die Idee, für eine Weiterbildung, die Werkzeuge für die ganz praktische Arbeit mit Flüchtlingen bereitstellen soll.

GH: Für wen ist die Ausbildung konzipiert?

LW: Zum einen für Pädagogen. Immer wieder hören Lehrer von ihren Schülern, dass sie gerne helfen würden. Auch sie selbst, die Lehrer, möchten oft gerne Flüchtlingskinder in ihre Klasse aufnehmen, brauchen dazu aber noch mehr Kenntnisse und Handwerkszeug. Und für Therapeuten, die sich u.a. bereits mit der Trauma-Arbeit beschäftigen, aber sich fragen: „Ist dieses Wissen ausreichend im Zusammenhang mit den Flüchtlingen?“ Und natürlich die vielen freiwillig Engagierten, die tätig sind oder werden wollen. Denn eins wird immer deutlicher: Goodwill reicht nicht aus. Dafür sind die Anforderungen zu groß. Schnell entstehen Enttäuschungen und Frustrationen einfach daraus, dass man zu wenig weiß von den Flüchtlingen, ihrer Kultur aber auch Not. Als ein Beispiel erinnere ich an die bayerische Mutter, deren viele Brezeln und Apfelschorle von den Flüchtlingen nicht angenommen wurden weil Sprudel in Getränken eher als abschreckend empfunden wurde. Schon einfaches Wissen ist nötig, damit Hilfe klappen kann.

AT: Die Weiterbildung wendet sich an Jedermann, Jedermensch. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir gerade mit dem großen Pool aus der Waldorfpädagogik viele Dozenten kommen auch aus diesem Bereich gutes Handwerkszeug bereitstellen können, um praktisch und aus der Erfahrung heraus mit Kindern arbeiten zu können. Da hoffen wir doch sehr, dass auch die angesprochen werden, die aus diesem Bereich kommen.

GH: Welche Werkzeuge bekommen die Menschen an die Hand?

LW: Vorab, was wir nicht anbieten oder schaffen: Themen wie Asylanträge oder rechtliche Fragen. Diese sind sehr wichtig und werden von Einrichtungen wie der Caritas oder anderen Initiativen bereits behandelt. Unser Schwerpunkt liegt bei der Frage, wie die Menschen in unsere Gesellschaft integriert werden können. Denn, geht es darum, wie zu früheren Zeiten, dass wir ein Leitbild haben, in die sie sich integrieren sollen oder geht vielleicht darum, wie sich unsere Gesellschaft im Hinblick auf die starke Interkulturalität, die da auf uns zukommt, reagieren oder verwandeln kann? Deshalb heißt auch unser erstes Modul „Interkulturalität den Wandel wollen“. Grundfrage: Welcher Wandel kommt auf uns zu und wie wollen wir ihn gestalten?

AT: Dabei wird es auch darum gehen, zu verstehen, aus welchem Kontext ich selbst komme und aus welchem ein Flüchtling. Dass ein Mann aus dem Islam einer Frau nicht in die Augen schaut oder ein vermeintlich lascher Händedruck eigentlich Wertschätzung ausdrücken kann, dafür gilt es, ein Problembewusstsein zu schaffen, um nicht immer gleich zu einer Be- oder Verurteilung zu kommen.

Dann geht es auch um das Thema „Self-Care“, also die Frage: Wie kann ich bei Kräften und bei mir bleiben? Und dann auch das Wissen über den Umgang mit Traumata. Wie kann ich damit umgehen? Ein drastisches Beispiel: Wenn ich in gutem Willen mit Flüchtlingen eine Bodensee-Tour mache und die Menschen reihenweise zusammen klappen und ich mich dann wundere, dann sollte ich etwas über Re-Traumatisierungen wissen. Hinzu kommen auch Werkzeuge für Konfliktlösungen. Eine breite Palette also, zu der auch gehört, was ich ganz konkret mit Kindern im Asylbewerberheim machen kann.

GH: Ist ein wirkliches Problembewusstsein, gerade durch die Fülle an Fragen und Problemstellungen, in so kurzer Zeit überhaupt zu entwickeln?

LW: Das kann nur beispielhaft geschehen. Man wird immer, immer wieder Fehler machen. Das wissen auch die Kommunikationswissenschaftler. Wir können nur sensibilisieren. Eine wichtige Sache ist es eben, dass man rechtzeitig fragt. Wir müssen die Sensibilität für die Fragen entwickeln. Und was man generell bedenken kann: dass wir vor allem in einer individualistisch geprägten Kultur aufgewachsen sind, die zu uns Kommenden vor allem in einer kollektivistischen.

GH: An der Weiterbildung sind sehr viele Dozenten beteiligt, insgesamt über 12! Dabei pädagogische, kunsttherapeutische Fachleute und Künstler, viele auch durch Auslandseinsätze geschult...

LW: Bei der Auswahl der Dozenten habe ich für den pädagogischen Bereich und das erste Modul Dr. Thomas Maschke von der Alanus-Hochschule gewinnen können, der den Schwerpunkt der Inklusion in Verbindung mit dem Thema Interkulturelles vertritt und damit die grundsätzliche Frage, wie wir, auch im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage, zu einer inklusiven Gesellschaft kommen können. Dott. Zoccharato aus Padua, Leiter von über 70 Projekten weltweit, wird zudem zum Thema „Wie ist interkulturelle Begegnung möglich“ berichten.

Dr. Marc Schmid, leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Basel wird im zweiten Modul über „Trauma und Traumabeistand“ von vielen Künstlern und Kunsttherapeuten begleitet, die mit Puppenspiel, Handwerk, oder Malerei zeigen, was die Kunst und in welcher Bandbreite anzubieten vermag, um lindernd in Trauma-Situationen beistehen zu können. Marc Schmid wird zudem das Thema Netzwerken, gerade wegen der gesellschaftlichen Herausforderungen, die er für die nächsten Jahre sieht, stark einbringen. „Zentral wichtig für Helfer ist eine gesunde Selbsteinschätzung. Wo bin ich überfordert? Was kann ich wirklich leisten?!“

GH: Self-Care ist ein wichtiger Baustein bei unterWEGs. Warum?

AT: Ganz zentral für Helfer ist eine gesunde Selbsteinschätzung. Wo bin ich überfordert? Was kann ich wirklich leisten? Ansonsten kann ich nicht „Herr der Lage“ sein. Da gibt es beispielsweise den Begriff des „Compassion Fatigue“ Durch Stress und Überforderung wird man plötzlich beim 50. Menschen ganz müde oder ablehnend, sodass man das Schicksal des Anderen nicht mehr ertragen kann. Dann ist es wichtig, zu wissen, dass das passieren kann, auch, sich keine Vorwürfe zu machen, und sich dann beispielsweise jemanden zu holen, der empathisch reingehen kann.

LW: Es kann zu so innigen Verbindungen kommen, so dass Traumata sogar übernommen werden. Da ist Rückbesinnung auf sich selbst also sehr wichtig. Und dafür braucht es Handwerkzeug.

GH: Ein weiteres Schwerpunktthema ist ja dann auch der Umgang mit Traumata ...

LW: Für das man eigentlich eine ganze Ausbildung braucht. Was wir anbieten können, ist Trauma-Beistand. Man spricht da im Medizinischen von einer niederschwelligen Traum-Arbeit. Man kann mit den Menschen ganz einfache Dinge machen, Lachen, Spielen, zu einer Bäckerei gehen. Syrer trauen sich manchmal wegen des riesigen Angebots gar nicht in die Bäckerei, fragen aber auch nicht nach und kaufen bei Aldi verpacktes Brot. Jede Kultureinführung, die mit Liebe und Verständnis geschieht, ist schon eine Form von Traumbeistand! Was die Kinder betrifft, da wissen wir: Je schneller die ersten Verhärtungen gelöst werden, umso besser greift eine richtige Traumatherapie. Und hier liegt unsere Aufgabe in der Weiterbildung: Hilfestellungen zu geben für die Möglichkeiten eines Trauma-Beistandes.

AT: Ein konkretes Beispiel: Alle Geschichten, Spiele, Puppenspiele, die z.B. in Richtung „Schutz“ gehen „Ich bau mir eine Hütte selber“ u.a. können nach Erlebnissen der totalen Ohnmacht, nach Kriegserlebnissen ganz grundlegende Dinge wieder veranlagen.

„Das ist meine Erfahrung: dass fast alle Flüchtlinge aus der Dramatik der Flucht eine Form von Initiations-Erfahrung machen, eine Lebenseinweihung.“

GH: Im dritten Teil wird es dann um „Spiritualität und Resilienz“ gehen.

LW: Das ist für mich eines der Hauptanliegen der Weiterbildung und der Grund, warum es auch gerade hier (am Quellhof) stattfindet: die Frage nach der Spiritualität. Ich persönlich glaube, dass wir hier vor so großen Herausforderungen und grundlegenden Veränderungen stehen, dass wir das nicht gleich wieder vereinnahmen und unter den rein wirtschaftlichen Duktus unterordnen können. Und dass wir wirklich danach schauen (müssen): Schaffen wir es, aus unserer spirituellen Kraft heraus, in etwas Neues zu kommen?

Denn das ist meine Erfahrung, dass fast alle Flüchtlinge aus der Dramatik der Flucht heraus durch eine Form von Initiationserfahrung gegangen sind, wo sie die Schritte

zur Selbständigkeit gewählt haben. Und da ist es jetzt wichtig, dass sie hier solchen Menschen begegnen können, die das verstehen und nicht alles wieder auf die Fragen nach Arbeit und Wohlstand herunterbrechen. Vielleicht geht es darum, immer mehr in eine gemeinsame Spiritualität zu kommen in eine gemeinsame säkulare Ethik, vergleichbar mit dem gerade erschienen Büchlein des Dalai Lama, in dem er davon spricht, dass es nicht darum geht, neue Religionen zu schaffen die haben erfahrungsgemäß viele Kriege hervorgebracht sondern um eine gemeinsame ethische Basis mit gemeinsamen Werten.

AT: Spannend ist ja das Thema „Spiritualität und Resilienz“. In der Resilienzforschung ist mittlerweile klar, dass Menschen, die sich in einer Weltanschauung oder Religion zuhause fühlen, eine größere Widerstandskraft haben. Und das bedeutet ja Resilienz: Welche seelisch-physischen Kräfte habe ich, um mit Krisen und Notsituationen so umzugehen, dass ich wieder aufgerichtet daraus hervorkommen kann.

Was heißt, etwas genauer, eine gemeinsame Ethik zu entwickeln und was heißt Lebens-Einweihung in diesem Zusammenhang?

LW: Letztlich geht es um Eigenschaften, Seelenhaltungen, die helfen, in eine gemeinsame Spiritualität zu kommen. Ich sprach eben von Lebenseinweihung. Das heißt: Dass ich lernen musste, mich selbst in Freiheit zu ergreifen. Obwohl mir alles genommen wurde, bin ich nicht untergegangen! Ich habe mich ergriffen, mich im Bild Münchhausens am eigenen Schopfe ergriffen, obwohl alles andere bricht. Dazu zählen dann die Eigenschaften, die wir dabei lernen müssen, wie Gelassenheit, Geduld, auch Offenheit. Eigenschaften, die wir dann auch im Umgang mit der anderen Kultur brauchen. Und wir wissen auch, dass das die gemeinsamen, helfenden Eigenschaften sind, die die Voraussetzung dafür bilden, dass wir inspirationsfähig für Neues werden.

GH: Abschließend noch der Blick auf den Quellhof als Veranstaltungsort. Wie kam es dazu?

AT: Der Quellhof ist ein Ort, wo jedes Jahr neu nach den Themen der Zeit gefragt wird. Die Flüchtlingsfrage hat deutlich uns alle eingeholt. Und gerade der Quellhof mit seiner idyllischen Lage im Jagsttal, gerade hier muss wach an den Zeitthemen gearbeitet werden. Auch auf dem Land. Überall sind mittlerweile Flüchtlinge angekommen, 150 kommen im Kirchberger Schloss unter. Da gilt es, vor Ort Werkzeuge anzubieten, die helfen, damit umgehen zu können. Das ist unser Anliegen.

Guido Heidrich

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stArt international e.V., Wacholderweg 2 82194 Gröbenzell, Tel. 0151-64502935, E-Mail: info@start-international.org, www.start-international.org

Der Quellhof e.V. (Veranstaltungsort!) Wanderstr. 18, 74592 Kirchberg an der Jagst , Tel. 07954-396, Telefax 07954-716, Email e-post@quellhof.de www.quellhof.de

Foto: Quellhof e.V.