Daten sind das neue Erdöl

Die Anforderungen an den Journalismus sind hoch: enorme technologische Innovationsschübe und hohe Erwartungen als Mitgestalter des sozialen Lebens.

Wer heute über Journalismus spricht, spricht über Technologie. Manche Recherchen sind ohne Programmierer nicht mehr vorstellbar, etwa um den Einfluss von Lobbyisten auf die eu-Gesetzgebung nach dem Modell von Plagiatsnachweisen aufzuzeigen. Die Abhängigkeit von ständig neuer Technologie führt in Atemlosigkeit. Bei der Fachtagung für Kommunikation ‹öffentlich wirken 2015› in Bochum brachte dies am 16. Oktober die Kommunikationsberaterin Kerstin Hoffmann auf die Formel: «Das Web ist schneller», «Es ist dringend» und «Es ist noch dringender, sonst verlieren Sie den Anschluss».

Interaktivität

Hinzu kommt die Verschiebung des Einflusses von Sendern und Verlegern hin zu Twitter, Facebook und Google. Der Journalist Richard Gutjahr hob beim ‹JournalismusTag.15› am 4. November in Winterthur zwei revolutionäre Merkmale des Internets hervor. «Das Internet ist kein Medium.» Es fasse vielmehr unterschiedliche Medien zusammen und bestehe aus vielen verschiedenartigen Kanälen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Interaktivität ersetzt das Sender-Empfänger-Modell. Da die Internetindustrie darauf spezialisiert ist, möglichst viele Daten zu jedem Nutzer zu sammeln, und damit mehr über ihn weiß als irgendjemand sonst, können Menschen miteinander vernetzt werden, die gemeinsame Interessen teilen und sich ohne Internet wohl nie begegnen würden. Richard Gutjahr wandelte dafür ein Zitat ab: «Daten und ich würde sagen: auch Aufmerksamkeit sind das Erdöl der Kommunikation.»

Gleichwohl wissen Twitter, Facebook und Google auch, worin sie nicht stark sind: im Inhalt. Daher bieten sie an, die Inhalte der alten Medienhäuser aufzubereiten und zu verbreiten. Wer, so fragte Richard Gutjahr sinngemäß, wird letztlich über das entscheiden, was einem als Nachricht erreicht?

Mitgestalter des sozialen Lebens

Das Internet ist ein interaktiver Raum einzelner Personen, Unternehmen und Organisationen und ist insofern von privater Natur. Der Journalismus wird indes darin bestärkt, mitverantwortlich für die Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders zu sein. Vor dem Hintergrund des Glaubwürdigkeitsproblems («Lügenpresse») hielt die Journalistin Michèle Graf-Kaiser fest: «Journalismus soll ein Spiegel sein, kein Zerrspiegel.» Das heißt, dass nicht nur über Probleme berichtet wird, sondern auch über ihre Lösung. Michèle Graf-Kaiser berichtete, dass Beiträge des Engaging News Project im Netz häufiger aufgesucht und mit anderen geteilt werden als Texte anderer Ausrichtung. Und das ist, so Dominique Eigenmann vom ‹Tagesanzeiger›, auch von kommerzieller Bedeutung. ‹Konstruktiver Journalismus› ist ein professionelles Konzept, das Lösungswege darstellt, jedoch weder weicher Journalismus noch Werbung für etwas. Auch geht es nicht darum, dass der ‹konstruktive› Einzelfall den Blick auf die systemischen Dimensionen eines Problems verdeckt. Dieser Ansatz ergänzt vielmehr den investigativen Journalismus, durch den Missstände aufgedeckt und öffentlich gemacht werden.

Gespiegelt werden auch komplexere Themen mit potenziell großer sozialer Wirkung: Bereits Bezeichnungen wie ‹Flüchtlingskrise›, ‹-strom› oder ‹-schwemme› bestimmen über den sozialen Frieden mit. Darf ein Medium umgekehrt einen Spendenaufruf für Flüchtlinge unterstützen? Res Strehle, Chefredakteur des ‹Tagesanzeigers›, hielt fest: «Empathie gehört zum Menschsein.» Mitgefühl sei da gefordert, wo sich humanitäre Not zeigte. Letztlich geht es um eine Würdigung der verschiedenen Perspektiven auf einen Sachverhalt. Marlis Prinzing, Professorin an der Hochschule Macromedia in Köln, forderte jedoch auch, gegebenenfalls «Kante zu zeigen», wenn die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens untergraben wird: «Hass ist keine Meinung.»

Gefahr der Instrumentalisierung

Wie heikel ‹schwierige Themen› sind, zeigt das Berichten über Menschen aus Europa, die sich in den Dienst des Islamischen Staats stellen. Mit André Marty wünschte sich ein Vertreter der Schweizer Bundesanwaltschaft mehr Zurückhaltung. Er kritisierte, dass sich Journalisten zuweilen in die Rolle des Ermittlers begeben. Er blieb zwar aus ermittlungstechnischen Gründen vage, ließ aber durchblicken, dass es «Wechselwirkungen zwischen Berichterstattung und Tätigkeiten» von Dschihadisten gebe. Gemeint ist damit, dass durch Berichte potenzielle Anhänger rekrutiert und Medien als Kanal für Terrorismus instrumentalisiert werden können. Die Medienvertreter wiesen dies zurück: Sie seien kein «Bundesamt für Dschihad-Prävention», so Daniel Glaus vom srf. Und Annette Hirschberg (‹20 Minuten›) berichtete, dass über Aufklärung die Rekrutierung eher verhindert werden würde.

Medien wird also weiterhin eine tragende gesellschaftliche Aufgabe zugesprochen. Ausgerechnet Journalistinnen und Journalisten sind aber einem mehrfachen Stresstest ausgesetzt: einer hohen Geschwindigkeit an Veränderungen, einer großen Breite an Aufgaben und einem Handeln in komplexen Wirkenszusammenhängen bei eher geringer Wertschätzung ihrer Tätigkeit als Vermittler gesellschaftlicher Vorgänge.

Sebastian Jüngel

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 46, 13. Nov. 2015