Jetzt umsteuern: Pflanzen ökologisch schützen

BÖLW diskutiert neue Impulse für einen ökologischen und innovativen Pflanzenschutz am Tag des Ökolandbaus auf der Grünen Woche.

„Wir müssen beim Pflanzenschutz umsteuern und zu naturverträglichen Innovationen kommen. Der Ökolandbau hat hier bereits erfolgversprechende Vorleistungen erbracht“, so lautete das Fazit von Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), zur Tagung „Mehr Innovation, weniger Risiko: Wie wir unsere Pflanzen gesund erhalten können“ beim Tag des Ökologischen Landbaus auf der Internationalen Grünen Woche.

Was der Pestizideinsatz wirklich kostet, hatten Schweizer Wissenschaftler in der Pilotstudie „Volkswirtschaftliche Kosten des Pestizideinsatzes in der Schweiz“ errechnet. „Die volkswirtschaftlichen Kosten des Pestizideinsatzes sind hoch“, so BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig zu den Ergebnissen der Pilotuntersuchung, die auch auf Deutschland übertragbar sind. „Dass für jeden Euro, der für Pestizide ausgegeben wird, bis zu 80 Cent an Folgekosten für Schäden an Umwelt und Gesundheit sowie für die Regulierung dazukommen, ist nicht hinnehmbar und führt zu Marktversagen.“

Ein wichtiges Instrument für das Umsteuern beim Pflanzenschutz sei eine Pestizidabgabe, erläuterte Prof. Erik Gawel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), der eine Studie zur Pestizidabgabe auf der Tagung vorstellte. Die Abgabe setze Innovationsanreize für den nicht-chemischen Pflanzenschutz, ohne die Wahlmöglichkeiten der Anwender zu beschränken. Gawel betonte, dass der Vorschlag des UFZ so austariert sei, dass die Einführung einer Pestizidabgabe die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft nicht beeinträchtigen würde.

Der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Dr. Robert Habeck, der die UFZ-Studie in Auftrag gegeben hatte, hob auf dem Tag des Ökolandbaus hervor, dass die Abgabe ökonomisch vor allem die Pestizidhersteller und nicht die Landwirte belasten würde. Gerade die Flexibilität für die landwirtschaftlichen Betriebe wurde von Habeck als großer Vorteil dieses Instruments herausgestellt.

In der abschließenden Podiumsdiskussion der BÖLW-Fachtagung gab es einen breiten Konsens, dass der Pflanzenschutz der Zukunft ökologischer erfolgen muss. Dr. Jutta Klasen vom Umweltbundesamt und Christiane Huxdorff von Greenpeace betonten die massive Schädigung von Ökosystemen durch Pestizide und forderten eine deutliche Ausweitung des Ökologischen Landbaus. Huxdorff machte deutlich, dass ein Weiter-so in der Landwirtschaft keine Option sei. Sowohl das Zulassungsverfahren für Pestizide als auch die gute fachliche Praxis Pflanzenschutz seien reformbedürftig.

Clemens Neumann vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) schlug vor, einen „Umweltpakt“ mit der Landwirtschaft zu schließen, um den gesamten Berufsstand einzubinden. Es sei offensichtlich, dass ökologische Pflanzenschutzstrategien, die ohne Herbizide und chemisch-synthetische Pestizide arbeiten insbesondere in den Bereichen Forschung und Pflanzenschutzmittelzulassungsverfahren wesentlich stärker als bisher nach vorn gebracht werden müssten. Er verwies auf vielfältige Initiativen des BMEL in diese Richtung.

BÖLW-Vorstand Jan Plagge mahnte die Umsetzung des Verursacherprinzips auch beim Thema Pflanzenschutz an. „Es kann nicht sein, dass Bio-Bauern für Schäden durch Abdrift von Pestiziden aufkommen müssen“, so Plagge. „Wenn Wirkstoffe wie Pendimethalin oder Prosulfocarb nicht vom Markt verschwinden, sind Ökolandbau oder der Anbau von sensiblen Kulturen wie Heilkräuter und Gemüse für Babynahrung in Deutschland bald nicht mehr möglich.“ Gleichzeitig, so Plagge, müsse konsequent auf die Einhaltung bewährter Praxis-Methoden wie z. B. Mindest-Fruchtfolgen gedrungen werden, damit der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln gedrosselt wird. Zentrales Instrument zur Reduzierung der Pestizid-Risiken soll eigentlich der Nationale Aktionsplan Pflanzenschutz sein (NAP). Der BÖLW und Erik Gawel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung wiesen jedoch darauf hin, dass trotz NAP die Menge der in Deutschland ausgebrachten Pflanzenschutzmittel und deren negative Auswirkungen in letzter Zeit sogar zu- und nicht abnehmen.

Joyce Moewius