Mit Herz und Hand zur ersten Waldorfschule in Moldawien

Das staatliche „Liceul Teoretic Waldorf“ liegt in Chi’inãu, der Hauptstadt des kleinen Landes Moldawien, welche sich, „beinahe wie das alte Rom, auch über acht Hügel erstreckt“, wie eine Lehrerin stolz erzählt. Beim Betreten des Schulgeländes leuchtet einem das warme Gelb der von Balkonen, Vorsprüngen und Aufgängen geprägten Westseite des Gebäudes entgegen.

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Schulgebäude

Als sich das Land 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion von dieser lossagte, begann eine Zeit des Aufbruchs und es entstanden erste Waldorfinitiativen. Die Waldorfschule in Chi’inãu ist nach 23 Jahren die einzige Waldorfinitiative, die über die Kinderschuhe hinaus einen überlebensfähigen Organismus aufgebaut hat. Mit viel Kraft und Engagement wird hier um Waldorfqualitäten und eine wirkliche Gemeinschaft gerungen.

Von Anfang an war die Schule eine staatliche und ist es bis heute geblieben. Somit lag und liegt die Herausforderung weniger in der staatlichen Anerkennung, als im Verhandeln und Erkämpfen von pädagogischer Autonomie - die wichtigste Voraussetzung, um einen waldorfpädagogischen Lehrplan im Unterricht umsetzen zu können.

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Unterricht in den höheren Klassen

Noch immer gibt es zahllose Regulierungen, Vorgaben und Prüfungen. Zweimal die Woche kommen Inspektoren und selbst die Kalorien in der Mensa werden vorgegeben. Bis zur vierten Klasse dürfen Klassenlehrer als solche unterrichten, dann folgt ausschließlich Fachunterricht. Während in den unteren Klassen noch mehr Zeit für künstlerisches Arbeiten besteht, wird es mit zunehmendem Prüfungsdruck in den oberen Klassen immer weniger.

„Obwohl letzte Woche inhaltliches Arbeiten im Biologie-Unterricht der 6. Klasse anstand, kamen die Schüler vom Kopf her so erschöpft aus einer Prüfung, dass kaum ein Unterricht möglich war“ erzählt eine Lehrerin. So lässt sie beherzt die Schüler zu Farben und Pinsel greifen, um beim paarweisen Malen von wilden Tieren auf dem großen Papier, wieder ein wenig Lebendigkeit und echtes Interesse aufkommen zu lassen.

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Inszenierung des Sommernachtstraums

Die künstlerischen Fächer wie Werken, Handarbeit, Malen oder Eurythmie werden staatlich nicht finanziert, für sie müssen die Eltern aufkommen.

Auch das liebevolle Verwandeln der ehemals grauen Räume in wunderschöne, einladende Klassenzimmer geschah im Laufe der Jahre durch Lehrer und Eltern.Nun verhandelt die Schule um zwei weitere Jahre der Klassenlehrerzeit, damit diese bis zur sechsten Klasse gehen darf.

Und wenn die jetzige fünfte Klasse, aktuell die erste zweizügige, bald in die Oberstufe gewachsen ist, sollen dank der doppelten Jahrgänge mehr Fächer angeboten werden, damit die Schüler wählen können. Aber dafür braucht es weitere Räume und an denen fehlt es schon jetzt. Bereits in den letzten Ferien wurde auch das Lehrerzimmer in ein Klassenzimmer verwandelt. Nun müsste ein Stockwerk hinzukommen, doch die Behörde will nicht zahlen. Und für ein Gebäude, welches in Staatsbesitz ist, fremde Mittel einzuholen, ist kaum zu schaffen.

„Früher hat die Direktion wegen der geringen Schülerzahlen Schwierigkeiten gemacht. Heute machen wir Schwierigkeiten, weil es so viele Schüler sind“ wird gescherzt, während man trotz der schwierigen Aussichten nach möglichen Lösungen sucht.

Jaspar Röh

Erschienen in: Freunde Erziehungskunst, Herbst 2015

Foto: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners