Bund der Freien Waldorfschulen warnt vor verführerischem Gedankengut umstrittener Referenten

Der Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen hat an die Kollegien der Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen appelliert, sich in den dafür geeigneten Fächern stärker mit zeitgenössischen politischen Tendenzen auseinanderzusetzen.

Wie der Bund in einer Mitteilung bekannt gab, nimmt der Bundesvorstand in einem an die Schulen verschickten Rundbrief Bezug auf den europaweit zu beobachtenden Trend „in längst überwunden geglaubte nationalistische Strukturen zurückzufallen“, die mit einer „Ablehnung der bestehenden politischen Strukturen Europas oder der transatlantischen Beziehungen“ einhergingen.

Eine gesunde Skepsis gegenüber intransparenten und undemokratischen Entscheidungsstrukturen und ein verstärktes Bürger-Engagement seien zwar zu begrüßen, eine substanzielle Quellenkritik sei jedoch unverzichtbar gerade angesichts der gerade im Internet kursierenden vielfältigen Darstellungen. Die Fähigkeit zu dieser Kritik müsse den Schülern im Unterricht vermittelt werden.

Mit Blick auf die an den Waldorfschulen „oft zu wenig akzentuierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Fragen“ seien Initiativen, hier qualifizierte Unterrichtsangebote zu machen, grundsätzlich zu begrüßen.

Anlass für den Brief waren laut Mitteilung aktuelle Vorfälle, in denen Waldorfschüler umstrittene Referenten in die betreffenden Schulen eingeladen hatten. Einfache Antworten auf komplexe Fragen würden auf junge Menschen aber oft verführerisch wirken, betont der Bundesvorstand in seinem Brief. „Es gehört zu unserer pädagogischen Verantwortung, junge Menschen aufzuklären und urteilsfähig zu machen, nicht aber, unsere Schulen zu Plattformen für die Verbreitung solcher Ideologeme zu machen“, so Henning Kullak-Ublick, Verfasser des Briefes.

Gesteigerte Wachheit erfordert

Im vergangenen Schuljahr habe es mindestens fünf Vorfälle an deutschen Waldorfschulen gegeben, die wegen ihrer Nähe zur rechtsextremen oder „reichsbürgerlichen“ Szene in die Presse gerieten. „Das erfordert eine gesteigerte Wachheit und klare Begriffsbildung, weil die Grenzen oft fließend, die Protagonisten Sympathieträger und Teilwahrheiten schwerer zu durchschauen sind als offensichtliche Irrtümer oder Lügen“, so Kullak-Ublick weiter.

Nur durch einen qualifizierten Gesellschafts- und Wirtschaftsunterricht können die Schülerinnen und Schüler befähigt werden, „sich auf der Grundlage belastbarer Kenntnisse bewusst mit der Zeit, in der sie leben, auseinanderzusetzen“.

Auch der Konfliktforscher und Organisationsberater Prof. Friedrich Glasl hat in einem umfassenden Gespräch mit NNA u.a. vor regressiven rechtspopulistischen Tendenzen gewarnt, worauf mit zivilgesellschaftlichem Engagement zu antworten sei. Rezepte würden aus der Vergangenheit hervorgeholt, die ihre Unzulänglichkeit hinreichend bewiesen haben, legte er in dem Gespräch dar: „Wir dürfen als Zivilgesellschaft diesen Kräften nicht das Feld überlassen“, meinte Glasl.

Stuttgart (NNA)