Zusammenarbeit mit der „Internationalen Konferenz für Waldorfpädagogik“ (Haager Kreis)

Ein Bericht von Philipp Reubke, Mitglied der IASWECE Koordinationsgruppe.

Die Internationale „Konferenz der Waldorf Steiner Pädagogik“ ist ein Kreis von ca. 41 tätigen Waldorfpädagogen aller Kontinente, der sich zweimal jährlich zu einer mehrtägigen Konferenz in einem der beteiligten Länder oder am Goetheanum in Dornach trifft. Die Konferenzen dienen der gegenseitigen Verständigung und dem Austausch über zentrale pädagogische Fragen, die eine überregionale oder weltweite Bedeutung haben.

Die Mitglieder des Haager Kreises bringen ihre Erfahrungen in die Konferenzen ein und beraten auf Grundlage einer differenzierten Wahrnehmung über die essentiellen Kriterien der Waldorfpädagogik und über ihre Ausgestaltung in ganz unterschiedlichen geografischen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Regionen der Erde.

Mitglied der Internationalen Konferenz wird man, wenn man von der Vorbereitungsgruppe der Konferenz zur Mitarbeit eingeladen wird. Die Vorbereitungsgruppe trifft ihre Entscheidung nach Absprache mit der jeweiligen Landesvereinigung.

Während sich das Council der IASWECE in ganz ähnlicher Weise um Angelegenheiten der Pädagogik für die ersten sieben Lebensjahre kümmert, hat die Internationale Konferenz zwar das gesamte Arbeitsgebiet der Waldorfpädagogik im Blick (von der Geburt bis zum Schulabschluss), konzentriert sich aber mehr auf Themen, die mit dem Schulalter zusammenhängen. Dies zeigt sich auch in der Tatsache, dass nur zwei der 41 Mitglieder der Internationalen Konferenz Waldorferzieher sind. Diese beiden sind auch Mitglied im IASWECE Council, so dass seit vielen Jahren eine gute Zusammenarbeit besteht, die sich in letzter Zeit noch intensiviert hat.

Für drei konkrete Themen war uns die Zusammenarbeit in letzter Zeit besonders wichtig:

1) Planungen für die Feiern zum 100. Geburtstag der Waldorfpädagogik

Im Jahr 2019 jährt sich die Gründung der ersten Waldorfschule zum hundertsten Mal. Das könnte Anlass sein einerseits für eine intensive und festliche Darstellung der Waldorfpädagogik in der Öffentlichkeit, anderseits für eine vertiefende Arbeit an den Grundlagen und Perspektiven der anthroposophischen Menschenkunde in den Einrichtungen, die sich dem Anliegen von Rudolf Steiner verbunden fühlen. Alle Veranstaltungen, Tagungen, Feste, Aufführungen im Jahr 2019 usw. sollen lokal bzw. regional geplant und durchgeführt werden, die Idee ist aber, dass man voneinander weiß und alle Veranstaltungen auch auf einer speziell zu diesem Anlass eingerichteten Internetseite bekannt gegeben werden. Wer in dieser Richtung eine Initiative ergreifen möchte kann sich an info@iaswece.org wenden.

2) Das Buch „Zur Vertiefung der Waldorfpädagogik“

wurde letztes Jahr wieder herausgeben mit neuen Beiträgen von Mitgliedern der Internationalen Konferenz. Auf Deutsch ist es bereits erhältlich, Übersetzungen ins Englische, Tschechische, Finnische und Französische sind in Vorbereitung. In der Vergangenheit wurde dieses Buch nur vertraulich an tätige Pädagogen weitergegeben. Jetzt ist gedacht, dass das Buch für alle Lehrer, Erzieher und Studenten in Waldorfpädagogik erhältlich sein sollte. Es soll über die Landesvereinigungen vertrieben werden. Wer es nicht bei seiner Landesvereinigung bekommen kann oder wer eine Übersetzung organisieren möchte, wende sich bitte an Dorothee Prange dorothee.prange@goetheanum.ch

3) Das Recht den Namen „Waldorf“ oder „Steiner“ zu führen

ist bisher in Ländern ohne Waldorflandesvereinigungen nicht eindeutig geregelt. Der Bund der „Waldorfschulen in Deutschland“, der das Markenrecht für diese Namen in vielen Ländern besitzt, hat mit der Internationalen Konferenz und mit der IASWECE Verhandlungen geführt. Alle Beteiligten haben sich jetzt auf ein Verfahren geeinigt, das in Kürze bekannt gegeben wird. Waldorfkindergärten in Ländern ohne Waldorf Landesverband können sich schon jetzt an info@iaswece.org wenden und mitteilen, dass sie eine offizielle Anerkennung wünschen. Alle anderen Kindergärten wenden sich wie bisher an ihre zuständige Landesvereinigung.

Studienarbeit

Beim letzten Treffen der Internationalen Konferenz  im November 2015 in Orange County (Kalifornien, USA) hat sich wieder gezeigt, wie wichtig, interessant und anregend die Zusammenarbeit der verschiedenen pädagogischen Berufe sein kann, wenn es sich um Studium der Menschenkunde und  der Entwicklungspsychologie handelt.

Das Schwerpunktthema war: Geistige Hintergründe der Erziehung im Jugendalter. Douglas Gerwin  stellte einige Gedanken über das Phänomen der Gewalt in der heutigen Gesellschaft dar. Oberstufenlehrer sind oft mit dem Phänomen konfrontiert, dass die Schüler zwischen zwei polaren Verhaltensweisen hin und her schwanken: zwischen Lethargie und einer gewissen Gewalttätigkeit. Beide sind Hindernisse für Lernen und Entwicklung. Wenn wir die ganze Biographie betrachten, fällt auf, dass in der frühen Kindheit eine gewisse Form der Gewalt bzw. eine starke Körperaktivität angemessen ist, während im Alter Lethargie bzw. eine  gewisse kontemplative Haltung gut tut. Wir müssen den Jugendlich helfen, sinnvolle Tätigkeit zu entwickeln (Denken in den Willen schicken)  und ein kraftvolles Denken zu  haben (Willen in das Denken  schicken). Das wird besonders unterstützt durch Freispiel und Anregung der Körpersinne in der frühen Kindheit, durch lebendige Bilder im Unterricht der Unterstufe und durch fortgesetzte Arbeit mit starken Bildern und mit Enthusiasmus in der Oberstufe.

Er bezog sich auf eine interessante Äußerung Steiners, in der er betont, dass Gewalt keine Folge von starkem Druck sei, der zu einer Explosion führe, sondern die Konsequenz einer inneren Leere, die zu einer Implosion führe, die dann den Menschen gewaltbereit mache, um dieses Gefühl der Leere durch etwas zu überwinden, was das Gefühl der Stärke verleiht.  

Die Arbeit  mit Bildern in der Erziehung wäre in diesem Zusammenhang sehr wichtig: „…das Kind hat in seinem Leibe Kräfte sitzen, welche es zersprengen, wenn sie nicht heraufgeholt werden in bildhafter Darstellung. Und was ist die Folge? Verloren gehen diese Kräfte nicht; sie breiten sich aus, sie gewinnen Dasein, sie treten doch in die Gedanken, in die Gefühle, in die Willensimpulse hinein. Und was entstehen daraus für Menschen? Rebellen, Revolutionäre, unzufriedene Menschen (…) Wenn heute die Welt revoltiert, da ist es der Himmel, der revoltiert, das heißt der Himmel, der zurückgehalten wird in den Seelen der Menschen, und der dann nicht in seiner eigenen Gestalt, sondern in seinem Gegenteile zum Vorschein kommt, der in Kampf und Blut zum Vorschein kommt, statt in Imaginationen.“  (GA 199, Vortrag vom 11.9.1920, zitiert in einem Artikel von Michael Birnthaler in: http://www.erziehungskunst.de/artikel/missbrauch-gewalt/der-himmel-rumort/)

Michael Zech sagte, es sei von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung, dass die Oberstufenlehrer einen Unterrichtstil entwickelten, der es möglich mache, dass die Bedeutung der Bilder  in den Jugendlichen selber aufleuchte und nicht durch die Lehrer gleich mitgeliefert würde. In der Unter- und Mittelstufen dagegen sei es wichtig, dass Urteile bezüglich Wahrheit, Schönheit und Güte vom Lehrer gegeben würden und dass die Kinder aus Liebe zum Lehrer diese Urteile annehmen.  Und im Kindergarten sei es stärkend und gesundend für die Kinder, dass sie die Schönheit und Güte der Gesten und Bewegungen der Erwachsenen nachahmen. In der Oberstufe sei es aber sehr wichtig, dass der Lehrer die Jugendlichen ganz frei ließe in Bezug auf den Sinn, die Bedeutung und den moralischen Wert von Handlungen, Bildern und Begriffen. Der Sinn müsse in der Seele von jedem Schüler aufleuchten, dass sei gerade die Anregung für die Entwicklung des Ich, dass dadurch später fähig würde, der Welt mit Toleranz und Offenheit entgegenzutreten. Perfekte Erklärungen und fertig übermittelte Werte hingegen wirken so wie Zucker und Verbot des Freispiels für das kleine Kind: sie schwächen die innere Kraft, verhindern Eigenaktivität und bewirken langfristig, dass der erwachsen gewordene Mensch, wenn er mit neuen und unerwarteten Situationen konfrontiert wird, mit Angst oder Gewalt reagiert. Nationalismus, verriegelte Grenzen und Gewalt sind Zeichen, dass die Waldorfpädagogik noch nicht stark genug sei.

Philipp Reubke

Weitere Informationen über die Internationale Konferenz gibt es hier: http://www.haager-kreis.org/

Erschienen in: Rundbrief IASWECE, März 2016