Darf man lachen?

Sein 1980 erschienener Roman „Der Name der Rose“ machte ihn weltberühmt. Nun hat Umberto Eco die Erde verlassen und überlässt uns das Rätsel des Lachens.

Tonangebender Gelehrter

«Vor allem anderen ist es die erste Pflicht einer kultivierten Person, immer darauf vorbereitet zu sein, die Geschichte nochmal zu schreiben.» (1) Geschichten hat er in der Tat geschrieben, aber er hat auch die Geschichte studiert. Denn Umberto Eco war nicht nur Romanautor, sondern auch ein tonangebender Wissenschaftler: Nach seiner Doktorarbeit über die Ästhetik von Thomas von Aquino wurde er Dozent an verschiedenen Universitäten, unter anderem als Medienwissenschaftler, und beendete seine Karriere mit einem Lehrstuhl an der ältesten Universität Europas, der Universität Bologna.

Inzwischen wurde er als Kulturtheoretiker weltweit anerkannt, zuerst durch sein 1973 erschienenes Buch ‹Das offene Kunstwerk›, in dem er ein wichtiges Kennzeichen der Kunst der Moderne hervorhob: Kunstwerke seit dem 20. Jahrhundert versuchen nicht mehr, vollkommen zu sein, sondern bleiben unvollkommen, offen, sie warten sozusagen auf ihre Vollendung durch den Zuschauer oder den Nachfolger.  Hier kann vielleicht am Rande die Frage gestellt werden, inwiefern die Anthroposophie als Kunstwerk des 20. Jahrhunderts, als offenes Werk betrachtet werden kann?  Seine zunehmende Beschäftigung mit der ‹Semiotik›, der Wissenschaft der ‹Zeichen›, machte ihn zum unumgänglichen Semiotiker. Er setzte sich dadurch mit den Fragen der Sprache, der Kommunikation und der Interpretation, also mit der wesentlichen Substanz der menschlichen Wirklichkeit, intensiv auseinander. Der Gelehrte beschäftigte sich auch mit brennenden Gegenwartsfragen, wie sein 2014 erschienenes Buch ‹Die Fabrikation des Feindes› zeigt. 2005 wurde er vom britischen Magazin ‹Prospect› zu den drei einflussreichsten Intellektuellen der Welt gezählt, nach Noam Chomsky und Richard Dawkins.

Im Namen des Lachens

Vor diesem Hintergrund kann vielleicht auf seinen Roman ‹Der Name der Rose› eingegangen werden. In diesem Werk schreibt Eco nicht nur eine Geschichte, sondern vielleicht auch die Geschichte. Ist seine Erzählung nur eine fantasievolle Erfindung oder eine begründete Interpretation geschichtlicher Tatsachen?

In ‹Der Name der Rose› geht es um das verschwundene Buch von Aristoteles über die ‹Komödie›. In seiner ‹Poetik› hatte der griechische Philosoph seine Betrachtungen über die ‹Tragödie› niedergelegt. Die Dokumente weisen aber darauf hin, dass es einen zweiten Teil der ‹Poetik› geben sollte, der die Komödie behandelt. Einige Wissenschaftler denken, dass das Buch einfach nie geschrieben worden ist, andere, dass es im Laufe der Zeit verschwunden ist. In seinem Roman verfolgt Eco die zweite These und inszeniert einen Krimi in einer Benediktinerabtei, wo die einzige verbleibende Kopie des Buches aufbewahrt wird. Ein alter Mönch, der das Buch für gefährlich und frevelhaft hält, weil dort Aristoteles das Lachen lobt, hat die Seiten des Buches vergiftet, um zu verhindern, dass die Mönche den Inhalt genießen können. Am Ende des Romans wird in der Bibliothek ein Brand entfacht und das Buch verschwindet somit endgültig. Damit erklärt Eco das Verschwinden des Buches durch die Einmischung eines humorlosen Katholizismus. Die Beziehung der Religion mit dem Humor wird thematisiert: «Der Teufel ist nicht der Fürst der Materie, der Teufel ist die Anmaßung des Geistes, der Glaube ohne ein Lächeln, die Wahrheit, die niemals vom Zweifel erfasst wird», sagt William von Baskerville, die Hauptfigur des Romans.

Was soll die Komödie?

Wenig bekannt ist, dass Rudolf Steiner auch davon ausging, dass Aristoteles dieses verschwundene Buch geschrieben hatte. Während des sogenannten Dramatischen Kurses fasst er sogar zusammen, was in diesem verschwundenen Buch über die Komödie zu finden wäre: Während die Tragödie Furcht und Mitleid erregen will, um die Katharsis zu bewirken, soll die Komödie «im Zuschauer neugieriges Interesse und Bangigkeit» erwecken, «um das Interesse am Leben zu einem größeren in ihm zu gestalten.» Das hätte das Buch gesagt laut Steiner. Interessant wird es auch, wenn man diese Idee mit der oben zitierten von William von Baskerville zusammenklingen lässt.

Ob der Text von Aristoteles über die Komödie tatsächlich Opfer eines humorlosen Katholizismus geworden ist, bleibt unbeantwortet. Wenn man an das Leben von Molière denkt, kann uns diese Hypothese aber nachdenklich stimmen. Auch heute noch zeigt der Komiker oft die Wahrheit und zahlt die Rechnung dafür. Und sagt die Humorbereitschaft nicht vieles über die Geistigkeit eines Menschen? Eco war humorvoll deshalb auch geistreich.

Louis Defèche

(1) Thomas Stauder, „Gespräche mit Umberto Eco aus drei Jahrzehnten“, LIT Verlag, 2012 2 GA 282, Vierzehnter Vortrag, Dornach, 18. September 1924

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 10, 4. März 2016