Die zukunftsweisende Idee der ‹freien Akademie›

Am 5. November 1976 hat Joseph Beuys in einem Interview die Grundzüge der Idee einer ‹freien Akademie› entwickelt. Kurzer Versuch einer Standortbestimmung zu einer sozialkünstlerischen Innovation mit Zukunftscharakter.

Am 30. und 31. Januar stand der Gedanke der ‹freien Akademie› im Zentrum von zwei Zusammenkünften am Bodensee, initiiert von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen (d) und dem Verein für Soziale Skulptur. Ein ‹performatives Gespräch› beim traditionellen ‹Kunstfreitag der Stadt Friedrichshafen› am 30. Januar bildete den Auftakt der Befassung mit dem Thema. Die Gedanken der rund 100 Anwesenden umkreisten mehrere Kernfragen: Was ist eine Freie Akademie? Wie wäre sie zu organisieren, was ist das zugrunde liegende Menschenbild derselben? Wie ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Kunst zu fassen? Wie hängt das alles mit dem Ausgangspunkt Mitte der 1970er-Jahre zusammen?

Kleine Rückblende: Im Herbst 1976 war die Freie Akademie zentraler Inhalt eines Gesprächs von Hinrich Gerresheim mit Joseph Beuys. Darin formulierte der Aktionskünstler die zentralen Kriterien der Idee einer «freien Hochschule als ein Arbeitskollektiv unabhängiger und freier Menschen im kulturellen Bereich», frei von jeglicher staatlicher oder wirtschaftlich-finanzieller Fremdsteuerung. Aufgabe der Mitarbeiter in einem Unternehmenszusammenhang sei es, in der Aus- und Heranbildung von Fähigkeiten und der Produktion von geistigen Gütern für das gesellschaftliche Ganze zu dienen.

38 Jahre nach dem vom Beuys gegebenen Interview zeigt ein Blick ins Zeitgeschehen: Weder die Überwindung des Ost-West-Systemgegensatzes 1989 noch die Entwicklung des gesamteuropäischen Bildungs- und Kulturwesens bis hin zur Gegenwart haben dazu geführt, sich der Herausforderung der Befreiung des Geisteslebens aus seinen Usurpationen staatlicher wie ökonomisch-fiskalischer Art zu stellen ganz im Gegenteil: Weithin dominiert der ‹Bologna-Prozess› die Hochschullandschaft.

Umso erfreulicher ist es daher, zu beobachten, dass es seit mehreren Jahren an einigen Orten Bestrebungen von Einzelnen und Gruppen gibt, ganz im Geiste des freiheitlichen Akademie-Gedankens Bildungs-, Lern- und Lebensprozesse ins Leben zu rufen und aufzubauen. Hierzu fanden sich beim ‹Öffentlichen Vernetzungstreffen Freie Akademie› am 31. Januar in der Achberger Tagungsstätte Humboldt-Haus (d) rund 35 Personen aus Deutschland zusammen, um ihre Initiativen vorzustellen und Erfahrungen auszutauschen.

Dem Betrachter offenbarte sich hierbei eine große Bandbreite an Vorhaben: von der Möglichkeit, sich berufsbegleitend zu qualifizieren (nn-Akademie Nürtingen), über die Schaffung «freier Orte, an denen der Mensch zu sich selbst findet» (Freie Akademie Weilheim), und der Integration von Arbeiten und Studieren (Dorfuniversität Dürnau) bis hin zur ‹Kulturjurte›, den ‹freien Uni-Experimenten› in München und Stuttgart oder der in Berlin ansässigen ‹Volksinitiative Schule in Freiheit›. Unterschiedliche Angebote von Wohn-, Lebens-, Lern- und Arbeitsformen kamen ebenso zur Sprache wie Fragen zur Finanzierbarkeit oder der Notwendigkeit, begleitende Lehrkräfte in die Bildungsarbeit einzubinden.

Peter Schlefsky

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 10/2015