„Was sind die Schätze Deiner Kultur für die Zukunft?“

Gedanken über kulturelle Vielfalt und Waldorferziehung

„Die Erfahrung, ja sogar die Möglichkeit dass uns etwas zustößt, das uns etwas berührt, hängt davon ab, ob wir innehalten und eine Tätigkeit unterbrechen können, eine innere Bewegung, die heute fast unmöglich ist: einen Moment aufhören zu denken, aufhören, den Blick hierhin und dorthin zu richten, aufhören, auf dieses oder jenes zu hören, anfangen, langsamer zu denken, langsamer zu schauen, langsamer zu hören. Aufhören zu fühlen, langsamer fühlen, Einzelheiten nachklingen lassen, die eigene Meinung, das eigene Urteil suspendieren, den eigenen Willen zurückhalten, den Automatismus in unserer Tätigkeit unterbrechen, Aufmerksamkeit und Sanftmut kultivieren, Augen und Ohren öffnen, sprechen über das, was mit uns geschieht, nicht zu viel sprechen, geduldig sein und sich selbst Raum und Zeit geben.“

(Jorge Larossa Bondía in Notes on Experience and the Knowledge of Experience, 2002)

In den letzten Jahren hat sich das IASWECE Council bemüht, diese Stimmung des „Unterbrechens“ zu kultivieren und Einsicht in kulturelle Vielfalt zu gewinnen. Wir haben versucht, die interessanten und so unterschiedlichen Arten zur Kenntnis zu nehmen, wie Waldorferziehung in den verschiedenen Weltgegenden realisiert wird und haben uns auch bemüht, das Gemeinsame zu sehen und zu formulieren, was die wesentlichen Grundzüge der Waldorfpädagogik sind. „In welcher Art kommt das Allgemein-Menschliche in den verschiedenen Kulturen, Ländern und Hemisphären zum Ausdruck?“ war eine weitere Frage, die uns sehr beschäftigt hat.

Wir fühlten, dass Anthroposophie der Welt heute viel geben kann, aber dass es vor allen Dingen darauf ankommt, wie wir sie praktizieren, wie wir durch unsere Arbeit, durch unsere Ausdrucks- und Sprechweise und durch die Art, wie wir anderen Menschen begegnen Anthroposophie wirksam sein lassen.

In diesem Sinne hat das Council zur „Übergänge Tagung“ in Dornach im April 2015 einen kurzen Text veröffentlicht mit dem Titel: „Der allgemein-menschliche Charakter der Waldorfpädagogik“: „ . . . Die ‚International Association for Steiner/Waldorf Early Childhood Education‘ (IASWECE) ist ein Forum für die internationale Zusammenarbeit von Waldorferziehern, die die Pädagogik Rudolf Steiners praktizieren, vertiefen und zeitgemäß gestalten wollen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Waldorfpädagogik weder ein theoretisches System noch eine Sammlung bestimmter Regeln und Methoden wird, sondern eine Möglichkeit, das Wesen des Kindes immer neu zu verstehen und eine lebendige Beziehung mit ihm zu pflegen.

Als Erzieher fördern wir die gesunde Entwicklung des Kindes, wenn wir nicht nur seine körperliche Beschaffenheit wahrnehmen, sondern durch Schulung unserer Beobachtung und Aufmerksamkeit auch seine seelisch-geistigen Qualitäten berücksichtigen können. Durch diese Schulung lernen wir auch die geistige Individualität jedes Menschen ahnen und wertschätzen: ein Wesen, das von der Hülle seines Geschlechts, seines Temperaments und seiner Persönlichkeit unabhängig ist und doch in ihr und durch sie wirkt und sich durch die Traditionen und Werte seiner jeweiligen Familie und kulturellen Gemeinschaft ausdrückt.

Jede Kultur gibt einen besonderen Beitrag zur Entwicklung der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik. Wir respektieren und würdigen daher die Art und Weise, wie Waldorferzieher in ihrem spezifischen kulturellen Kontext arbeiten. Gleichzeitig möchten wir auch unsere Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass die Anthroposophie und die Pädagogik Rudolf Steiners durch die Förderung und Wertschätzung von Autonomie und individueller Initiative auch einen Beitrag zur Entwicklung der sozialen Zusammenhänge geben kann. (Familie, Gemeinschaft, Volksgruppen, Menschheit).

IASWECE gibt uns Erziehern aus verschiedenen Ländern und Kulturen die Möglichkeit, einander zu begegnen und uns kennen- und immer besser verstehen zu lernen. Vertrauen, Offenheit und Respekt unter Kollegen zu entwickeln, - immer mit dem Blick auf das kleine Kind im Zentrum, - dies ist der Ausgangspunkt für die Fähigkeit, Kinder zur Freiheit zu erziehen.

Dies ist das Ideal, das uns motiviert, an dem dynamischen und künstlerischen Prozess mitzuwirken, der es dem allgemein menschlichen Geist der Waldorfpädagogik ermöglicht, in den Herzen und in dem schöpferischen Willen von Erziehern in allen Kulturen lebendig zu werden. Nur dann werden wir Kindern in allen Ecken und Enden der Welt die Möglichkeit geben, ihr wahres und volles Menschentum zu entwickeln.“

Als internationale Vereinigung meinen wir, dass es zu unserer Aufgabe gehört, den Puls der weltweiten Waldorferzieher-Bewegung zu fühlen und ein Wahrnehmungsorgan zu sein, das sieht, wie in verschiedene Kulturen das Verhältnis zur Pädagogik Rudolf Steiners kultiviert wird und wie die besonderen Versuche, Herausforderungen und Fragen aussehen.

Mit dieser Intention haben wir an die Mitglieder im IASWECE eine Reihe von Fragen gestellt, mit der Bitte, sie an die Kollegen in ihren Ländern weiterzuleiten. Wir waren uns bewusst, dass es zum Teil schwierige Fragen sind und dass sie auch anders hätten formuliert werden können:

1. Was sind die Schätze in Deiner Kultur, die Samenkörner für die Zukunft sein können?

2. Kannst Du uns sagen, ob Anthroposophie hilfreich ist, Deine Traditionen in neuer Weise zu verstehen?

3. Was ist für Dich persönlich das Wesentliche, das Herz, oder der Kern der Anthroposophie?

Zusätzliche Fragen zur Vertiefung:

1. Was macht, dass ich mich einer bestimmten Kultur zugehörig fühle und was, macht, dass ich mich als Weltbürger fühle? Fühle ich mich in dem einen oder anderen mehr zu Hause?

2. Werden in Eurer Einrichtung außer den Festen Eurer Kultur auch Feste aus anderen Kulturen gefeiert? Welche und warum?

3. Fühlst Du Dich selbst auf einem Entwicklungsweg mit der Anthroposophie, und inwelcher Weise?

Diese Fragen sollten nicht nur zu Gesprächen und zum Nachdenken anregen, aber waren auch gedacht, um uns einige Aspekte unserer Arbeit bewusster zu machen und zu bemerken, dass bestimmte Gedanken und Gefühle, die wir jeden Tag haben und bestimmte Handlungen, die wir jeden Tag vollziehen, eine heilende oder schmerzliche Wirkung haben, deren wir uns nicht immer bewusst sind.

Wir danken herzlich den Kolleginnen und Kollegen aus den verschiedenen Ländern, die uns schon geantwortet haben und hoffen, dass wir noch viel mehr Antworten bekommen werden.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Antworten auf die ersten drei Fragen:

1) Was sind die Schätze Deiner Kultur, die Samenkörner für die Zukunft werden können?

Finnland:

• Die Natur, die Elemente, die vier Jahreszeiten

• Die Verbindung zwischen Mensch und Natur, Verantwortung des Menschen für die Natur

• Das Gefühl des Vertrauens in die Zukunft

• Der Reichtum der Sprache in Liedern und Gedichten

• Traditionelles Handwerk und Arbeitslieder

Israel:

• Ich hoffe, dass Martin Bubers Idee von der stark entwickelten Kraft des Individuums, die heute den Zusammenhang mit der Gemeinschaft, mit dem Universellen und mit der ganzen Erde suchen muss, ein Samenkorn für die Zukunft sein kann.

Japan:

• Der Verzicht auf Krieg in Artikel 9 der japanischen Verfassung. Hoffentlich kann

das ein Samenkorn sein für Frieden in der Welt.

• Die japanische Sicht der Natur, dass alle Dinge von geistigen Wesen bewohnt sind.

Polen:

• Liebe und Verlangen nach Unabhängigkeit.

• Begabung, Feste zu feiern.

• Die Fähigkeit für Ideale heroische Taten zu unternehmen. Dies kann zu Unabhängigkeit im Denken und Handeln führen.

Brasilien:

• Toleranz, die alle durch die tägliche Begegnung mit ganz verschiedenen Kulturen gelernt haben.

• Die Begegnung und Vermischung von Christlicher Religion mit Naturreligionen.

• Musik, die mehr Licht in die Seelen bringt.

Südafrika:

• Füreinander sorgen und miteinander teilen.

• Offenheit und Toleranz. Das wird täglich praktiziert, weil die Landeskultur inklusiv ist und die Feste der verschiedenen Religionsgemeinschaften gemeinsam gefeiert werden. Ein Sprichwort sagt: wer immer an Deine Tür klopft, ist von Gott gesandt. Hierin drückt sich das Bemühen aus, die Individualität wahrzunehmen und Vorurteile beiseite zu lassen.

• Musik als universale Sprache verbindendes Element. Auch in den Kindergärten und Krippen in Südafrika spielt sie eine wichtige Rolle.

2) Kann Anthroposophie hilfreich sein, Deine Traditionen in einer neuen Weise zu verstehen?

Finnland:

• Sie hilft, die geistigen Grundlagen der Feste und Traditionen zu verstehen, die aufgrund geistiger Erfahrungen eingerichtet worden sind.

Israel:

• Anthroposophie bietet uns an, auf neuer Weise auf die Verbindung von Mensch und Kosmos zu blicken. Sie erinnert uns daran, dass Religiosität und Dankbarkeit innere Haltungen sind, die wir brauchen, wenn wir mit mehr Bewusstsein leben möchten, und nicht nur traditionelle Rituale, die wir ausüben wollen oder nicht.

Japan:

• Die Beobachtungsmethoden der Anthroposophie (die verlorengegangenen Einzelheiten der Sinneswahrnehmungen nach und nach wieder ins Bewusstsein zu heben) helfen uns, das Wesen der Dinge wahrzunehmen.

Polen:

• Sie kann äußeren Formen tiefen Sinn geben. Die lokalen Traditionen erscheinen allgemein-menschlich.

Brasilien:

• Durch Anthroposophie erweitert man den eigenen Gesichtspunkt.

• In einem Land in der südlichen Hemisphäre, das von Europäern kolonisiert wurde, muss man die Festsitten und Traditionen den Jahreszeiten entsprechend „übersetzen“. Dies ist eine Herausforderung und ermutigt uns bewusster zu verstehen, was der Sinn eines Festes sein soll.

Südafrika:

• Sie hilft, uns gegenseitig zu akzeptieren.

3) Was ist für Dich persönlich das Wesentliche, das Herz der Anthroposophie?

Finnland:

• Der geistige Entwicklungsweg.

• Sie hilft uns, jedes Phänomen und jeden Menschen als Ausdruck von Geistigem zu verstehen.

• Wir können die Beziehung zwischen den Menschen als etwas begreifen, was sich ständig weiterentwickelt.

Italien:

• Anthroposophie ist wie ein paar guter Schuhe für jemanden, der mit Bewusstsein Flüsse überqueren, Berge besteigen und Wüsten durchwandern möchte. Jeder kann in ihr einen Schlüssel finden, der dem Leben, seinen unerwarteten Zwischenfällen und auch den Erfolgen einen tieferen Sinn gibt und hilft, Prüfungen zu bestehen.

• Wie mein eigenes Wesen Werkzeug für innere Arbeit werden kann.

Frankreich:

• Sie gibt uns so viele Werkzeuge um unsere Seele zu stärken, unsere innere Kraft, Phantasie und Schöpferlust. Außerdem gibt sie uns Anregungen und Ideen, wie wir

den Kindern helfen, diese Qualitäten zu entwickeln.

Israel:

• Schwierige Frage! Ich fühle mich zu Anthroposophie hingezogen, weil sie mich einlädt aufzuwachen, mehr Aufmerksamkeit zu entwickeln, aber auch toleranter und geduldiger mit anderen Menschen zu sein. Sie bietet einen sehr weiten Panoramablick auf die Menschheit und auf den Kosmos

und Wege, wie man Sinn suchen

kann.

Japan:

• Das Göttliche im Menschen zu sehen lernen, die anderen Menschen als freie Individualitäten zu verstehen, mehr Liebe zu entwickeln, mit der Welt eine neue Verbindung zu entwickeln.

• Die Idee, dass der Mensch die

Stadien der kosmischen Entwicklung durchmacht. Jeder

Mensch hat eine bestimmte Rolle auf der Erde und trägt zur

kosmischen Entwicklung bei.

• Liebe, Sensibilität, Seelenbegegnung und Verantwortung entwickeln.

Brasilien:

• Der Gesichtspunkt, dass Mensch und Kosmos verbunden sind, dass etwas Wesentliches gefunden werden kann, was alle Menschen vereint, das tiefer liegt, als alle unsere Unterschiede.

• Wesentlich an der Anthroposophie ist, das was das Allgemein-Menschliche in uns anspricht.

• Die Welt durch Herz, Gedanke und Wille zu verstehen.

Südafrika:

• Die Kluft zwischen Materie und Geist überwinden.

• Das Angebot eines Entwicklungsweges, sich jeden Tag ein bisschen besser, ein bisschen tiefer, ein bisschen deutlicher zu verstehen, ein bisschen mehr Bewusstsein zu entwickeln. Je besser ich mich selbst verstehe, je besser verstehe ich die Welt, je mehr kann ich der Welt geben.

• „In der Liebe liegt der Same der Wahrheit, In Wahrheit suche die Wurzel der Liebe.“

Anthroposophie hat in der ganzen Welt in vielen Gemeinschaften und Gesellschaften Wurzeln geschlagen, wo sie Anregungen gibt zur Persönlichkeitsentwicklung und für die Arbeit mit dem kleinen Kind. Als IASWECE Council bemühen wir uns, die jeweils verschiedenen Kontexte, Entwicklungswege und Arbeitsweisen der Waldorfeinrichtungen zu verstehen und offen zu sein für Unerwartetes. Wir leben mit der Frage: wie können wir das aktive Engagement von Erziehern und Eltern für den Schutz von Kindern und Kindheit in ihren jeweiligen Einrichtungen unterstützen? Wie können wir helfen, dass sich immer mehr die Kultur des Mit Abstand-die-eigene-Tätigkeit Betrachtens als Werkzeug für eine gesunde pädagogische Praxis durchsetzt?

Die Arbeit an dem Thema der kulturellen Vielfalt hat uns zu Aspekten geführt, die tief jeden einzelnen betreffen und ihn dazu bringen, sich in Frage zu stellen: „Wo bin ich wach, wo schlafe ich noch?“ „Bin ich mir meiner eigenen Vorurteile und Ängste bewusst?“ „Ändert sich etwas in mir?“

Heute, wo so viel Streit, Hass und Konflikte in der Welt sich breit machen, ist es unsere Aufgabe, unsere Unterschiede liebevoll zu feiern und unsere Gemeinsamkeit mit Begeisterung zu zelebrieren. Es hängt von jedem von uns ab, ob sich Liebe zum anderen Menschen, Dankbarkeit für das, was gerade geschieht und Offenheit für jede Begegnung ausbreiten kann ohne Verurteilung, mit sensiblem Urteilsvermögen.

„Die Begegnung mit Unbekanntem ist eine lebenswichtige Nahrung, genauso wichtig wie bestimmte Vitamine ohne sie fällt die Seele in Schlaf, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Nicht einfach herauszufinden, wieviel Willkürliches, Chaotisches, Unerklärliches man in seinem Leben zulassen kann. Es ist immer eine Frage des Gleichgewichtes. Das Kind, das der unverständlichen Welt ausgeliefert ist, braucht Beruhigung. Der Erwachsene, der komfortabel in seiner bekannten Umgebung installiert ist, braucht das Gegenteil.“

(Jane Hirshfield in Hiddenness, Uncertainty, Surprise, 2008)

Mary-G. Häuptle, Cape Town, Südafrika

Mary-G. Häuptle war viele Jahre Kindergärtnerin in Kapstadt. Sie ist Dozentin und Mentorin am „Centre for Creative Education.“ Außerdem ist sie Mitglied im Beirat des Südafrikanischen Waldorfbundes und im Council der IASWECE.

Erschienen in: Rundbrief IAWESCE, Dezember 2015