Leiden ist eine sakrale Substanz

Das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe hat manchen Maßstab gesetzt, ohne es an die große Glocke zu hängen. Seine Geschichte ist voll unglaublicher Wendungen. Jetzt wird es 21 Jahre alt.

Der Eingangsbereich ist gesäumt von Läden mit Demeter-Lebensmitteln, Büchern, Blumen und Naturkleidung. Bebaut ist das weitläufige Areal in idyllischer Havellage mit Fliegeroffizierskasernen aus dem Dritten Reich. Es ist einer der Widersprüche, den die hier arbeitenden Menschen seit 21 Jahren produktiv machen indem sie neu verputzen und streichen, Dachgeschosse aufsetzen, Mosaikwege und wildwüchsige Parkanlagen mit Blumen, Kräutern und Gemüsen anlegen. Havelhöhe kann mit Aufsehen erregenden Etappen in seiner noch jungen Geschichte als Gemeinschaftskrankenhaus aufwarten, ohne sie an die große Glocke zu hängen. 2007 war es beliebtestes Krankenhaus in Deutschland gemäß einer Befragung der Techniker-Krankenkasse von 100 000 Patientinnen und Patienten in 2000 Kliniken. Im Lungenkrebszentrum wurde der Regisseur Christof Schlingensief zwei Jahre lang behandelt. Er zitierte in seinem Tagebuch Joseph Beuys, der das Leiden als kostbare «sakramentale Substanz» bezeichnet. Es ist, als sei diese Substanz hier auf Schritt und Tritt anwesend.

Parteiübergreifendes Interesse

Die Geschichte des Gemeinschaftskrankenhauses hängt eng mit dem Mauerfall und der kurzen ersten Episode von Rot-Grün in Berlin zusammen. Dies erläutert im Gespräch Roland Bersdorf, der von Beginn an bis 2014 Geschäftsführer in Havelhöhe war. Seitdem bekleidet er dieselbe Position beim Kliniknetzwerk AnthroMed, das als unabhängige, gemeinnützige GmbH Teil des Zusammenhangs der anthroposophischen Kliniken ist. Viele Gründungsmitglieder sind heute noch hier tätig: Matthias Girke, Christian Grah, Harald Matthes als Mediziner und Maria Jung für den Pflegebereich.

Anfang 1989 bildete sich die Arbeitsgruppe ‹Alternative Krankenhausträgerschaften›, geleitet von der SPD-Gesundheitssenatorin Ingrid Stahmer. Ihr ging es darum, andere als bisher übliche medizinische Ansätze umzusetzen. Das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke war zu jener Zeit in aller Munde. Mit dem Fall der Mauer Ende des Jahres gewann die Vielfalt der Trägerschaften zusätzliche Bedeutung. «Berlin hatte ein bombastisches Überangebot an Krankenhausbetten», fasst Bersdorf die neue Ausgangslage zusammen. In der Politik war man allerdings darauf bedacht, die Reduktion zur Angebotsvielfalt zu nutzen.

Die Initiative zur Gründung eines anthroposophischen Krankenhauses wurde als gemeinnütziger Träger fürs Krankenhaus Lichtenberg im Ostteil der Stadt ins Gespräch gebracht. Die kam bei den Chef-ärzten dort jedoch schlecht an. Sie argwöhnten, erinnert sich Maria Jung, nach dem real existierenden Sozialismus eine neue Ideologie aufgebrummt zu bekommen. Im November 1991 Rot-Grün zerbrach ein Jahr zuvor lud die Ärztekammer hochkarätige Vertreter aus Politik und Medizin zum öffentlichen Gespräch in die Westberliner Akademie der Künste ein: den Ärztlichen Leiter des DRK-Krankenhauses Hamburg-Rissen, Volker Fintelmann; den Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Ellis Huber; und den Staatssekretär für Gesundheit, Detlev Orwat, CDU. Programmatisch stellten sie die Frage: «Braucht Berlin ein anthroposophisches Krankenhaus?» Es gab, so der Pneumologe und behandelnde Arzt von Schlingensief, Christian Grah, mit 1200 Besuchern eine «sehr starke Antwort» aus der Öffentlichkeit. Das Interesse am Gemeinschaftskrankenhaus war spätestens seit 1993 parteiübergreifend, nachdem 20 Politiker aller Parteien aus dem Gesundheitsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses nach Herdecke gereist waren.

Keinesweges erste Wahl

Daraufhin wurde der Bereich Havelhöhe des Krankenhauses Spandau in die Trägerschaft des ‹Gemeinnützigen Vereins zur Förderung und Entwicklung anthroposophisch erweiterter Heilkunst e.V. Berlin› übertragen. Der lange Name war bewusst gewählt und wie sich herausstellte vorausschauend. Allein der Aufbau eines Krankenhauses wäre nicht als gemeinnützig anerkannt worden. Und von vornherein bestand das Ziel, auch therapeutische und medizinische Initiativen entstehen zu lassen. Was zum Organismus aus 14 eigenständigen gemeinnützigen GmbHs geführt hat, zu dem auch die international operierende Jugenddrogenhilfe PAR-CE-VAL gehört, das Hospiz, eine Palliativstation und das Familienforum, dessen aktuelles Projekt das Willkommensbündnis in Kladow ist.

Wegen der Entfernung vom Berliner Zentrum und der Naziarchitektur war Havelhöhe keineswegs erste Wahl der Initiatoren. Die hatten bei der Standortsuche sowieso kein Mitspracherecht. Zudem war nur daran zu denken, eine real bestehende Einrichtung zu beziehen, weil erhebliche Bettenstreichungen anstanden. Auch in Havelhöhe kam es zu zähen Verhandlungen, die Staatssekretär Detlev Orwat schließlich mit einem Machtwort zugunsten des Gemeinschaftskrankenhauses beendete. Das Geländeverbot für den Verein bestand dennoch bis Februar 1994 fort. Ein Begehungstermin musste erzwungen werden, bei dem die anthroposophischen Mediziner und Pflegekräfte mit Rasseln und Protesttransparenten empfangen wurden. Für Aufruhr sorgte, dass mit dem Wechsel von der Städtischen in eine freie, gemeinnützige Trägerschaft, die das Aus staatlicher Tarifverträge bedeutete, zugleich Betten gestrichen werden sollten. Das Fass zum Überlaufen aber brachte die anthroposophische Trägerschaft. «Gegen den Willen der Mitarbeiter», so Harald Matthes, «die wir alle übernommen haben», begannen zum 1. Januar 1995 ein paar wenige anthroposophische Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte ihre Arbeit. Zwei bis drei Jahre dauerte es, die 450 Alteingesessenen für die Anthroposophische Medizin zu begeistern. «Sie haben gemerkt, wir sind verlässliche Schulmediziner und machen doch etwas anders», meint Matthias Girke, Leitender Arzt der Allgemeinen Inneren Medizin. «Aber die Patienten haben diesen neuen Ansatz begrüßt und als hilfreich erlebt!»

Eine Medizin für alle

Dann platzte ein Senatsgutachten herein: Bei annähernd 42.000 Akutkrankenhausbetten seien Havelhöhe und vier weitere Kliniken entbehrlich. Die Existenzbedrohung half, die Wahrnehmung fürs anthroposophische Anliegen zu schärfen. Gibt es dieses Haus nicht mehr, wussten die Mitarbeiter plötzlich, wird es auch sie dort nicht länger geben.

Rettung erschien in Person der Popsängerin Ulla Meinecke, die ihren Freundeskreis mobilisierte. Berliner Künstler engagierten sich mit einer Anzeigenkampagne in den Berliner Tageszeitungen für Havelhöhe. Sie führte zu enormer Präsenz in der Öffentlichkeit bis hin zu dem Tag, als auf einer Veranstaltung der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, CDU, auf Roland Bersdorf zulief und meinte: «Das möchte ich Sie mal bitten: Hören Sie mit den Anzeigen auf. Sie sind doch nicht wirklich gefährdet, das wissen Sie doch!» Damit war alles klar.

Das Gemeinschaftskrankenhaus verzeichne heute die höchsten Wachstumszahlen bei Belegungszuwachs und Bewertungsrelationen, sagt Harald Matthes, Leitender Arzt der Gastroenterologie. Seit acht Jahren gibt es die bis ins Wirtschaftliche und in Personalfragen hinein «basisorientierte Selbstverwaltung mit Verantwortungskreisen». Auf Seite des Vereins als Gesellschafter der Klinik und der weiteren Gesellschaften kommt besondere Bedeutung dem monatlich tagenden 19-köpfigen Initiativkreis zu, in dem rechtliche Aufsichtspflicht wie soziales Miteinander sich dreigliedrig durchdringen. Matthes unterstreicht: «Neben dem mündigen Patienten brauchen wir den mündigen Mitarbeiter.» Patientenorientierte Therapien Anthroposophischer Medizin würden entwickelt, die weniger den wirtschaftlichen Notwendigkeiten unterliegen, wie sie sonst in den Krankenhäusern dominieren. Denn Anthroposophische Medizin habe ihren Auftrag in der gesetzlichen Krankenkasse. «Wir wollen jeden Menschen behandeln!»

Freikaufen von Grund und Boden

So alt wie das Gemeinschaftskrankenhaus sind die Verhandlungen über Grund und Boden, auf dem es steht. Diesen Sommer konnte er dem Berliner Senat für 7.040.000 Euro abgekauft werden. Eine Million wurde durch die Aktienverkäufe der zurückliegenden Jahre finanziert, entworfen von prominenten Künstlern. Die 21. Aktie spielt auf die Beuys-Aktion ‹7000 Eichen› an. Sie ist gestaltet aus einem Foto der Installation ‹Zeige deine Wunde› und dem Schild ‹Der Gesundheitshelfer› von Joseph Beuys. «Wir», heißt es bei der gemeinnützigen AG in Havelhöhe, «offenbaren unsere Wunde im krankenden Gesundheitssystem.» Die resultiere aus dem zerstörerischen Umgang mit Geld. Ihre Heilung erfordere innere Kreativität und «Unabhängigkeit von Profitorientierung auf den Kapitalmärkten». So soll der über Kredite geliehene Rest mit Unterstützung der «Gesundheitshelfer» «freigekauft» werden.

Diese Aktion wie die Flüchtlingssprechstunde auf dem Klinikgelände nach Feierabend zeigen den ungebremsten ‹Impuls Havelhöhe›, bei dem von Beginn an, wie Matthias Girke bemerkt, über allen Herausforderungen und Spannungsfeldern ein guter Stern steht.

Ronald Richter

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 1-2, 1. Januar 2016