Was haben wir gemacht?

Die Flüchtlingsflut, die nach Mitteleuropa kommt, ist nicht zuletzt eine Folge unseres eigenen Handelns.

Krieg

Die unter unwahren und falschen Begründungen erfolgten Eingriffe insbesondere in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien durch westliche Allianzen haben genau des Gegenteil dessen bewirkt, was sie vorgaben. Nach der Intervention, die unter dem Vorwand erfolgte, humanitäre Hilfe zu bringen und Frieden zu stiften, müssen diese Länder jetzt als ‹failed states› eingestuft werden. Staaten, in welchen die Ordnung zusammengebrochen ist und in denen niemand sich seines Lebens mehr sicher sein kann. Kein Wunder, dass sich Hunderttausende auf den Weg machen, zu einem Land, das Sicherheit verspricht auch mit dem Risiko, auf dem Weg zu sterben.

Es wäre an der Zeit, das einzusehen und den Kurs zu ändern die Menschen brauchen nicht Bomben, sondern Schulen und Krankenhäuser! Chaos entsteht, wenn die gewählten Regierungen gestürzt und die Gefängnistüren geöffnet werden wie im Irak oder in Afghanistan oder wenn wie in Libyen der Diktator nach der Errichtung einer Flugverbotszone von NATO-Fliegern in die Flucht geschlagen, angeschossen, gefangen, gefoltert und grausam gepfählt wird, wie Geschehen im Fall von Muammar al-Gaddafi. Menschenrechtsverletzungen kann man mit weiteren Menschenrechtsverletzungen nicht bekämpfen!

Der viel gereiste Journalist Peter Scholl-Latour berichtet in seinem letzten vor seinem Tode erschienenen Buch mit dem bezeichnenden Titel, ‹Der Fluch der bösen Tat›, von einem Gespräch mit Gaddafi. Ich zitiere die Worte Gaddafis: «Wenn Ihr mich bedrängt und destabilisieren wollt, werdet Ihr Verwirrung stiften, al-Qaida in die Hände spielen und bewaffnete Rebellenhaufen begünstigen. Folgendes wird sich ereignen: Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden, die von Libyen aus nach Europa schwappt. Es wird niemand mehr da sein, um sie aufzuhalten. Al-Qaida wird sich in Nordafrika einrichten, während Mullah Omar den Kampf um Afghanistan und Pakistan übernimmt. Al-Qaida wird an eurer Türschwelle stehen.»

Chaos

Jetzt ist Gaddafis Land gespalten und es herrschen Chaos und Terror. Bis jetzt haben sich seine Worte bewahrheitet. Er sah das voraus, was europäische Regierungschefs hätten voraussehen sollen wenn sie klug gewesen wären. Festzuhalten ist allerdings auch, dass sich Deutschland an dem NATO-Angriff in Libyen nicht direkt beteiligt hat, daher ist der Vorschlag, dass die Flüchtlinge aus Libyen eigentlich nach Frankreich, England und in die USA gehören, berechtigt.

Lange war Syrien der letzte säkulare Staat der Region, doch auch dort haben seit 2011 die Kämpfe zwischen einzelnen Gruppen untereinander und den Regierungskräften zugenommen. Laut dem Flüchtlingshilfwerk der Vereinten Nationen UNHCR sind seitdem über 4 Millionen Flüchtlinge in die Nachbarländer geflohen: die bisher größte Flüchtlingswelle aus einer Nation seit einer Generation. Außerdem sind mindestens 7,6 Millionen Flüchtlinge innerhalb des Landes unterwegs.

Der gewählte Präsident Baschar al-Assad, bedrängt durch die ursprünglich vom Westen und den Golfstaaten unterstützte Opposition  mittlerweile ein Sammelbecken von Deserteuren, Söldnern, is-Kämpfern, der al-Nusra-Front und von Al-Qaida , verfügt nur noch über die Herrschaft von einem geringen Teil des Territoriums des ehemaligen syrischen Staates. Während ich das schreibe, ist ein Teil von Palmyra UNESCO-Kulturerbe zerstört worden.

Flucht

Die erwähnten Staaten, außer Afghanistan, haben alle Grenzen, die von den Kolonialmächten nach eigenen Interessen mit dem Lineal gezogen wurden. Der Mangel an gewachsenen Strukturen gab Diktatoren Vorschub und hat verhindert, den Staat mit einer eigenen Identität zu versehen. Was wir jetzt als Flüchtlingsströme erleben, ist eine Folge unserer Taten, es ist ein Karma, das uns jetzt einholt.

Es gilt, der Misere ins Auge zu schauen, die Folgen unseres falschen Handelns nicht mehr zu leugnen, das heißt für die Zukunft, an die wenigen noch bestehenden staatlichen Strukturen anzuknüpfen, sie zu fördern, statt sie zu zerstören dort, wo das vielleicht noch nicht zu spät ist.

Bernhard Steiner

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 37, 11. September 2015