Schwäche als Kraft

Unsere größte Schwäche ist es, immer stark sein zu wollen. Niemand will sich etwas aus den Schwächen machen, eher wollen wir sie nach und nach abschaffen. Eine Kalenderweisheit, und doch ist es eine spezifische Verführung unserer Zeit.

Je mehr wir erfahren, wie fragil alles ist und wie fragil wir selber sind, wie die Weltbilder zerfallen und die Hoffnungen, wie Sicherheiten und Gewohnheiten wegbrechen in immer kürzeren Intervallen, wie wir unserer Gefühle ungewiss werden, unserer Identität und unseres Glaubens, desto häufiger schwingen wir uns neuerdings auf, haben wir das Oberwasser in einer Sintflut, die manche von uns um jeden Preis kommen sehen wollen als die glorreiche Ära des Transhumanismus, einer anderen, kybernetischen Evolution, die die menschlichen Möglichkeiten ins Unendliche erweitern soll ausgerechnet dadurch, dass sie und damit wir verengt und reduziert werden: auf System und Gehirn.

Doch wir verlieren unser Gesicht, wenn wir es wahren wollen, und wir stärken unsere Seele, wenn wir sie schwächeln lassen. Es ist ihr Vorrecht und ihr Anteil: Seele zu sein, sich gehen zu lassen die Perfektion zu fliehen wie der Teufel das Weihwasser. Die Schwäche macht die Seele zur Seele, macht sie liebenswert und der Liebe bedürftig. Unsere Schwächen sind eine Substanz, die wir brauchen, weil sie uns zu schaffen machen. Unsere Schwächen retten uns. Sie sind die Arche, in die wir schlüpfen, Tag für Tag. Die Bedürftigen in den Straßen spiegeln es uns bloß. Wir leben vom anderen, wir sind, als Menschen, in uns bereits transhuman, denn was uns zukunftsfähig macht, ereignet sich transitorisch, in Beziehung. Gott sei Dank. Das ist auch eine Beschwörung: Es sei nicht ihm gedankt, sondern er sei, als Wesen, das wir realisieren, Dankbarkeit.

Das also ist selber Liebe, wenn auch scheinbar ohnmächtige: in anderen den Liebe-Geist zu wecken. Wenn nichts bleibt als die Sehnsucht, die leise spricht: Bitte liebe mich, wie ich bin, dann wird Liebe Wille und verwandelt die Seele, die nur fühlen kann, mit. Dann entsteht ein Bewusstsein für die Seele des anderen, und sie selbst realisiert und fühlt, dass sie geliebt wird. Der Geist ist dann wie ein großer Bruder zu ihr, wie auch zum Leib, dem Kleinsten, der immer den meisten Ärger macht, der verwöhnt wird und alles bekommt, was er will. Menschsein heißt wollen, dass meine Würde antastbar ist und eben darin besteht: als die freieste und stärkste Kraft, die es überhaupt gibt.

Andreas Laudert

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 42, 16. Oktober 2015