Gott wird Mensch und umgekehrt

In den ‹Februartagen› der Jugendsektion betrachtete Constanza Kaliks eine Meditation über das Wesen Gottes, die von der Antike durch das Mittelalter bis in die Moderne weiterentwickelt wurde und heute zu einer Entscheidung wird.

Die Entwicklung eines meditativen Lebens stellt sich zunächst so dar, dass wir uns nach Innen wenden und etwas außen bleibt. Wenn ich aber in dieses Innenleben einsteige  wenn ich mich ganz zu mir selbst wende , entdecke ich, dass sowohl Innerlichkeit als auch das Äußere in mir selbst sind. In der Hinwendung zu mir selbst komme ich nicht aus diesem Gegensatz von Innen und Außen heraus, ich finde ihn in meinem Inneren wieder  einerseits. Andererseits, wenn ich mich nach außen wende, zeigt sich, dass heute das ganze Leben so ist, dass die Übergänge zwischen dem, was im Inneren, was Außen, was persönlich, was öffentlich ist, sehr verschwommen sind. Was zu mir gehört, was zum Familienleben gehört, was ich nicht erzählen soll, was ich allen erzählen kann, das war früher ganz klar. Heute ist es überhaupt nicht klar und wird häufig nicht als bedeutsam angesehen. Hier haben wir im äußeren Leben die beiden Seiten: einerseits die Innerlichkeit, die oft an und mit einer Äußerlichkeit zusammen erscheint; andererseits ist das, was wir ‹äußerlich› nennen, oft genau da, wo wir das Innerliche erleben. So wird in der heutigen Zeit dieses Leben mit dem Inneren und dem Äußeren an sich selbst bereits eine meditative Herausforderung.

Sphaera infinita

Durch die Jahrhunderte wurde folgender Satz bewegt, gedacht und meditiert:

Deus est sphaera infinita cuius centrum est ubique,

circumferentia nusquam.

Gott ist eine unendliche Sphäre, deren Zentrum überall

und deren Umkreis nirgends ist.

In diesem sehr alten Satz ist eine ganz bestimmte Beziehung von Innen und Außen ausgesprochen. Von Ägypten bis ins griechische Altertum wurde er übertragen, durch das ganze Mittelalter hindurch bis hin zur Neuzeit war er bekannt.  An diesem Satz ist es möglich, zu verfolgen, wie ein Bild oder Gedanke sich wandeln und durch Jahrhunderte erlebt werden kann.1

Versuchen wir uns zuerst vorzustellen, was da steht. Zunächst kann man sich den Satz auch ohne «Gott ist …» vorstellen. Einfach nur den Inhalt  «Es gibt eine Sphäre, deren Zentrum überall ist und deren Umkreis nirgends.» Es ist eine riesige Sphäre, man hat sofort den Eindruck von einer Ausdehnung, die so groß ist, dass sie größer und größer wird, dass sie unendlich wird.  Es geschieht eine immense, eigentlich kaum vollziehbare Erweiterung meiner Vorstellung.  Das Zentrum kann überall sein, der Umkreis ist nirgends, weil er weggeht, weiter und noch weiter weg und dann noch weiter. Dieses Bild beinhaltete im Altertum den Begriff von Gott: ein Begriff von Gott, in dem ich mich ständig bewegen und erweitern muss, um mich zu ihm hinzuwenden.

Gott wird Welt, Welt wird Mensch

Wir sehen von den antiken Quellen über Boethius, über Meister Eckhart und Nikolaus Cusanus bis in der Neuzeit Giordano Bruno sich mit diesem Bild auseinandersetzen. Bruno vollzieht einen ganz neuen Schritt, indem er den Gedanken mit den neuen Erkenntnissen verbindet. Er denkt alle göttlichen Prädikate auf die Welt übertragen. So bekommt der Satz der unendlichen Sphäre einen neuen Sinn, wenn die Eigenschaften Gottes nun zu Eigenschaften der Welt werden.

Es beginnt die neuzeitliche Vorstellung:

Die Welt ist eine unendliche Sphäre, deren Zentrum überall und deren Umkreis nirgends ist.

Das ist eine ganz neue Welt, in die der Mensch sich jetzt begibt. Eine Welt, die ohne Ende ist und deren Zentrum in jedem ihrer Punkte sein kann. Bruno verbindet Aussagen von Cusanus, die dieser von einem theologisch-philosophischen Gesichtspunkt entwickelt hat, mit den astronomisch-physikalischen Entdeckungen von Kopernikus. Und dieses neue Bild der Unendlichkeit der Sphäre bekommt nun Gültigkeit für den Menschen und bleibt in der neuen Form, in der die Göttlichkeit in die Weltlichkeit übertragen oder übersetzt ist, weiterhin relevant. Dieses neue Bild wird weiterleben in Pascal, Leibnitz, Schelling, Fichte. So sagt beispielsweise Leibnitz im 18. Jahrhundert:

Gott ist überall zentral und unmittelbar gegenwärtig und in jedem individuellen Weltpunkte universell wirksam.

Eine Potentialität der Wirksamkeit ist vorhanden, und die Potentialität dieser Wirksamkeit ist allgegenwärtig.

Es ist wunderbar, zu verfolgen, wie dieser Gedanke über Jahrhunderte lebt, aber jeweils ganz anders, so, wie das Bewusstsein der Menschen ihn hat leben lassen. Und es ist erstaunlich: Warum haben sich die Menschen so lange mit ein und demselben Gedanken befasst? Und warum gerade mit so einem Gedanken?

Hinwendung zum Kleinen Entscheidung zum Dasein

1924 gibt Rudolf Steiner den Heilpädagogischen Kurs. Im zehnten Vortrag spricht er besonders die Jugend an. Er spricht von den Abstraktionen, die nicht mit der Wirklichkeit der Welt verbunden sind, und von der Gefahr der Eitelkeit. Interesse, Andacht zum Kleinen, ‹Ja zum Kleinsten›, das ist, was die Menschen zu den gestellten Aufgaben befähigt. Interesse und Andacht für die kleinsten Details in der Welt entwickeln: für die Fingernägel, für die Haare … Dieses Interesse ist Grundlage für das Wirksam-werden-Können in der Welt.  In diesem Zusammenhang gibt dann Rudolf Steiner eine Meditation. Man könne sich Folgendes vorstellen, denken, empfinden, um es willensmäßig aufzunehmen, zwei Gedanken, in die man sich vertiefen kann:

In mir ist Gott  Ich bin in Gott

Durch die innere Vertiefung dieser Vorstellungen kann man in ein Üben kommen, wo das Zentrale gerade die Herausforderung der heutigen Zeit ist, dass ich die ganze Zeit, wenn ich innen bin, das Außen mithalte. Und wenn ich außen bin, ich das nur aus einem kräftigen Bezug zum Inneren kann. Das ist eine ständige Erweiterung und Intensivierung des Innenlebens.  Da wird etwas zu einer gestaltbaren Kraft im Leben, das wir heute vielfach einfach so erleben. Es geht nicht mehr darum, ob ich drinnen oder draußen bin, sondern darum: Kann ich so draußen sein, dass es getragen ist von einem Zentrum, von einem Bewusstsein  und kann ich so innen sein, dass das Ganze um mich herum präsent ist und ich mich dabei nicht verliere?

Diese Übung der Gleichzeitigkeit können wir heute vollziehen. Da wird die Allgegenwart Gottes, die übergegangen ist zu einer Allgegenwärtigkeit der Welt, jetzt aufgenommen von einer intensiven Gegenwärtigkeit des Menschen, eines Menschen, der sein Bewusstsein unbegrenzt erweitern kann.  «Es gibt in der Tat etwas, das der Mensch ist und sein soll. Doch dieses Etwas ist weder eine Essenz noch eine Sache.  Es ist das schlichte Faktum seines Daseins als Möglichkeit oder Potenz»,  so Giorgio Agamben. Diese Potenz zu ergreifen, sich mit der eigenen Möglichkeit so zu verbinden, dass sie anfängt, da zu sein, das ist heute eine Entscheidung geworden, eine Entscheidung, die immer erneut fällt.

Constanza Kaliks

1) Zur Genealogie des Symbols der unendlichen Sphäre siehe Dietrich Mahnke, ‹Unendliche Sphäre und Allmittelpunkt›, Friedrich Frommann Verlag, 1966

2) Agamben, ‹Die kommende Gemeinschaft›, Merve Verlag, 2003

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 21-22 22. Mai 2015