Westfälische Querköpfigkeit mit warmem Sozialimpuls

20 Jahre Verlag Christoph Möllmann

Zu Besuch bei Verleger Christoph Möllmann.

Für einen Autor ist das erste Buch etwas ganz Besonderes. Doch erst einmal kommen von den Verlagen Absagen, weil das Buch nicht ins Programm passt oder aus Wirtschaftlichkeitserwägungen. Christoph Möllmann arbeitet anders.    Wir sitzen auf der Terrasse seines Wohnhauses in Schloss Hamborn, Borchen, mit Blick auf eine Senke, wo sich nach niederschlagsreichem Wetter der Ellerbach bildet. Die Sonne wärmt, es gibt Weintrauben aus dem Garten, und auf dem Boden hoppelt das Hauskaninchen. Für Christoph Möllmann ist Verlagsarbeit in erster Linie eine soziale Sache; er möchte das «menschliche Gespräch» ermöglichen, «soziale Prozesse» auslösen.

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Verlag auf 40 Quadratmetern: Christoph Möllmann in seinem Multifunktionsraum (Büro, Druck und Bücherlager)

Daher staunt er, als er erfährt, welche Be-träge von Autoren verlangt werden, damit ihr Buch erscheint, auch wenn er selbst hier und da Buchpatenschaften als Überbrückungsfinanzierung anbietet. Im fünften seiner Verlagsprinzipien schreibt Möllmann: «Sofern Gewinne erzielt werden, sollen sie im Sinne der Aufgaben des Verlages eingesetzt werden.» Sofern! Gewinne sind also kein erstes Ziel. Von was lebt er? Möllmann: «Die Bücher finden ihre Leser. Im Buchpreis steckt neben den Herstellungskosten auch die Anerkennung für den Autor und für meine vor-gestreckte Arbeit.» Inzwischen ist der Verlag Ch. Möllmann 20 Jahre alt geworden im Frühjahr 1994 erschien das erste Buch: ‹Lesen in der Geografie› von Heinz-Jürgen Ahlborn.    Christoph Möllmann ist Schloss Hamborner durch und durch und hat sich mit der Geschichte des Ortes und des Umlandes beschäftigt. Im Flur seines Hauses lagern neolithische Pfeilspitzen und Mahlsteine, die er bei seinen Spaziergängen auf den Feldern findet.

Doch weil es um Christoph Möllmann als Verleger geht, führt er mich hinaus in den Garten zu einer Art Garage: dem etwa 40 Quadratmeter großen Verlagsraum. Eben haben wir auf seinem Dach gesessen, der Terrasse. Unter Papierstapeln sind zwei Schreibtische ahnbar. Auf der Mittelachse des Raumes stehen Maschinen in der Größe eines leistungsfähigen Laserdruckers. Rechts daneben das Buchlager. Wie rechnet es sich, Bücher herauszugeben, die nicht im konventionellen Sinne marktgängig sein müssen? Christoph Möllmanns Rezept sind Kleinauflagen, wobei es Titel gibt, die sich einige Tausend Mal verkauft haben. Druckt er alles, was er bekommt? Möllmanns Antwort ist ein klares Nein! Um die Kosten niedrig zu halten, kombiniert er Manufakturbetrieb und Aufträge nach außen: Seit Sommer 2002 druckt er den Innenteil mancher Bücher auf einer eigenen Maschine, die Farbeinbände extern. Ebenfalls extern werden die Bücher gebunden, obwohl er auch das schon selbst gemacht hat. Denn er ist und daher auch seine vielfältigen Begabungen Waldorfschüler.  

Neben Handwerklichem und Künstlerischem war er an naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern interessiert. Nach dem Abitur hätte es daher mit Physik, Mathematik oder Informatik weitergehen können. Doch seine Liebe zur Sprache und zum eigenständigen Denken ließ ihn Germanistik, Anglizistik und Philosophie studieren. Auch hier ging er seinen eigenen Weg. Da die Auswahl an Prüfern am kleinen Fachbereich begrenzt war, seine Auffassungen aber zu verschieden von ihnen waren, wechselte er von seinem fast komplett abgeschlossenen Philosophiegrundstudium zu Medienwissenschaften. Daneben war er zwei Jahre lang im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) als Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und gab für eine bundesweite Studentenzeitung einen Regionalteil heraus. Dadurch hatte er Kontakt zu Druckereien, bei denen er nach seiner hochschulpolitischen Tätigkeit mitarbeitete, später auch als Layouter und Büroleiter für ein lokales Computermagazin.  

Und es kamen Aufträge. Er erinnert sich an die ersten Hochzeitskarten für eine türkische Familie. Christoph Möllmann hatte Feuer gefangen: Er gründete kurz vor Abschluss seines Studiums seinen eigenen Verlag. Seither sind über 300 Bücher erschienen. Er zeigt sie mir im Wohnhaus, jahrweise in einem übervollen Regal aufgereiht. Auf einige Titel ist er besonders stolz, darunter die Autobiografie von Tatiana Kisseleff, ‹Ein Leben für die Eurythmie›, und Eric Arlins ‹Erinnerungsbilder aus den Jahren 19241996›. Zu den Besonderheiten zählt Adelheid Charisius’ Büchlein ‹Heileurythmie mit Säuglingen, Kleinkindern, Schulkindern› mit zwei DVDs. Auch illustrierte Bücher, darunter Kinderbücher, gehören inzwischen zum Verlagsprogramm.   Christoph Möllmann, so mein Eindruck, vereint westfälische Querköpfigkeit mit warmem Sozialimpuls. Und dazu passt, dass er trotz der eigenen Buchproduktion kein Auto hat. Wenn er unterwegs ist, dann mit dem Fahrrad.  

Sebastian Jüngel

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Nr. 5. Dezember 2014

Foto: Sebastian Jüngel