‹Anthroposophische Kunst› nur aus der Distanz?

Vortrag und Debatte ‹Aenigma  Ein Rätsel der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts›, 27. August, Prof. Dr. Reinhold J. Fäth, Apolda. ‹Hans-Hasso von Veltheims Grabkapelle. Eine Gemeinschaftsarbeit von Maria Strakosch-Giesler und Felix Kayser›, 10. September, John Palatini, Halle (Saale).  Den beiden ersten Vorträgen der begleitenden Reihe zur Ausstellung ‹Aenigma. 100 Jahre anthroposophische Kunst› in Halle (Saale) gelingt es, eine gemeinsame Antwort auf die meistgestellte Frage zu geben.

Anscheinend kann die Antwort auf die Frage, was denn nun ‹anthroposophische Kunst› sei, am ehesten aus der Distanz und nicht etwa aus dem Zentrum erfolgen, sprich: kann sie eigentlich nur ein Nicht-Anthroposoph wie John Palatini geben, der allerdings seit Jahren sich für eine anthroposophische Sache erfolgreich starkmacht: für das Schloss Ostrau, den früheren Wohnsitz des Privatgelehrten Hans-Hasso von Veltheim, in dessen unmittelbarer Nähe sich die Grab-Altar-Kapelle befindet, gestaltet vom Architekten Felix Kayser und von der Künstlerin Maria Strakosch-Giesler. Schloss und Grabkapelle sind, da nahe bei Halle (Saale) gelegen, Teil der dortigen Ausstellung.

Und wie alle richtigen und guten Antworten ist sie so einfach, kurz und unerhört im doppelten Sinn, dass der Donnergott dazwischenfährt und die Worte von John Palatini unerhört machen will. Was ihm nicht gelingt. Eher setzt der eloquente Lehrer und Autor ein zweites Mal an.

Reinhold J. Fäth hatte die Frage im ersten Vortrag an einem noch schwüleren Abend vor einem aus allen Nähten platzenden Auditorium in der Moritzburg erneut aufgeworfen. Kein Wunder, wird sie doch von allen Seiten seit der Ausstellung in Olmütz an ihn gerichtet. Und wahrscheinlich stellt er sie sich manchmal selbst. Seine Teilantworten sind unbestritten: Diese Kunst existiert, was einfach die Tatsache der Ausstellung beweise. Oder: «Wer auf der abstrakten Ebene der Kunst  also nicht auf der Ebene der einzelnen Künste  fragt: Was ist anthroposophische Kunst?, dem antworte ich in abstrakter Kürze mit einem modifizierten Steiner-Zitat: Anthroposophische Kunst ist von Anthroposophie getragene Kunst.» Doch verschwimmt einem der weiterführende Sinn hinter seiner Aussage rasch.

Letztlich deutet Reinhold Fäth eine andere  notwendige  Antwort an, nämlich die, wozu wir ‹anthroposophische Kunst› brauchen. Dafür holt er weit aus in seiner Biografie.

Wir sehen zwei Hippie-Bilder von ihm: der junge, langhaarige Reinhold Fäth in einer Gruppe von ebenso Langhaarigen vor einem vw-Bus, mit dem es auf große Fahrt ging. Es war die kommunistisch-atheistische Phase in seinem Leben, nachdem er durch die Großeltern sehr religiös aufgewachsen war.

Dennoch waren zu den damaligen Zeiten die Grenzen durchlässiger. Es gab im linksintellektuellen ‹Kursbuch› beispielsweise 1979 eine Auseinandersetzung aus soziologischer Sicht, welches denn der bessere Weg zur sozialen Gerechtigkeit sei. Titel dieses Aufsatzes war ‹Astral-Marx›. Damit war Rudolf Steiner gemeint, dessen Dreigliederung sich in der Analyse hinter den Ideen des Kommunisten-Marx nicht zu verstecken brauchte  im Gegenteil. «Mir persönlich ging es mit der Anthroposophie wie im Märchen vom Igel und dem Hasen», zitiert Reinhold Fäth den Autor Joseph Huber. «Als linke Hasen rennen wir uns nach den sozialistischen Träumen die Hacken ab. Und wenn wir wohin kommen, steht da oft ein anthroposophischer Igel.»

Wo liest man heute Vergleichbares in intellektuellen Publikationen, selbst wenn die GLS-Bank, die Waldorfschule und die Heilpädagogik seitdem echte Erfolgsgeschichten geworden sind.

Steiners ‹Berühmtheit› in der Kunstwelt dürfe man heute annehmen, meint Fäth. Was aber gängiges wissenschaftliches Verstehen oder Missverstehen anbelangt, da scheiden sich die Geister. «Man ‹sieht› sie, oder man sieht sie nicht», resümiert Fäth.

Vielleicht ist aber gerade die Kunst und erst recht die ‹anthroposophische Kunst› das Feld, auf dem unvoreingenommen Erkenntnis wirken kann? In einer durch-rationalisierten, digitalisierten Welt ist sie die zeitgemäße Spielart von Philosophie und Religion. Dies lesen wir als Antwort hinter den Ausführungen des Kurators und Sammlers Reinhold Fäth. John Palatinis Antwort auf die Ausgangsfrage rundet sie ergänzend ab.

Palatini führte gegen Ende seines Vortrags aus, dass sich selbstverständlich von der Kunst der ddr sprechen lasse, von Jugendstil, Expressionismus, Neuer Sachlichkeit. Selbstverständlich könne ein Werk in unterschiedlich ausgerichtete Kunstgeschichten eingehen. Kunstgeschichte sei immer Rekonstruktion von Vergangenheit. Entsprechend seien unendliche Geschichten möglich, wobei es auf die Triftigkeit der Konstruktionsprinzipien und entscheidend auf die Anschlussfähigkeit auf bestehende Diskurse ankommt. Was wären nun Kriterien einer anthroposophischen Kunst? Mit Rudolf Steiner gäbe es einen zentralen Fixpunkt, seine Vorstellungen von Kunst waren für zahlreiche Künstler prägend. Wesentlich an diesem Lehrer-Schüler-Verhältnis sei, dass es sich nicht um Nachahmungsversuche der Meister-Gruppe handle und sie nicht allein dem ‹Kompass Steiners› in ihrer Umsetzung vertrauten. Daher erleben die Betrachter in der Ausstellung eine erstaunliche Diversität. Wird nun gesagt, es gäbe ja kaum Gemeinsamkeiten, offenbare dies ein sehr enges Verständnis von Kunstgeschichte als Stilgeschichte. Die jeweiligen Bedingungen, unter denen Kunst sich ereigne, wären ein weiteres Prinzip.

Palatinis Antwort formulierte sich als Frage: Was entstand und entsteht also in der Anthroposophie unter den Bedingungen einer gemeinsamen Weltanschauung an Kunst?

Diese Antwort findet sich noch bis zum 25. Oktober in den Exponaten der ‹Aenigma›-Ausstellung. So auch in der Grab-Altar-Kapelle, welche allerdings eine Finanzspritze gebrauchen könnte. Die Farbe blättert von der Decke, auch sind Farben und Bodenbelag nicht mehr originalgetreu. Welch ein Glück, dass dieser einzigartige Raum mit seinen kunstvollen Glasfenstern und dem das Goetheanum zitierenden Altar die Zeitläufe seit 1933 bis heute überdauert hat.

Ronald Richter

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 42, 16. Oktober 2015