Hiroshima heute

Hiroshima, 6. August 2015. 70 Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombombe auf bewohntes Gebiet. Etwa 55.000 Menschen haben sich zu einer Gedenkfeier eingefunden. Jugendliche singen, Kränze werden gebracht, Tauben fliegen.

Wunde

Der Bürgermeister von Hiroshima spricht. Er fordert Barack Obama auf, nach Hiroshima zu kommen und die Zeugnisse der Zerstörung durch den Atombombenabwurf zu besichtigen. Zwei Schüler sprechen repräsentativ für alle Kinder dieser Stadt. Große Ergriffenheit liegt über der Menge. Ich muss dauernd Tränen unterdrücken.

In den Gedenkstätten habe ich Bilder des Schreckens gesehen, in den Archiven Berichte der Überlebenden und Augenzeugen gelesen, daneben in mitgebrachten Schriften von dem in Äthergestalt wiederkommend Christus studiert. Hiroshima erscheint wie eine Wunde, in der er gekreuzigt ist. Und mit ihm all die Menschen, die hier starben. Zwei Tage vor der Feier sah ich in der zentralen Gedenkstätte Filme mit Bildern und Berichten von Kindern, die das Furchtbare erlebt haben. Ich war Zeuge, wie starke Männer weinend auf die Zeugnisse des Unfassbaren starrten.

Kälte

Und nun findet die Gedenkfeier statt. Im Hintergrund höre ich immer wieder regelmäßiges Rufen, von einer Demonstration kommend. Am Ende der Feier möchte ich wissen, was das soll. Da stehen aber Sicherheitsmänner mit Schildern, auf denen das freundliche ‹Please wait a moment› steht. Alles ist abgesperrt. Wir sollen die Demonstration nicht sehen, die gleichzeitig gegen die Atompolitik des Premierministers Shinzo Abe stattfindet.

Als Shinzo Abe spricht, überläuft es mich trotz der großen, feuchten Hitze des japanischen Sommers kalt. Sein Auftritt und auch der Abtritt sind von vereinzelten hasserfüllten Zwischenrufen begleitet. Ein paar Meter vor mir hält ein Mann ein Schild hoch. Damit zeigt er, dass er die politische Richtung des Premierministers nicht billigt. Sofort kommen mehrere Sicherheitsmänner gebückt herbeigerannt und zwingen ihn, das Schild herunterzunehmen. Es soll eben alles schön aussehen.

Während seiner Rede, die ich ja nicht verstehen kann und die im Gegensatz zu der Rede der Schüler und des Bürgermeisters auch nicht in der Broschüre in Englisch abgedruckt ist, die man vor der Feier zugereicht erhalten hat, fühle ich mich entsetzlich. Die Ergriffenheit und Friedenskraft, die vorher über der Versammlung lag, ist einer Kälte gewichen, die für mich der Ausdruck der Lüge ist. Danach wird man auf der ganzen Welt einen Satz Shinzo Abes zitieren, der besagt, wie dringend das Ende der Atomwaffenzeit herbeizuführen sei. Während er das sagt, laufen die Vorbereitungen zur Inbetriebnahme der stillgelegten Atomkraftwerke! Und alle wissen, dass er sich für die Atomenergie starkmacht.

Es ist die gleiche Kraft, die in den Bomben und in den Kraftwerken wirkt. Wenn sich die Menschheit mit dieser Kraft verbindet und sie nutzt, so ruft sie auch deren geistige Seite ins Leben. Die geistige Seite der Atomkraft offenbarte sich in den Konzentrationslagern der Nazizeit, in den Praktiken der Roten Khmer, im Gulag, in Guantánamo und in der Politik vieler heutiger Großkonzerne. Es gibt keine ‹friedliche Nutzung› der Atomkraft. Diese Kraft richtet sich gegen das Zentrum des Menschen und das Leben der ganzen Erde. Atomkraftwerke sind langsamere Bomben. Außerdem wird in den Atomkraftwerken Plutonium erzeugt. Damit baut man Atombomben.

Stigmata

Wenige Reihen links vor mir sitzen weißhaarige Herren mit hellblauen Schärpen. Sie sind Hiroshima-Veteranen, die den Abwurf der Atombombe überlebt haben. Nun tragen sie die Schärpen und werden geehrt und gefeiert. Das war früher anders. Wer von Hiroshima in eine andere Stadt kam, wurde gemieden, schräg angeschaut und teilweise verstoßen. Das konnte ich im Archiv der Gedenkstädte in verschiedenen Berichten von Überlebenden lesen. Wollte man heiraten, so musste man insbesondere als Frau verbergen, dass man die Bombe erlebt hatte. Niemand wollte die verseuchten Menschen zu nahe an sich herankommen lassen. So verstrichen viele Jahrzehnte, bis sich die Überlebenden getrauen konnten, von ihrer Vergangenheit zu erzählen.

Während sie nun spät  für viele zu spät  geehrt werden, geht es Tausenden von Fukushima-Flüchtlingen genau so, wie es ihnen früher erging. Ziemlich genau 66,6 Jahre nach Hiroshima schlug der Dämon der Atomkraft wieder zu. Etwa 150 000 Menschen mussten aus der Region von Fukushima evakuiert werden. Sie leben im Ungewissen. In Baracken und Notunterkünften fristen sie ein perspektivloses Leben. Niemand möchte sie haben. Die mögliche radioaktive Verseuchung hängt auch an ihnen wie ein furchterregendes Stigma.

Lobby

Und vorne spricht der Premierminister davon, wie schrecklich Atombomben seien und wie wichtig es wäre, sie aus der Welt zu schaffen. Dabei ist er ein Sprecher der Atomlobby und setzt sich für die Wiederinbetriebnahme der zwischenzeitlich stillgelegten Atomkraftwerke ein. Eine knappe Woche nach der Feier wird das erste Atomkraftwerk wieder angestellt. Weitere sollen folgen.

Es muss immer wieder gesagt werden: Atomkraftwerke sind auch Atombomben, nur langsamere. Man weiß noch nicht, wann sie hochgehen werden. Was dann geschieht, kann noch viel längere Folgen haben als eine Bombe. In Hiroshima kann man heute wieder leben. In Fukushima ist in 70 Jahren aber noch kein Leben möglich. Und man fand schon an der Westküste Amerikas radioaktiv verseuchten Fisch. Es trifft nicht nur Japan. Es trifft letzten Endes alle. Auch im Sushi, das Schinzo Abe isst, kann radioaktiver Fisch sein. Noch immer fließen täglich Hunderte Tonnen radioaktives Wasser ins japanische Grundwasser und in den Pazifik. Auch verseuchtes Gemüse wurde schon auf dem Markt gefunden. Man kann nie wissen …

Die Weltgesundheitsorganisation (who) gibt wesentlich tiefere Messwerte bezüglich Radioaktivität an wie unabhängige Untersuchungen. Folgt man den Verlautbarungen der who, so ist alles nicht ganz so schlimm. Wie kommt das? Die Antwort fand sich schnell  sogar auf Wikipedia: Am 28. Mai 1959 wurde auf der 8. Weltgesundheitsversammlung zwischen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und der WHO eine Vereinbarung (WHA12-40) verabschiedet.

Übrigens ist auch der Vatikan Mitglied der Atomlobby-Organisation IAEO. Papst Benedikt XVI. äußerte sich am 29. Juli 2007 klar für die Atomkraft und die Mitgliedschaft des Vatikans in dieser Organisation: «Heute vor genau 50 Jahren trat das Statut der IAEO in Kraft, der Internationalen Atomenergiebehörde, die mit dem Auftrag eingerichtet worden ist, ‹in der ganzen Welt den Beitrag der Atomenergie zum Frieden, zur Gesundheit und zum Wohlstand zu beschleunigen und zu steigern›. Der Heilige Stuhl stimmt voll und ganz den Zielsetzungen dieser Organisation zu; er ist seit ihrer Gründung deren Mitglied und unterstützt auch weiterhin ihre Tätigkeit.» (1)

Damit steht er in der Tradition des Papstes Paul VI., der schon 1979 dazu aufrief, «die gemeinsamen Anstrengungen in der Nutzung der Atomenergie zu vereinigen für eine bessere Welt». (2) Dieser Papst, der seine Schäflein der Atomlobby in die Arme trieb, wurde 2014 durch die Anregungen von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen.

Um so erfreulicher ist es, dass zumindest bei japanischen Christen ein Aufwachen geschieht. So gestand vor einem Jahr der Pfarrer Mizuo Ito, der stellvertretende Moderator der Vereinigten Kirche Christi in Japan, ein, auch seine Kirche habe sich vom «Mythos der nuklearen Sicherheit» beeinflussen lassen. «Wir müssen diese Sünde bereuen und uns der übermäßigen Abhängigkeit von Technologie und der Selbsttäuschung über Sicherheit und Risikomanagement widersetzen.» Ob dieses Aufwachen bis ins Zentrum der Kirche nach Rom wirken wird? Hoffenswert wäre es.

Abgrund und Aufstieg

Am Tag nach der Hiroshima-Feier begann auf der japanischen Insel Shikoku in der Stadt Kochi die dreitägige von dem ‹Shikoku Anthroposophie-Kreis› unter Leitung von Tezuo Takeshita veranstaltete Tagung ‹Geburt des Todes & Geburt des Lebens› anlässlich der 70. Jahrestage der Atombombenkatastrophen. Am Abend des 7. August durfte ich einen Vortrag halten: ‹Die Atomkraft und der Abgrund des Menschlichen›. Ich stellte dort die auf dem Grundlagenwerk ‹Inmitten der Menschheit› (3) von Anton Kimpfler gründenden Gedanken dar, die ich auch schon anlässlich der diesjährigen Fukushima-Gedenkfeier am Goetheanum (4) ausführen konnte.

Ich betrachte die in den Konzentrationslagern stattfindenden Bestrebungen, das Ich der Menschen auszulöschen, als den geistig-seelischen Nährboden für die gleichzeitig stattfindenden Versuche der Wissenschaftler, den Kern der Materie zu zerstören. Dabei wurden die Kräfte schlimmster Wesen in unsere Kultur hineingerufen. In der Anthroposophie nennt man sie die Asuras. Anführend geht ihnen der Sonnendämon Sorat voran. Solange wir die Atomkraft nutzen, steht der Abgrund für diese Wesen offen. Was in den Atomkraftwerken geschieht, ist Leiblichkeit und Verkörperungsmöglichkeit für allerschlimmste Wesen. Deshalb ist der schnellstmögliche Atomausstieg der ganzen Welt notwendig. Wir müssen dieses Fenster schließen, durch das Schlimmstes in unsere Menschenwelt hineinschleicht.

Außerdem müssen die entsprechenden Gegenkräfte in der menschlichen Seele entwickelt werden. In der Zeit zwischen 1939 und 1945 versuchte man, das Ich der Menschen und den Kern der Materie zu zerstören. Die seelische Gegenkraft zur Atomtechnik ist die Achtung des anderen Ich als etwas Heiliges. Der Kern des anderen Menschen kann in unserem inneren Herzenstempel geheiligt werden  dann ziehen Ich-heilende Kräfte in die Menschheit ein. Aber auch der Erde gegenüber bedarf es heilender Gedanken.

Seit wir die Erde zerstören könnten, ist es umso wichtiger, dass wir sie jeden Tag erneut bejahen. Durch beides entsteht ein Friedensraum, der sich durch zusammenarbeitende Menschen als schützendes Netz um die Erde spannen kann. Bejahung des Ich des anderen Menschen und immer wieder erneute Bejahung der Erde sind die Gegenkräfte zu den durch die Atomtechnik gerufenen Mächten.

Kampf

In Japan sind es übrigens von Anfang an rechte und rechtsradikale Kreise, die den Bau von Atomreaktoren vorangetrieben haben. In den 70er-Jahren fuhren sie mit Bussen durch die Dörfer und Städte. Die japanische Flagge und laut aus Lautsprechern plärrende Nationalgesänge prägten den Massen ein, dass die Atomkraft im Sinne des Patriotismus sei und gleichbedeutend mit Fortschritt der eigenen Nation. Wer versuchte, ihnen Widerstand zu leisten, dessen Haus wurde angezündet.

Aufgrund eines im Vorfeld übersetzten Textes zum Zusammenhang von Nationalsozialismus und Erforschung der Atomkraft kam ein Herr Tanabe zu diesem Vortrag. Ohne etwas von der Anthroposophie zu wissen, ist er auch auf diesen Zusammenhang gekommen. Wir luden ihn ein, von seinen Erfahrungen im Kampf gegen die Atomlobby zu erzählen.

Seit 37 Jahren kämpft er. Zuerst schickte man ihm per Post eine Rasierklinge  ein Hinweis auf den zu vollziehenden Selbstmord. Auf Telefonterror reagierte er mutig: Er sagte in etwa: «Ich bin versichert. Wenn ihr mich umbringt, so werden andere mit dem Versicherungsgeld weiterkämpfen.» Dann wurde ein Haus angezündet, ein Kind entführt. Über eine fingierte Zivilgerichtsklage wurde er dazu verurteilt, jeden Tag große Geldsummen zu bezahlen. Dadurch wurde ihm all sein Geld genommen  er stammt aus einer reichen Familie. Nun ist er von der Führsorge abhängig. Und was das Entscheidende ist: Es hat keine finanziellen Mittel für seine Antiatomaktivitäten.

Sein Schicksal und sein Mut haben uns tief beeindruckt. Immerhin konnte er den Bau eines Atomkraftwerkes in Shikoku mit seinen Mitstreitern verhindern. Sein Resümee war: «Alles, was im Zusammenhang mit Atomkraftwerken getan wird, ist nazimässig!»

Vorbild

An dieser Begegnung wurde mir klar, wie eng Anthroposophie und Antiatombewegung zusammengehören. Und mir wurde deutlich, wie Deutschland in Bezug auf die Atomfrage leuchtet (das kann ich als Schweizer sagen). Das Land, das den Nationalsozialismus am intensivsten erlitten hatte, konnte eine Bewusstheit und eine beginnende Resistenz gegen diese Kräfte entwickeln. In dem Entschluss des Atomausstiegs und dem energischen Vorantreiben der Erforschung und Produktion alternativer Energieformen steht Deutschland nun weltweit als Vorbild da.

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall, der auch viele Kunden in Deutschland hat, verklagte Deutschland bei einem Gericht in Washington auf 4,7 Milliarden Euro wegen des Atomausstiegs. Damit soll dieses Pionierland eingeschüchtert werden. Müsste Deutschland klein beigeben, würde es kein Land mehr wagen, der Atomlobby zu widerstehen. Bei diesem Prozess geht es ums Ganze. Doch die Klage, die geheim bleiben sollte, ist längst bekannt geworden. Nun muss Vattenfall um seinen guten Ruf und seine Kunden bangen. (5)

Mir wird immer klarer, wie dankbar wir den Menschen sein können, die seit Jahrzehnten gegen die Atomenergie protestieren. Dank ihrem unermüdlichen Einsatz ist am Horizont Licht in Sicht. Nirgends kann ich das so tief spüren wie in Hiroshima.

Johannes Greiner

(1) ‹Der Theologe› Nr. 53

(2) Max Thürkauf: ‹Technomanie  die Todeskrankheit des Materialismus›, Schaffhausen 1980

(3) Wies 1984

(4) ‹Das Goetheanum› Nr. 12 vom 12.3.2015

(5) Eine Internetpetition, die Vattenfall auffordert, die Klage zurückzunehmen, ist am Laufen.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 36, 4. September 2015