Wir brauchen halt unsere Zeit!

Eine Schulgemeinschaft, in der alle Entwicklungsraum finden. Die Karl-Schubert-Schule Graz feiert ihr 30-jähriges Bestehen.

Die Karl-Schubert-Schule Graz, die 1985 in einer kleinen Altbauwohnung mit einem autistischen Mädchen und einem Hauslehrer gegründet wurde und 1990 als erste integrative Waldorfschule Europas auch nicht behinderte Kinder aufnahm, ist inzwischen zu einem Zentrum der inklusiven Waldorfpädagogik mit Kindern aus allen sozialen Schichten und einem international besetzten Kollegium herangereift. Der Standort auf der Ries, einer Anhöhe im steirischen Hügelland (die Aussicht ist herrlich), fünfzehn Autominuten vom Grazer Zentrum, gibt diesem Ort der Menschenbildung und -begegnung ein unverwechselbares Flair.    Im Rahmen der 30-Jahr-Feier haben sich die heilpädagogischen Klassenlehrer der Werkoberstufe, Gerald Auer und Ulrike Kunnert, gemeinsam mit der heilpädagogischen Mittelstufe (nicht alle Kinder besuchen die inklusiv geführten Klassen, manche brauchen den Schutz der kleinen Gruppe) an ein besonderes Theaterprojekt gewagt: Mit den behinderten Kindern und Jugendlichen wurde eine abendfüllende, eigens arrangierte Fassung von Tolkiens ‹Herr der Ringe› einstudiert. Eine junge Frau mit Downsyndrom glänzte als Frodo Beutlin. Andere Schüler und Schülerinnen erfreuten die Zuschauer als Hobbits, Könige, Elben und Krieger. Ein Erzähler führte den Handlungsstrang durch die Umbaupausen weiter, am Klavier erklangen die pathetischen Melodien der originalen Herr-der-Ringe-Filmmusik. Die Kämpfe wurden hinter einer Schattenwand ausgefochten, wo auch das böse Wesen Gollum seinen Platz fand. Anders als bei den 8.-Klass-Spielen, wo den behinderten Kindern meist die Nebenrollen zufallen, war hier Zeit für eine intensive Probenarbeit. Mit dabei waren die diesjährigen ‹Zivis›  auch hier offenbarte sich so manches schauspielerische und sozialpädagogische Talent. Ein schwerer Autist kam an der Hand seines Betreuers auf die Bühne und sagte seinen Satz mit strahlenden Augen. Ein Mädchen mit Sprachhemmung gestikulierte zur Stimme einer Betreuerin in selbst entwickelten Eurythmiegebärden. Die fantasievollen Gestalten aus Tolkiens Sagenwelt gaben auch einem nur sehr mühsam sprechenden Schüler eine maßgeschneiderte Rolle: «Wir Ents brauchen halt unsere Zeit!», sagte er langsam als bedächtiger Baumbeschützer, und unter das Schmunzeln im Publikum mischte sich echte Ergriffenheit.    Einmal mehr ist es zum Erlebnis geworden: In der empathischen Begegnung und kreativen Auseinandersetzung mit unseren behinderten Mitmenschen gewinnt das zwischenmenschliche Miteinander an Weite, an Beweglichkeit, an Wärme! Die Herausforderung der Inklusion besteht ja oftmals darin, den ‹schwierigen› und den ‹stützenden› Kindern gerecht zu werden. In der Karl-Schubert-Schule Graz ist es, so meine ich als ehemalige Schülerin sagen zu können, immer wieder neu gelungen, anknüpfend an Rudolf Steiners Menschenkunde eine lebendige ‹soziale Plastik› zu gestalten, in der alle Entwicklungsraum finden  die Kinder, ihre Familien und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei all den oft riesigen pädagogischen Herausforderungen und dem permanenten finanziellen Überlebenskampf: In dieser besonderen Schulgemeinschaft ist sie spürbar, die Kraft eines umfassenden Kulturimpulses, der sowohl die einseitige ökonomische Zweckrationalität als auch den einseitig intellektuellen Bildungsbegriff unserer Gegenwart überwindet und das ganze Leben in neue Sinnzusammenhänge stellt.

Clara Steinkellner

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 25, 19. Juni 2015