Wie ist anthroposophische Kunst?

Marianne Schubert im Gespräch mit Wolfgang Held.

Marianne Schubert hat vor einem Jahr die Leitung der Sektion für Bildende Künste übernommen. Zeit für ein erstes Resümee und zugleich einen Blick auf die nächsten Projekte und größeren Ziele.

Was ist im ersten Jahr geschehen?

Die Ohren und Augen weit aufzumachen und viele Menschen zu besuchen, das hatte ich mir vorgenommen. Deshalb habe ich anthroposophische Kunstausbildungsstätten in Großbritannien und Deutschland sowie Künstler in Skandinavien besucht.

Welches Bild hat sich dabei gezeigt?

Die Ausbildungsstätten sind sehr unterschiedlich. Was sie eint, ist, dass sie sich alle mehr oder weniger von der Sektion für Bildende Künste entfernt haben.

Wie kam die Ferne?

Das kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, die Sektion hatte in den letzten Jahren andere Schwerpunkte als die zeitgenössische Kunst, die in den Ausbildungsstätten natürlich eine Rolle spielt. Ein Aufgabenfeld, das ich anfänglich unterschätzt habe, ist das Ausstellungswesen am Goetheanum. Da wurde ich gebeten, mich zu engagieren. Weil es eine gute Möglichkeit ist, Künstler und Kunstinteressierte kennenzulernen, habe ich diese Aufgabe gerne angenommen.

Manche Projekte wie die Ausstellung ‹Der Norden im Goetheanum› habe ich in der Planungsphase übernommen. Hier werden wir im Rahmen der ‹Norden›-Sommertagung über hundert Werke skandinavischer Künstler zeigen. Das war für mich der Anlass, nach Skandinavien zu reisen, um die Künstler kennenzulernen und den Grundstein für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu legen. In den Ateliers und Gesprächen wurde mir deutlich, dass die Ausbildung und der künstlerische Ansatz anders sind als hier am Goetheanum.

Die Schulen und einzelnen Künstler setzten sich also mit dem gegenwärtigen künstlerischen Suchen auseinander?

Auf jeden Fall. Die Erfahrungen und Begegnungen in meinem ersten Jahr bestärken mich darin, dass es am Goetheanum auf zweierlei ankommt: Zum einen müssen wir uns hier konstruktiv mit zeitgenössischen Tendenzen in der Kunst beschäftigen, um auch für junge Künstler interessant zu sein. Zum anderen sollten wir die besonderen Möglichkeiten dieses Ortes nutzen. Das Goetheanum besitzt einzigartige Werke und Archive und ist daher prädestiniert dafür, dass man hier studiert und forscht.

Wie kann das gefördert werden?

Eine Anfrage von Heide Nixdorf, Textilkünstlerin und ehemalige Professorin für Textilkunst, brachte mich dazu, das Projekt ‹Artist in Residence› zu initiieren. Im Rahmen dieses Projekts bieten wir Kunstschaffenden und Kunstwissenschaftlern Raum, Material und Unterstützung bei ihren Studien und Forschungsfragen. Heide Nixdorf beschäftigt sich mit Rudolf Steiners Hinweisen zum künstlerischen Textilgestalten.

Im Zuge dieser Arbeit wurde mir deutlich, dass wir die dringende Aufgabe haben, anthroposophische Kunstwerke zu ‹retten›. Sie lagern irgendwo in der Welt und drohen verloren zu gehen. Das ist bei Textilem nicht anders als bei den Kleinodien, Bildern oder Möbeln. Die Forschung zu fördern, die Werke zu pflegen und zugänglich zu machen, das scheinen mir die wichtigsten Aufgaben zu sein. Kürzlich haben sich zum Beispiel Modedesigner aus Berlin gemeldet, die sich dafür interessieren, was Rudolf Steiner über Bekleidungskunst gesagt hat.

Das Goetheanum als Museum und Campus zugleich?

Ja, genau. Wobei ‹Campus› für mich heißt, dass wir uns mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzen. Während sich die Herbsttagung traditionell den inneren Fragen von Anthroposophie und Kunst im Rahmen der Freien Hochschule widmet, dient die Zusammenkunft an Himmelfahrt der freien Begegnung und dem offenen Austausch. Die Themen und die Konzeption der Maitagung sollen besonders auch die Kunstschulen und die jungen Künstler ansprechen. Bis in die Gestaltung des Flyers möchte ich zeigen, dass uns hier ein offenes Gesprächsfeld am Herzen liegt. Wir haben drei Künstler eingeladen, über ihre Arbeit zu berichten. Alle drei fühlen sich der Anthroposophie verbunden, auch wenn das formal-ästhetisch in ihren Werken nicht ins Auge springt. Sie haben eine klassische anthroposophische Kunstausbildung und sind dann einen individuellen Weg gegangen: Claudia Schlürmann ist Bildhauerin und promovierte in Oxford zu dem Zusammenhang von Material und Sozialer Plastik. Cornelia Falkenhahn studierte Bildhauerei bei Georg Häussler an der Alanus-Hochschule, hat ein Studium zur Bühnenkunst angeschlossen und arbeitet nun in beiden Bereichen. Jochen Brehme ist studierter Bildhauer mit dem Schwerpunkt Installationen, er unterrichtet an der Alanus-Hochschule.

Eine schwierige Frage: „Was ist Kunst?“

Über die Kunst im Allgemeinen zu sprechen, ist tatsächlich schwierig und selten fruchtbar. Wir haben das im November an unserer Tagung ‹Quellen der Kunst› behandelt. Auf der Maitagung wollen wir die drei Künstler Schlürmann, Falkenhahn und Brehme in den Mittelpunkt stellen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, nicht zu urteilen, sondern den Künstlern und ihrem Werk offen zu begegnen. Kunstwerke verstehen heißt: vorurteilsfrei sehen und wahrnehmen. Dabei geht es nicht um ‹gefällt mir, gefällt mir nicht› oder ‹anthroposophische Kunst, nichtanthroposophische Kunst›. Die Aufgabe des Betrachters ähnelt hierbei derjenigen des Künstlers, denn auch als Betrachter sollte ich schöpferisch tätig werden. Das würde ich gerne üben und kultivieren, sodass es möglich wird, dass ganz unterschiedliche Menschen und Auffassungen miteinander ins Gespräch kommen können. Schon für Rudolf Steiner war erst mit dem Akt des Betrachtens das Kunstwerk abgeschlossen.

Diese Frage gab es am Kolloquium mit Christian Clement ebenfalls. Da hieß es, Anthroposophie ist nicht im Text, sondern entsteht im Studium am Text.

Natürlich, gleichzeitig hat diese Sicht ihre Grenzen, denn unbenommen bleibt, dass es darauf ankommt, was ich betrachte. Um aus dem kategorischen und weltanschaulichen Feld herauszukommen, empfehle ich, nicht zu fragen, ‹was› ist anthroposophische Kunst, sondern ‹wie› ist anthroposophische Kunst. Diese Frage lenkt weg vom Urteilen und hin zu einer aufmerksamen und empathischen Wahrnehmung. Der Wunsch, das Unsichtbare sichtbar zu machen, hat am Anfang des letzten Jahrhunderts nicht nur Rudolf Steiner ergriffen. Rudolf Steiner jedoch hat aus der Anthroposophie heraus einen Kunstimpuls entwickelt mit einem eigenen Kunststil da können wir uns nicht drumherumstehlen. Unsere erste Frage sollte dennoch nicht lauten, ob ein Künstler diesem Kunststil treu ist was immer das heißen mag sondern wie er mit diesem Impuls umgeht und ihn weiterentwickelt.

Mit Margrethe Solstad, Stefan Hasler und dir sind nun erstmals drei Kunstschaffende in der Goetheanumleitung. Was heißt das?

Stefan ist erst seit ein paar Wochen hier, aber ich fühle mich schon jetzt ‹verstärkt›. Wir haben einen anderen Ansatz, Prozesse zu begleiten und zu Ergebnissen zu kommen, das ist sicher so. Es ist ein Unterschied, ob man über Kunst spricht und sie anschaut oder ob man sein halbes Leben mit künstlerischen Fragen gerungen hat.

Mit Ueli Hurter bist du die Unternehmerin in der Goetheanumleitung.

Deshalb wurden wir beide gebeten, Justus Wittich in seiner Aufgabe als Schatzmeister zu begleiten. Als Architektin und Landschaftsgestalterin war ich in den vergangenen 14 Jahren viel auf Baustellen unterwegs. Man begegnet der Realität und schafft Realitäten und ist fortwährend mit den Konsequenzen der eigenen Entscheidungen konfrontiert. In meiner neuen Aufgabe als Sektionsleiterin habe ich es nun viel mehr mit seelischen und geistigen Fragestellungen zu tun. Ich möchte aber gerne den Realitätssinn, den ich als selbstständige Architektin erworben habe, in meine Arbeit einbringen.

Was kann das heißen?

Im vergangenen Jahr bin ich einer Reihe von engagierten Kunstschaffenden begegnet, die sich vom Goetheanum abgewandt haben. Die erwarten von mir keine klugen Reden, sondern Taten: neue Veranstaltungsformen und aktuelle Tagungen, die sich mit der Gegenwartskunst beschäftigen. Das müssen wir jetzt hinkriegen! Rick ten Cate, Verantwortlicher der Sektion in den letzten drei Jahren, hat mit breit angelegten Werkschauen eine Gesprächskultur in die Sektion gebracht, die ich jetzt verdichten will. Die Maitagung ist ein Versuch in diese Richtung.

Prozesse der Selbstvergewisserung und Identitätsklärung haben Sektionen und Arbeitsfelder wie Medizin, Landwirtschaft und Eurythmie vor zehn Jahren durchgemacht.

Christiane Haid hat Tagungen zu ästhetischen Fragen angeregt, Bodo v. Plato hat mit Shelley Sacks Fragen zeitgenössischer Kunst ins Gespräch gebracht. Manches wurde da als Provokation verstanden, es fehlte der Wille zur Begegnung. Ich wünsche mir, dass wir das heute als ernsten Arbeitsansatz begreifen können. Die Kunst soll, dafür werde ich mich einsetzen, in allen Bereichen deutlicher sichtbar werden an diesem Ort.

Wie wird das konkret?

‹Kunst in Aktion› habe ich es genannt. Ich möchte Künstler einladen, hier am Goetheanum für ein paar Wochen mit Studenten künstlerisch tätig zu sein. In diesem Projekt könnte Kunst eine besondere Kraft entwickeln, weil sie präsent, tätig und wahrnehmbar ist und dadurch den Dialog und die gegenseitige Wahrnehmung fördert.

Außerdem habe ich große Lust, an eine Sektionsgalerie mit Verkaufsausstellungen zu denken, ich glaube, da käme eine neues buntes Leben herein! Das ist durchaus verwandt mit der Initiative von Reinhold Fäth, der in Olmütz die Ausstellung ‹100 Jahre anthroposophische Kunst› organisiert hat. Sein Ziel ist es, dass diese Kunst auf den Markt kommt, und er hat dafür Galerien in Paris und New York gewonnen. Ich würde hier gerne die zeitgenössischen Künstler dazunehmen. Auch im Hinblick auf die schwierige wirtschaftliche Lage des Goetheanum bin ich davon überzeugt, dass für das künstlerische Leben in der Sektion für Bildende Künste eine Galerie befruchtend wäre.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 17, 24.4.2015