Georgien

20 Jahre Heilpädagogische Michaelschule

Stein um Stein zum eigenen Zuhause

Unsere Geschichte begann vor 20 Jahren in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Der Vorstand des Zentrums für freie Pädagogik beschloss, den Kindern mit Entwicklungsproblemen, inzwischen sog. „Kinder mit Lernschwierigkeiten“, die zur Diagnose zu den psycho-neurologischen Vermittlungsstellen geschickt wurden, zu helfen. Eine heilpädagogische Schule sollte gegründet werden, in welcher ein neuer Umgang mit diesen Kindern verwirklicht würde.

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Sport und Spaß im Freien

Im Jahre 1994 wurde dann die heilpädagogische Michaelschule gegründet. Es war eine Innovation in Georgien! Von der Einstellung „diese Kinder können nichts lernen“ zum tatsächlichen Lernen auf heilpädagogischer Grundlage: Mit Blick auf das ganze Wesen des Kindes, 12 Schuljahren, einem Lehrsystem ohne Beurteilung durch Noten, viel künstlerischem Arbeiten und moderner Lehrmethodik. Alles war neu.

Die Entscheidung wurde zwar mit einem großen Enthusiasmus getroffen, doch es gab noch keine Mittel und keine „Zuhause“ für die Verwirklichung. Mit wenigem geschenktem Geld wurde vorerst ein gemietetes Zimmer im Flügel einer halb abgerissenen Schule renoviert. Aus den Löchern in den Flurwänden konnte man auf den Hof schauen. Die Michaelschule begann die Arbeit mit einer experimentellen Klasse von fünf Schülern. Bereits im nächsten Jahr kamen mehr Kinder hinzu und gemäß des Erlasses der Bezirksabteilung für Volksbildung, bekamen die Klassen den Status „heilpädagogische Waldorfklassen“. Durch Spenden wurden die Klassenzimmer renoviert, die Deutsche Botschaft stellte die Schulmöbel. Von da an vergrößerte sich die Schule Jahr für Jahr und entwickelte sich weiter.

Im Jahre 2002 gab es einen schweren Rückschlag, als durch ein Erdbeben das Gebäude und somit auch unsere Klassenzimmer schwer beschädigt wurden. Die Bezirksabteilung für Volksbildung entzog uns das Gebäude und wir saßen auf der Straße. Doch wir waren nicht allein: Die Freunde der Erziehungskunst, unsere Partner, riefen zu Spenden auf und viele deutsche heilpädagogische Einrichtungen haben auf unser Unglück reagiert. Durch ihre Unterstützung kauften wir im Zentrum der Stadt ein Grundstück, auf welchem der Wiederaufbau eines kleinen, ebenfalls beschädigten Gebäudes durchgeführt wurde. Am Ende des Jahres war das Gebäude noch nicht fertig und der Unterricht fand erstmal im Hof unter Sonnensegeln statt. Alle Kinder, Eltern und Pädagogen säuberten und räumten nach und nach das Gebäude auf, welches schon in unserem Besitz war. In diesem Jahr bekamen die experimentellen Klassen vom Ausbildungsministerium den anerkannten Status einer heilpädagogischen Schule und eine Lizenz.

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Das neue Gebäude der heilpädagogischen Michaelschule in Georgien

Zwei Jahre später, 2004, wurde die Schule 10 Jahre alt! Es gab eine große Feier, viele Gäste und Freunde kamen. Für die Feier bereiteten die Kinder das Theaterstück „Romeo und Julia“ von Shakespeare vor. Es war ausgezeichnet. Die Zuschauer klatschten begeistert, manche weinten. Und die Pädagogen waren stolz auf ihre Schüler.

An diesem Tag setzte der Botschafter aus Deutschland, Herr Schramm, den ersten Spatenstich des Fundaments für das neue, heutige Gebäude der Schule, welches endlich unser richtiges und bleibendes Zuhause sein sollte. Finanziert wurde das Projekt vom BMZ und aus den verbleibenden Mitteln des Spendenaufrufs der Freunde der Erziehungskunst.

Die Zeit rennt und nun sind wir schon 20 Jahre alt. Das neue Gebäude der heilpädagogischen Michaelschule steht seit vielen Jahren. Es ist groß, schön und hell. In der Schule gibt es alles, was an Infrastruktur für die Entwicklung der Schüler nötig ist: schöne, geräumige Klassenzimmer und in jedem von ihnen Jahreszeitentische, deren Aussehen sich gemäß der Jahreszeit wandelt. Das hilft den Kindern bei der Orientierung im Kreislauf des Jahres. Es gibt eine Sporthalle und einen Theatersaal, einen Eurythmie-Saal, einen Therapieraum, ein Arztzimmer, eine helle Küche und eine Rollstuhlauffahrt, durch die jeder Schüler an jedem Unterricht und an jeder Veranstaltung vollständig teilnehmen kann.

Drinnen, im Gebäude, ist alles „ungewöhnlich“. An den Wänden hängen viele, von Schülern geschaffene, Kunstwerke wie Bilder, Strickmuster und Gefilztes. Im zweiten Stock steht ein „Zauberschrank“ mit Mineralien, vor dem man für eine lange Zeit verweilen und staunen kann. Daneben steht ein schön verzierter Tisch. Darauf liegen Töpfe und Vasen mit Blumen oder Weizenähren. Die Farben der Wände von Flur und Klassen sind, abhängig vom Alter der Schüler, von einer warmen Rosafarbe bis hin zu kalten blauen Farben gestaltet. Diese Farben erwärmen, oder helfen bei der Konzentration. Unermüdlich begeistert die Schule die neuen Gäste und beim Herumwandern haben viele den Wunsch, dass das eigene Kind seine Schuljahre hier verbringen darf.

Wir sind dankbar dafür, dass während all dieser Jahre die Eltern und Freunde, das Ausbildungsministerium von Georgien, die Kollegen aus Deutschland, aus der Schweiz und Schweden, die Deutsche Botschaft in Georgien und verschiedene Stiftungen, besonders die Freunde der Erziehungskunst, uns halfen und unterstützten.

Dr. Marina Shostak

Erschienen in: Rundbrief Freunde Erziehungskunst, Herbst 2015

Fotos: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners