Jetzt kannst Du niemanden mehr fragen

Ein Gespräch mit Jürgen Schürholz

Er leitete die Filderklinik, war geschäftsführender Vorstand der Gesellschaft anthroposophischer Ärzte und leitend in der Weleda tätig. In der Einrichtung ‹Einundalles› gab der 80-jährige Arzt einen Kurs in

Menschenkunde. Bei jedem Votum leuchten seine Augen, als höre er einen Gedanken zum ersten Mal.

Wie kam es zur Begegnung mit Anthroposophie?

1946 kam ich in die Waldorfschule Wandsbeck. Am Tag vor der Einschulung spielte das Kollegium für Eltern und Schüler das Redentiner Osterspiel. Das war meine erste Begegnung. Wir waren 56 Kinder in unserer Klasse. Heinz Müller, der noch von Rudolf Steiner berufen war, stellte an der Monatsfeier die Frage: «Kinder, habt ihr eure Lehrer lieb?» Wir riefen aus vollem Herzen: «Ja!» Ich kann mir kaum vorstellen, dass man das die Schulklassen heute noch fragen kann. Wir leben doch in einer ganz anderen Zeit.

Morgenstern schrieb: «Noch heute zehr ich von den Kräften meiner Kindheit.»

Ja, nicht nur wegen der glücklichen Schulzeit. Nach dem frühen Tod meines Vaters zog meine Mutter mit mir nach Murnau, wo wir von 1939 bis 1946 lebten. Von der Wohnung hatten wir freien Blick auf das Murnauer Moos und das Wettersteingebirge. Diese malerische Landschaft ist harmonisch. Wann immer ich dorthin komme, habe ich das Gefühl, dass sie meine Konstitution geprägt hat. Der Satz Morgensterns gilt doppelt: meiner leiblichen Konstitution wegen Murnau, meiner Seele wegen der Waldorfschule.

Ein Leben mit Medizin, mit dem Kampf gegen die Krankheit begegnet man dabei dem Wesen ‹Krankheit›?

Ja, das ist eine Frage, die mich akut bewegt hat, als die Krankheit Aids auftrat. Aids ist der Zusammenbruch des Immunsystems, der Instanz, die stofflich über ‹Selbst› und ‹Nicht-Selbst› entscheidet. Wenn also dieses Immunsystem zusammenbricht, dann wird man auf körperlicher Ebene zu etwas, was seelisch eine Tugend ist: Man wird selbstlos. In diesem Sinne zeigt sich das Wesen als pathologisches Bild der Selbstlosigkeit, die zu üben ansteht. Krankheit ist hier also eine Verlagerung von der seelischen auf die leibliche Ebene. Eine seelische, hohe Tugend wird zur Krankheit, wenn sie am falschen Ort, im Leib wirksam wird.

Ein biografischer Schritt war sicher die Leitung der Filderklinik.

Vorläufer der Filderklinik war die Carl-Unger-Klinik in Stuttgart mit 40 Betten. Diese leitete Manfred Weckenmann als Chefarzt, der engen Bezug zu Hermann Mahle hatte. Der hatte mit seinem Bruder Ernst den Wunsch, das Privatvermögen ihrer Firma zu stiften. Die Stiftung sollte anthroposophische Initiativen unterstützen. So wurde die Filderklinik auch zum Stiftungszweck. Dass die Filderklinik von den Abteilungen her das wurde, was sie ist, daran war ich insofern beteiligt, als ich während der Planungsphase in einem Stuttgarter Krankenhaus, wo die Fachdisziplinen räumlich getrennt waren, die Erfahrung machte: Innere Medizin alleine ist ein klinischer Torso. Deshalb hatte ich angeregt, dass außer der Inneren Medizin mindestens Chirurgie und Frauenheilkunde da sein sollten. Die Kinderheilkunde kam dann noch dazu.

Was bedeutet in solcher Verantwortung ‹Einsamkeit›?

Meine Frau bemerkte es zuerst: «Jetzt hast du niemanden mehr, den du fragen kannst.» Manfred Weckenmann ist neun Jahre älter als ich, er leitete die Carl-Unger-Klinik in Stuttgart. Für mich war klar, dass er auch die Filderklinik ärztlich leiten würde. Dann hat mich der Initiativkreis für die Klinikleitung bestimmt, zusammen mit Ernst Harmening, dem Geschäftsführer, und Karin Spitta als Abteilungsschwester für die Pflege. Gleichwohl haben Manfred Weckenmann und ich immer vertrauensvoll zusammengearbeitet. Er sagte: «Schürholz (wir sind bis heute per Sie), Sie sind der ideale Außenminister, ich bin der bessere Innenminister.» Deshalb konnte ich mich auch von 1978 bis 1993 als Vorsitzender der Kommission C beim Bundesgesundheitsamt für die Legalisierung der anthroposophischen Arzneimittel einsetzen. 1981 wurde ich auch zum geschäftsführenden Vorstand der Gesellschaft anthroposophischer Ärzte in Deutschland gewählt und war Delegierter der Landesärztekammer. Das habe ich gemacht, weil ich wollte, dass wir Anthroposophen nicht als Exoten gelten, sondern als interessierte Kollegen ernst genommen werden.

Gab es einen anthroposophischen Lehrer?

Mein Lehrer war Ernst Marti, Arzt in Basel. Er war Schüler von Ita Wegman gewesen. Mit ihm haben wir uns als Studenten vor jedem Semester des Medizinstudiums eine Woche in irgendeiner Stadt getroffen, haben in der Jugendherberge übernachtet und dann mit ihm die Jungmedizinerkurse durchgearbeitet.

Er schrieb ‹Das Ätherische›, die Grammatik des Ätherischen.

So virtuos er mit Begriffen umgehen konnte, hatte er doch kaum innere Bilder. Es gab noch einen anderen Lehrer. Ein Freund von mir war in der Pathologie tätig und lud mich zu einem Vortrag seines Chefs ein. Wie der gesprochen hat! Als wir nach dem Vortrag rauchend an der Tür standen, kam er dazu. Drei Tage später bekam ich einen Brief von besagtem Chef: «Falls Sie Ihren Horizont bei der Ausbildung zum Internisten um die Dimension der Pathologie erweitern wollen, dann sind sie als Assistent willkommen. Dieser Lehrer war Professor Adalbert Bohle. Ich werde nie vergessen, wie er sich über einen Nierenschnitt in ‹meinem› Elektronenmikroskop beugte und ausrief: «Mein Gott, ist das schön!» Einmal standen wir vor zwei Leichen, die eine war abgemagert durch Krebs, fast kein Organ war ohne Metastasen, die andere war gut im Gewicht, mit kastaniengroßen Metastasen. «Nur Idioten meinen, dass wir Pathologen wüssten, woran jemand gestorben ist. Warum ist der eine nicht schon vor einem Jahr gestorben, warum hat der andere nicht noch ein halbes Jahr gelebt?»

War das eine Begegnung, die die Demut auch vor der nicht anthroposophischen Welt wachsen ließ?

Natürlich, denn solche Aussage deutete auf das Geheimnis von Schicksal, Leben und Tod. Von Rudolf Steiner habe ich gelernt: Wenn man mikroskopiert, muss man auch makroskopieren. Das Wesen der Niere und seine Erscheinungen lernte ich im Zusammenhang mit den Bildegesten im ganzen Menschen allmählich verstehen. Wir haben im Zusammenhang mit Organtransplantationen auch die Frage gehabt: Was wird aus der Niere eines Mannes, die in den Organismus einer Frau verpflanzt wurde? Da man jedem Gewebe unter dem Mikroskop ansehen kann, ob es einem männlichen oder weiblichen Organismus entstammt, konnten wir nachweisen, dass sich ein gegengeschlechtlich transplantiertes Organ in Wochen in das zellkernmorphologische Geschlecht des Empfängers verwandelt. Dass der Empfänger sich das Organ also zu eigen macht, oder es abstößt. Man hat es hier mit einem Mysterium zu tun.

Vor Kurzem ist deine Frau Ortrun gestorben, nach 54 Jahren Ehe. Wie kann ein gemeinsames halbes Jahrhundert gelingen?

Indem man sich bemüht, einander zu verstehen und frei zu lassen. Das klingt unendlich schlicht, ist aber möglich, insbesondere wenn man sich 60 Jahre kennt, einen tragenden anthroposophischen Boden hat und gemeinsame Interessen pflegt.

Eine zweite einfache Frage: Wie wird man glücklich alt?

Jetzt könnte ich ein Missverständnis induzieren, wenn ich sage: indem man gerne tut, was man tut, egal was es ist, indem man Interesse für Neues hat, sich bemüht, im Leben zu bleiben.

Dabei hast du viele Aufgaben abgegeben?

Willentlich! So hatte ich Matthias Girke gefragt, ob er sich vorstellen könne, mein Nachfolger im Vorstand zu werden. Er sagte ja und das stellte sich bald als glückliche Wahl heraus. Er vermochte der Ärztegesellschaft aus seiner Fachkompetenz heraus sehr viel zu geben und konnte den Dialog zur Homöopathie und zur Schulmedizin pflegen. Überall, wo ich das Ende meiner Verantwortung selbst bestimmte, habe ich es nie bereut, weil ich mit den Menschen, mit denen ich zuvor zusammengearbeitet hatte, in Kontakt bleiben konnte. Es gab keine Peinlichkeiten.

Anthroposophie ist heute im Wandel. Was bedeutet das?

Die Menschen gehen heute freier mit Anthroposophie um. Vor 50 Jahren war sie eine Offenbarung, die man, ohne zu hinterfragen religiös aufnahm. Das ist heute, Gott sei dank, nicht mehr so. Die Menschen suchen sich heute ihren eigenen Weg. Ich erlebe, dass die Grundideen der Anthroposophie verdaulicher werden. Wie weit die Menschen es für die persönliche Lebensgestaltung verwenden, das ist sehr verschieden. Aber man kann heute über Inhalte sprechen, was damals überhaupt nicht möglich war.

Wo bleibt dabei die anthroposophische Heimat? Sind da nicht Wunden entstanden?

Ich habe diese Wunden nicht. Ich habe miterlebt, wie sich die ‹echte› anthroposophische Ärzteschaft auf der Comburg traf. Um dabei sein zu dürfen, musste man Bürgen haben. Es gab für uns dort nur uns. Wir waren die Eigentlichen. Das war ein herrlich warmes Wir-Gefühl. In dem Maße, wie wir begriffen, dass Anthroposophie nicht nur für die eigene Wärmebildung da ist, sondern für die Welt, konnte sich das nicht erhalten. Um sich zu finden, war es sicher nötig. Es war eine Durchgangsphase, wie man sie als Individuum auch erlebt und dann aber hinter sich lässt.

Wie kam es zum Seminar in dieser Einrichtung?

Weil ich gefragt wurde. Das ist immer so und gehört wohl zu meiner Biografie. Ich habe mich nie irgendwo beworben. Dass ich dann einflussreiche Aufgaben bekam, das haben immer andere bewirkt und gehört zum Glück meines Lebens.

Wie geht es weiter mit der anthroposophischen Arbeit?

Es geht weiter. Natürlich hat sich gegenüber der Gründungszeit viel verändert. Man kann sicher viel beklagen, wenn man will. In den 70er-Jahren hatten wir im Krankenhaus Liegezeiten von drei Wochen. Heilung braucht Zeit, war unser Kerngedanke, auch um die Krankheit biografisch verorten zu können. Das gibt es nicht mehr. Heute sind es statt 21 nur 5,7 Tage, da kann man eine Arzt-Patienten-Beziehung viel weniger weit aufbauen. Wir können uns die Welt aber nicht schnitzen. Wir kommen mit den Bedingungen, die das System uns bietet, entweder zurecht oder nicht. Wenn wir zurechtkommen wollen, dann bleibt immer noch, eine Verbindung zum anderen Ich, eine Begegnung anzustreben. Wie werde ich unter den schwierigen Bedingungen wesentlich  das ist die Frage, um die es mehr denn je geht.

Die Fragen stellte Wolfgang Held.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 5. Dezember 2014