Aus der Arbeit der GLS Treuhand Zukunftsstiftung Entwicklung

Peru: Bittersüße, zerstörerische Schokolade

Gemeingüter schützen, Permakultur fördern

Im Nordosten Perus, rund um das Gebiet Tamshiyacu-Loreto, hat das Unternehmen Cacao del Perú Norte illegal 2.126 Hektar Urwald und Sekundärwald abgeholzt ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Doch die Bewohner/innen des Gebietes wehren sich. Ihr Ziel: die größte peruanische Gemeingut-Urwaldzone in Verbindung mit Permakultur schaffen.

+B6_3_Drohnenaufnahme.psd
Abholzung: Der Urwald musste Kakaoplantagen weichen

Erdöl- und Gasbohrungen, Bergbauunternehmen, gigantische Staudammprojekte, Palmöl- und Kokaplantagen kommen einem in den Sinn, wenn es um die Zerstörung Amazoniens geht, des größten noch zusammenhängenden Urwaldgebietes dieser Welt. Nun muss diese Aufzählung um den Kakaoanbau erweitert werden.

Die Umweltschutzorganisation Environmental Investigation Agency (EIA), die sich der Erforschung und Bekanntmachung von Umweltzerstörung verschrieben hat, veröffentlichte am 7. April 2015 einen Bericht, wonach die größte Bedrohung für peruanische Wälder von der Unternehmensgruppe Melka ausgeht, einem intransparenten Netzwerk von 25 Firmen, das vom Unternehmer Dennis Melka kontrolliert wird. Dazu gehört das Unternehmen Cacao del Perú Norte sowie die größere Holding United Cacao. Herr Melka ist zugleich führend in der zerstörerischen Palmölindustrie in Malaysia.

Die Umweltschutzorganisation EIA führt in diesem Bericht zudem aus, dass Unternehmen der Melka-Gruppe weitere „7.000 Hektar Primärwald im Südosten Perus innerhalb der letzten drei Jahre abgeholzt“ haben. Und sie weist darauf hin, dass sowohl das peruanische Umweltministerium (MINAM) als auch das Landwirtschaftsministerium (MINAGRI) legale Schritte gegen die Unternehmen eingeleitet haben, um die Abholzung und die illegale Bewirtschaftung des Landes zu unterbinden. Auch Bußgelder in Höhe von ca. 650.000 US-Dollar seien verhängt worden, denn die Unternehmen verfügten weder über Abholzungs- noch über Holzhandelsgenehmigungen. Doch im peruanischen Korruptionsdickicht blieben die Sanktionen folgenlos: Rund um Tamshiyacu-Loreto holzt Cacao del Perú Norte weiter ab.

Der britische Guardian titelte am 18. April 20151: „Kann Peru ‚ethische Schokolade‘ davon abhalten, Amazonien zu zerstören?“

Das Unternehmen Cacao del Perú Norte gehört United Cacao. United Cacao ist an der Londoner Börse im Alternativen Investment-Markt (AIM)notiert. Es wirbt mit dem Slogan, der „einzige börsennotierte, sauber agierende Kakaoproduzent weltweit“ zu sein nachhaltig ökologisch handelnd und Arbeitsrechte einhaltend. Der geschäftsführende Direktor ist Dennis Melka.

Lokaler Widerstand

Der Widerstand begann mit drei Menschen: Francisco Guerra Tananta, geboren und aufgewachsen im Urwald von Tamshiyacu und tief geprägt von lokaler naturheilkundlicher Medizin, Frau Consuelo García Hualinga, vierfache Mutter und ebenfalls zutiefst verbunden mit dem Ort, und Angelika Kotzur, eine Heilpraktikerin aus Deutschland, die vor vielen Jahren eigentlich aufgrund der Beschäftigung mit der Heilkunst nach Tamshiyacu kam.

Vor ca. vier Jahren horchten sie auf, als mehr und mehr Menschen aus angrenzenden Gebieten für Pfennigbeträge Land verkauften, als Lohnarbeiter auf die neuen Plantagen gingen und von schlechten Arbeitsbedingungen berichteten, als Unternehmensvertreter durch die kleinen, verstreuten, indigenen Dörfer zogen und Errungenschaften der Moderne versprachen: Schulen, Strom, Sportplätze, Einkommen im Tausch gegen Land und Anbau von Kakao.

Stets wurde schnell großflächig abgeholzt, d. h. Fakten geschaffen, noch bevor sich Protest organisieren konnte. Kakaoplantagen entstanden dann nur auf einem Bruchteil der abgeholzten Flächen. Ein realisierter „Extragewinn“ für die Unternehmen stellten die kostbaren Tropenhölzer dar, die ohne über eine Konzession zu verfügen verkauft wurden.

Die drei Widerständigen suchten und fanden lokale und internationale Bündnispartner und begannen mit ihrer Aufklärungsarbeit zum Schutz des Urwaldes. Immer im Bewusstsein, dass der Schutz des Gebietes nur gelingt, wenn die Menschen vor Ort mit ihm auch eine Überlebensperspektive verbinden können. Daraus entstand ein Dreiklang: Landkauf zur Schaffung von Naturschutzgebieten in Gemeineigentum; Aufbau von organisch biodiversen Permakulturfarmen auf 10 Prozent der bereits gerodeten oder Sekundärwaldflächen, die den Menschen Einkommensperspektiven bieten und ihnen die Möglichkeit eröffnen, vor Ort zu bleiben; und die Einrichtung eines Rechtsbeihilfefonds, der den Menschen, die Gewohnheitsrechte, aber keine eingetragenen Eigentumstitel haben, hilft, ihr Landrecht eintragen und real schützen zu können. Sie gründeten den gemeinnützigen Verein „Brücke der Freundschaft“ ACELPA und stützen sich heute auf ein Bündnis lokaler wie internationaler Organisationen2, die ihr Anliegen fördern. Das Ziel: Urwald als Gemeingut schützen, Permakultur ermöglichen und lokale Einkommensperspektiven schaffen.

Sie wollen ein Gemeingutmodell für Urwaldschutz und nachhaltigen Waldfeldbau unter Einbezug der lokalen Bevölkerung aufbauen. 150 Hektar Urwald konnten bereits gekauft werden. 130 davon werden als Naturschutzzone im Gemeinschaftsbesitz von ACELPA gesichert, weitere sollen hinzukommen. Auf zunächst 20 dieser 150 Hektar soll nachhaltiger Waldfeldbau betrieben werden breit, biodivers und nach Permakulturrichtlinien angelegt. Eine große Vielfalt an Feldfrüchten soll mit verschiedenen Baumarten kombiniert werden, in deren Schatten sie wachsen können. Diese Maßnahmen werden ergänzt durch Teich-Fischzucht und Kleintierzucht. Anbau, Pflege und Weiterverarbeitung von medizinischen Heilkräutern, von Pflanzen und Bäumen, die vom Aussterben bedroht sind, gehören ebenfalls zum Programm.

Dazu kommen Arbeiten zum Schutz der Bodenfruchtbarkeit. Neben dem Kompostieren und Mulchen werden in verrückbaren Arealen von jeweils 50 Quadratmetern auf den gerodeten Flächen Schweine zum Durchwühlen der Böden gehalten. Die Schweine brechen den stark lehmhaltigen Boden auf und hinterlassen Dung. Ist der Boden durchwühlt, werden die Gatter versetzt. Das durchwühlte Areal wird derweil biodivers aufgeforstet und je nach Höhe der Bäume werden Zwischenfrüchte für den lokalen und internationalen Markt angebaut. Diese 20 Hektar dienen auch als organische Permakultur-Lernfarm mit integrierter Baumschule für seltene Arten.

Gemeingut Amazonien

Um die Naturschutz-Gemeingutzone auszuweiten und eine möglichst große Fläche des amazonischen Urwalds zu erhalten, sind pro Hektar Wald zwischen 200 bis 300 Euro notwendig. Dazu kommen die Notar- und Registrierungskosten pro Übertragung von nochmal ca. 300 Euro. Um die Permakulturfarm anzulegen, sind die folgenden Investitionen notwendig: Werkzeuge, Saatgut und Baumsetzlinge. Der Aufbau der Lernfarm bietet Bauern bereits ein Einkommen. Dazu kommt der Aufbau einer Verkaufshalle in der regionalen Hauptstadt Iquitos. Die Kosten belaufen sich auf insgesamt 120.000 Euro. Als Zukunftsstiftung Entwicklung haben wir uns das Ziel gesteckt, 50.000 Euro aus Spendengeldern beitragen zu können. Die verbleibenden 70.000 Euro werden durch weitere Organisationen getragen. Für den Rechtshilfefonds werden ca. 10.000 Euro pro Jahr benötigt.

Im Bündnis mit allen Organisationen möchten wir unsere Partner so unterstützen, dass auf diesem Weg das möglicherweise einmal größte Gemeingut-Schutzgebiet Amazoniens Wirklichkeit wird. Denn Konzernversprechen der Nachhaltigkeit börsennotierter Unternehmen, wie das von United Cacao, können eben nur real dauerhaft überprüft werden, wenn es vor Ort demokratisch organisierte, wachsame, Sorge tragende und bewahrende Menschen gibt, die ökologische, ethisch-soziale Prinzipien in Verbindung mit Ökonomie leben können. Heutige Kommunikationstechnologien machen eine schnelle Überprüfung möglich; reale Verbesserungen entstehen durch direktes, tätiges Engagement. Helfen Sie, dieses Gemeingutmodell zum Schutz Amazoniens zu realisieren.

Dr. Annette Massmann

Mehr Informationen: www.zukunftsstiftung-entwicklung.de

Spendenkonto

IBAN: DE05 4306 0967 0012 3300 10

Spendenzweck: „Peru: Gemeingut Amazonien (F 326 P)“

1) www.theguardian.com/environment/andes-to-the-amazon/2015/apr/17/can-peru-stop-ethical-chocolate-destroying-amazon

2) Für Tamshiyacu setzen sich ein: ACELPA, Caritas Peru, El Frente Patriótico El Loreto, El Puente de la Amistad, Rettet den Regenwald e. V., Stiftung Pro Vita, SPDA Actualidad Ambiental, Environmental Investigation Agency (EIA) und die Zukunftsstiftung Entwicklung.

Fotos: © Zukunftsstiftung Entwicklung