Förderstiftung Anthroposophie

Gespräch mit Michael Schmock

Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland hat im Lauf der letzten Jahre ihr Stiftungswesen neu gegriffen. Hervorgegangen ist die ‹Föderstiftung Anthroposophie›.

Was ist Ausgangspunkt der Stiftungsneugestaltung?

Michael Schmock: Vor dreizehn Jahren gab es den Impuls, Stiftungen zu gründen. Etwa die Stiftung Erstes Jahrsiebt, die Stiftung Eurythmie oder auch die Stiftung Forschungsförderung. Der Wunsch, zu dezentralsieren sowie Zustifter zu gewinnen, gab damals den Anstoß. Die differenzierte Stiftungslandschaft fand leider kaum Zustiftungen, verursachte jedoch viel Verwaltungsaufwand. Parallel häuften sich Nachlässe an die deutsche Landesgesellschaft und wir hatten den Eindruck: Wenn uns Menschen Nachlässe geben, dann wollen sie, dass Schritte für die Zukunft der Anthroposophie gemacht werden. Uns schien, eine Förderstiftung Anthroposophie können wir stark machen, inhaltlich und mit Menschen greifen. Und wenn wir wirklich eine Zukunftsentwicklung der Anthroposophie wollen, reicht es nicht, dass die Vorstände da drinnen sind, wir müssen unser Bewusstsein erweitern.  Wir haben alle Stiftungen integriert in die Förderstiftung Anthroposophie. Zwei Millionen sind eingegangen. In einem Grundsatzbeschluss haben wir eine Million als Vergabemittel definiert, so haben wir für fünf Jahre 200.000 € pro Jahr und zusätzlich wirft das Stammkapital Rendite ab.  Es blieb die Aufgabe: Wo sind Leute, mit denen es Sinn macht, zusammenzuarbeiten?

Wie setzt sich der Stiftungsrat zusammen?

Michael Schmock: Vom Vorstand sind dabei Hartwig Schiller und ich, laut Stiftungssatzung gibt es ohne Vorstände keine Entscheidung. Die Stellvertreter sind Angelika Sandmann und Benjamin Kolass. Die bei allen Stiftungssitzungen, ebenso wie der gesamte Vorstand, fakultativ eingeladen sind. Das ist uns wichtig: Die Stiftung ist ein Arbeitsorgan, eng zum Vorstand. Dann treten hinzu: Rolf Karges; Unternehmer, gut verwurzelt im Unternehmerumfeld, seine Funktion ist auch, seine Nase im Wind zu halten für Zustiftungen. Andrea Valdenocci; unter anderem tätig bei der Evidenz-Stiftung, lange Jahre in der GLS-Treuhand, Geschäftsführung Zukunftsstiftung Soziales Leben, jetzt ist er bei Neuguss in Berlin. Aus dem Pädagogischen Bereich Martin Schlüter, Witten-Annen Dozent, und Tomas Zdrazil, Hochschule Stuttgart.

Wie habt ihr gesucht und gefunden?

Michael Schmock: Wir haben zusammengetragen, wen wir sehen. Der Stiftungsrat soll sich nicht dadurch auszeichnen, dass er eigene Projekte macht, sondern er soll wach und kommunikativ Projekte anschauen und diese abwägend qualifiziert beurteilen, ohne selbst ein Anliegen zu haben, gefördert zu werden. Da braucht es merkuriale Menschen, die in einem Fachgebiet zu hause sind und ein Gefühl dafür haben, was in der Anthroposophischen Gesellschaft dran ist.

Was ist die spezifische Gestaltung der Stiftung?

Michael Schmock: Die Besonderheit ist, außer dem Stiftungsrat gibt es einen Stiftungsbeirat. Und in diesem Beirat arbeiten Menschen mit der Stiftung zusammen, die eigene Projekte haben und dafür Geld bekommen. Man gibt Geld nicht einfach weg, sondern man schaut die ganze Entwicklung der Geldvergabe immer wieder miteinander an. In dem Beirat sind: Gioia Falk, die auch im Vorstand ist, aber hier auftritt für die Entwicklung der Eurythmie mit ganz bestimmten Anliegen, etwa zur Eurythmie in der Öffentlichkeit. Reinhold Fäth verfolgt das Anliegen, die bildende Kunst, insbesondere die Malerei, aber auch die Plastik zu sichten, zu katalogisieren und Ausstellungen zu machen. Wolf-Ulrich Klünker ist mit zwei Anliegen vertreten. Zum einen die Forschung zur Bedeutung von Albertus Magnus im Kontext der Aristoteliker und Platoniker. Zum anderen mit seinem Alanus-Lehrstuhl für Mittelalterliche Geistesforschung und Anthroposophie, wo es um die Ausstattung für die Forschung geht. Falk Zientz verfolgt das Projekt ‹Anthroposophie in Einrichtungen›. Er will mit Einrichtungen zusammenarbeiten, die Entwicklungsfragen in Bezug auf die Anthroposophie stellen, die ihr eigenes Profil schärfen wollen oder Mitarbeiter-Fortbildungsanliegen hegen.  Die Beiräte bekommen ein Budget auf mehrere Jahre angelegt. Wir treffen uns dreimal im Jahr und betreiben eine gemeinsame Projektentwicklung.

Nehmt ihr Anträge an?

Michael Schmock: Gedacht ist eine Mischung. Wir sind nicht wahnsinnig scharf auf Anträge, aber wir sind offen dafür. Wenn Leute Anträge schreiben, schauen wir sie sorgfältig an. Wenn sich herausstellt, da ist ein elementares Projekt, dann können wir uns gut vorstellen, dass so jemand mit in den Beirat kommt. Wir setzen Priorität in der Zusammenarbeit. Wenn wir das Geld einsetzen wollen, um in der anthroposophischen Arbeit Entwicklungen hinzubekommen, dann müssen wir nicht einmalig, sondern längerfristig finanzieren damit wirklich was entsteht. Einmaliges ist trotzdem nicht ausgeschlossen. Das Idealkonzept ist, mit den Beiräten und langen Entwicklungsprojekten zusammenzuarbeiten.

Diese Arbeit bietet eine neue Perspektive?

Michael Schmock: Ja, Perspektive auch im Sinne, dass man Entwicklungsprojekte ausprobiert. Was kommt dabei raus, wenn Gioia Falk sagt: Ich arbeite jetzt drei, vier Jahre an Eurythmieprojekten mit dieser Fragestellung. Lange habe ich gehadert mit Reinhold Fäths Initiative zur anthroposophischen Kunst. Ich dachte ‹fang bloß nicht an zu definieren, was anthroposophische Kunst ist, das geht nicht, das verengt unsere Arbeit›. Doch er hat mich überzeugt, wenn wir das ins Bewusstsein holen, dokumentieren, katalogisieren und in ein Panorama von Entwicklung stellen, dass wir dann erst in der Ausgangslage sind für die Zukunft. Durch diesen Abstand können wir neu sehen, offen sehen, wie es weitergeht. Wenn ich unausgesprochen im Bewusstsein lasse, dass dies oder jenes anthroposophische Kunst sein soll, dann hat man auf ewig feste Bilder. Das Aufarbeiten ermöglicht erst das Loslassen. Und in diesem Sinne kann ich das voll unterstützen. Bis hin zu einem Museum. Dann hat man die Retrospektive, wo man sagt, das ist geworden. Das sind die Fußstapfen von verschiedenen Menschen.

Die Fragen stellte Philipp Tok.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 51-52, 18. Dezember 2015