Der neue Garten

Gedanken zur Flüchtlingsproblematik

Vor einiger Zeit wurden Flüchtlinge befragt, was sie am meisten vermissen. Welches Bild ihres Zuhauses ihre Sehnsucht hervorruft? Es war der Garten. Mit großem Abstand von allem übrigen Verlorenen, was schmerzlich in der Erinnerung aufschien. Ich erinnere mich, als ich mit einer Frau aus Kasachstan über ihre verlorene Heimat sprach. Sie schilderte mir in leuchtenden Farben das Dorfleben. Sie hatten eigentlich alles, was sie brauchten. Es war nicht Krieg noch Not, was sie damals zur Flucht zwang. Sie wäre gern dort geblieben, doch das Zuhause löste sich auf. Ganze Dörfer und Städte mit intakten Sozialgemeinschaften emigrierten gen Westen. Allein in der sibirischen Weite konnte man nicht überleben. Das letzte Bild, das Lydia sah, als sie sich umwendete, war ihr Garten. Ehe sie fort war, trieben die Nomaden ihr Vieh hinein. Dieser Anblick brach ihr das Herz.

Die vier Schritte einer Flucht

Die erste Vertreibung der Menschheit geschah aus dem Garten Eden. Offenbar ist der Garten ein Sinnbild, auch für diejenigen, die heute aus Kriegsgebieten und Armut kommen. Was immer einen Menschen zur Flucht veranlasst, die erste Etappe endet, wenn er sich in Sicherheit fühlt. Die zweite Etappe ist die Gewissheit des Bleibens. Die dritte Etappe ist der Aufbau einer neuen Existenz. Damit erst tritt wirkliche Gegenwart ein. Die vierte Etappe wäre die Einholung der eigenen Vergangenheit.  Ein Garten braucht Zeit, um zu werden, zu wurzeln und zu wachsen. Darin gleicht er dem Menschen. Als Sinnbild der Lebenskräfte ebenso wie der Beziehung zwischen Mensch und Welt. Garten als Kulturraum ist der Übergang von Haus zu Haus, von innen nach außen, von Zivilisation und Natur. Was im Garten Eden die Gegebenheit des Schöpferischen war, erwartet uns als Herausforderung unserer Gestaltungskraft. Aktuell steht die Zivilisation als Sozialskulptur vor der Flüchtlingsfrage. Wir hier, inmitten einer Welt, in die alles drängt, als wäre es der Himmel auf Erden. Wir hier auf den Inseln des Wohllebens, noch nicht existenziell gefordert. Noch scheint die Lage entspannt und die Haltung freundlich. Es könnte sich bald konkret die Frage stellen: Wärst du bereit, dein Haus, deinen Lebensraum zu teilen? Nimmst du Obdachlose auf, ohne Kriterien der Auswahl?

Was drei Seelenstimmen flüstern

Man kann die Seele beobachten, wie sie kneift, wie sie gern ehrenamtlich das eine oder andere tut, wie es jedoch flüstert: Das ist doch keine Lösung! Schon geht die Seele auf die Flucht, auf die Jagd nach Argumenten. Nach rettenden Einfällen, die irgendwer haben oder liefern soll, um das Problem ja plötzlich ist es eines, wenn es zu Leibe rückt abzustellen. Die eigene Seele ist kein Garten, das Stückchen Erde, das bisschen Herzensgrund, in dem man sich willkommensfähig wahrnimmt, scheint sehr begrenzt. Das Flüchtlingsboot auf dem Meer, das zu kentern droht, ruft unser Mitleid hervor, aber es weckt auch uralte Ängste. Es könnte nicht reichen, das tägliche Brot für alle. Das Börsenwunder des freien Marktes hat ja nicht zur Brotvermehrung für alle geführt, sondern nur zur Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Auch die Armen in den Wohlstandsländern werden an die Randgebiete des Lebens vertrieben. Ein dreifacher Ruf ist zu hören. Eine Stimme ruft nach Ordnungsmacht und Verwaltungskraft. Eine zweite will Grenzen, Mauern und Stacheldraht. Die dritte Seelenstimmne erwartet Erlösung, einen Messias. Einer, der käme, den Sturm zu beruhigen, das Brot zu vermehren, die Schiffbrüchigen zu retten. Auch den Armen der Inseln des Reichtums weiterzuhelfen ihnen Weg, Wahrheit und Lebenskraft so zu vermitteln, dass sie nicht unmenschlich werden müssen. Denn wer einen Ertrinkenden zurückjagt ins Meer, der kann kein Mensch bleiben. Auf der Bildebene tun wir dies täglich als Zuschauer.  Bleiben wir im Bild, dann war Jesus Christus lebenslang ein Flüchtling. Von Geburt an, später umherziehend, obdachlos, auf Almosen, Unterbringung, Essensspende angewiesen. Heimatlos, denn sein Reich war nicht von dieser Welt. Was ist mit dem Versprechen gemeint, wo zwei oder drei in seinem Namen handeln, da sei er mitten unter ihnen?

Teilen statt zu spenden

Was kann die Liebe geben? Auch hier ein Urbild im Korintherbrief. Sie rechnet nicht, sie richtet nicht, sie ist der Überfluss: ein Sein, das sich hingibt an ein anderes. Liebe als der Wille des Eigenseins, sich so zu verhalten, dass ein anderer leben kann, durch die Hingabe an ihn. Und wenn es das wäre, worauf die Zeitlage der Welt uns weist? Auf die unabdingbare Notwendigkeit, ein solches Ideal aus alten Menschheitstagen neu hervorzubringen. Hingabe als Ausbildung individueller Friedfertigkeit. Jeden Morgen, wenn wir aufstehen, das Meer der eigenen Ängste, die Stürme der Selbstheit zu beruhigen. Nicht, um sich besser zu fühlen, nicht um sich zu entwickeln für einen anderen. Die Zeit der Revolutionen und Ideologien ist vorüber. Woher soll das weltweite Netzwerk der Güte sich weben, wenn nicht aus individueller Sittlichkeit. Jeder Fußbreit Boden, der so gewonnen wird, ist neue Erde. Der gute Wille, der in jedem Menschenherzen wurzelt, er kann nicht anders zum Vorschein kommen. Gewöhnen wir uns daran und üben wir, was es bald heißen könnte: zu teilen. Nicht zu spenden, was wir übrig haben, sondern im Gegenteil da wo wir nichts übrig haben für den anderen, da wo wir verzichten, wo wir uns einschränken müssen, es als Gelegenheit zur Hingabe zu begreifen. Wenn das Mitgefühl tatsächlich zum Miterleiden wird, ob wir dann die Kraft haben, es als Liebeübung zu begrüßen?

Ute Hallaschka

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 39-40, 25. September 2015