Impulse für eine zukunftsfähige Agrar- und Ernährungswirtschaft

„Wie kann der gesellschaftlich geforderte Umbau gelingen?“, war die zentrale Frage des Politischen Frühschoppens der AÖL. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Bioland-Wintertagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll statt. Gegliedert war die Veranstaltung in einen Vortrag von Professor Dr. Harald Grethe mit anschließender Podiumsdiskussion.

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Politischer Frühschoppen der AÖL in Bad Boll. Erste Reihe von links nach rechts: Thomas Reusch Frey (MdL SPD-Fraktion), Dr. Christian Eichert (AÖL e.V.), Dr. Tanja Busse (Moderation), Paul Locherer (MdL, CDU-Fraktion) Zweite Reihe von links nach rechts: Dr. Friedrich Bullinger (MdL, FDP-Fraktion), Martin Hahn (MdL, Fraktion b90 / Die Grünen), Prof. Harald Grethe (Universität Hohenheim), Jan Plagge (Vorstand BÖLW)

Vertreten wa- ren die Mitglieder des Stuttgarter Landtags und Agrarpolitischen Sprecher der Parteien Dr. Friedrich Bullinger (FDP), Paul Locherer (CDU), Martin Hahn (Grüne) und Thomas Reusch-Frey (SPD), sowie Jan Plagge in seiner Funktion als Vorstand des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW. Die Moderation übernahm mit Dr. Tanja Busse eine ausgewiesene Branchen-Expertin.

In seinem Impulsvortrag griff Professor Grethe als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz den Meinungsstreit um Tierhaltungs- bedingungen auf. Er nahm dabei Bezug zum Gutachten, welches der Beirat im letzten Jahr vorgestellt hat und welches in Politik und Gesellschaft eine grundlegende Debatte angestoßen hat. Das Gutach- ten nahm Kritik an den derzeit vorherrschenden Tierhaltungs-Praktiken in Deutschland und forderte einen Umbau der jetzigen Produktionsweise in Zusammenarbeit mit den Tierhaltern. Hier sei auch die Agrarpolitik gefordert: So könne der Verbraucher durch staatliche Kennzeichnung für das Thema sensibilisiert werden.

Gekoppelt mit Brancheninitiativen und Tierwohlprämien könnte ein langfristiger Umbau gelingen. Des Weiteren äußerte er sich zur wissenschaftlichen Sicht auf die Problematik des übermäßigen Einsatzes von Düngemitteln und den Klimaschutz-Zielen. Wenn die differenzierte Ausarbeitung der Düngemittelverordnung scheitere, wäre eine Stickstoffabgabe eine denkbare Alternati- ve, da sie administrativ relativ einfach umzusetzen wäre. Wenn die Ziele zum Klimaschutz erreicht werden sollen, sei es nicht ausreichend den Ökolandbau zu forcieren; vielmehr können diese Ziele nur durch die drastische Einschränkung des Konsums tierischen Eiweißes erreicht werden.

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Auf der Podiumsdiskussion wurden die Fragen aus den AÖL-Wahlprüfsteinen aufgegriffen. Die Agrar-sprecher der Parteien bezogen Stellung zu vielfältigen Themen wie Agrarförderung, Verlässlichkeit dieser Förderprogramme und dem Spannungsfeld Markt und Landwirtschaft. Dem SPD-Vertreter Thomas Reusch-Frey war es ein Anliegen, dass „die bäuerlichen Betriebe nicht unter die Räder geraten“. Generell herrschte Konsens darüber, dass die Förderung dort ankommen muss, wo sie gebraucht wird und dass gerade Umstellungsbetriebe auf Verlässlichkeit angewiesen sind. Jan Plagge sieht gerade hier das Hemmnis, das manche Landwirte um die Dauerhaftigkeit der Förderung fürchten.

In Richtung der nun anstehenden Debatte um die notwendige Umverteilung der Agrarzahlungen von der Ersten hin zur Zweiten Säule und damit einem zielgerichteteren Mitteleinsatz forderte Jan Plagge: „Jede Partei ist auch auf Landesebene gefordert, sich über den Bundesrat für diese notwen- dige Umverteilung stark zu machen. Insbesondere aus Baden-Württemberg ist eine starke Stimme und eindeutige Positionierung für eine bäuerliche Landwirtschaft notwendig, ein Stillstand für 5 Jahre wäre hier verheerend“. Einigkeit herrschte bei den Diskutanten, dass sich angesichts der immer noch zunehmenden Pachtpreisproblematik eine Umschichtung der Gelder von der Ersten in die Zweite Säule positiv auswirken würde.

Die Landwirtschaft steht immer mehr im Spannungsfeld zwischen den Standards, die sich die Verbraucher wünschen und jenen, die sie bereit sind zu zahlen. Subventionen sollten gerade bei Ver- marktungsstrategien ansetzten und nicht nur aus Direktzahlungen bestehen, so Dr. Friedrich Bullinger für die FDP-Fraktion. In Richtung der erheblichen Markt- und Absatzchancen ergänzte Martin Hahn: „Was wir in Baden-Württemberg können ist Qualität sowohl im Bio- wie auch im konventionellen Segment“.

Auch der Aspekt einer verbesserten Agrar- und Ernährungsausbildung fand breiten Anklang in der Runde. Es sei zentral wichtig schon bei den Kindern anzusetzen und diese zu nachhaltigem Einkaufs- verhalten zu animieren, denn sie seien die Konsumenten von morgen, so Paul Locherer. Auch mit dem Ziel den ökologischen Anbau als Alternative zu den konventionellen Anbauweisen aufzuzeigen konnten sich die Podiumsmitglieder identifizieren. So sieht Paul Locherer im Ökolandbau „jeden Cent gut investiert“.

Dr. Tanja Busse, die als Journalistin und Autorin ihres Buches „Die Wegwerfkuh“, sowie durch Auftritte in relevanten Fernsehsendungen bekannt ist, führte gewandt durch das Gespräch.

Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau Baden-Württemberg e.V.

Foto: AÖL