Biodynamische Agrarkultur sichert Qualität der Nahrung

Biodynamische Wirtschaftsweise und menschengemäße Ernährung sind zwei Seiten einer Medaille. Schon beim Gründungsimpuls vor 90 Jahren war die Frage der Qualität von Nahrungsmitteln entscheidend für die Initiative der Bauern, die Rudolf Steiner um Hinweise für eine zukunftsfähige Agrarkultur gebeten hatten.

Die Landwirtschaftliche Sektion am Goetheanum in Dornach/Schweiz betrachtete bei ihrer Internationalen Ernährungstagung Anfang Mai 2014 den Prozess der Bewegung und Veränderung, der sich vom Anbau über die Verarbeitung bis zum Essen und Verdauen durchzieht. Diese alchemistischen Vorgänge verwandeln die ursprüngliche Qualität, die in den Pflanzen und Tierprodukten angelegt ist, so, dass eine wirkliche Veredelung erreicht wird. Diese Qualität zu entdecken und zu erkennen, braucht neben dem Interesse am Thema eine gezielte Schulung der Sinneswahrnehmungen.

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Nahrung mit allen Sinnen genießen.

Die Sinne spielen in der anthroposophischen Ernährungslehre eine ganz wichtige Rolle. Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Petra Kühne vom Arbeitskreis für Ernährungsforschung in Bad Vilbel beschreibt das eindringlich. Was wäre das Essen ohne das Schmecken. Aber nicht nur der Geschmackssinn spielt eine Rolle bei den Mahlzeiten, sondern bereits der Geruch regt unseren Appetit an, das Aussehen ist vielfach ganz entscheidend für die Akzeptanz der Speisen und wenn das Essen sich dann im Mund befindet, trägt der Tastsinn mit dem „Mundgefühl“ ebenfalls zum Gesamteindruck bei. Die Sinne verbinden uns mit der Welt und mit den Sinneswahrnehmungen verbinden wir uns mit unserer Seele und unserem Bewusstsein.

Das sensorische Gedächtnis entwickeln

Ohne Sehen, Riechen oder Schmecken würden wir kaum Wahrnehmungen vom Essen haben. Dies hätte Auswirkungen auf unser Verhalten. Wir erleben so etwas, wenn der Geschmack etwa durch eine Erkrankung gemindert ist. Als Folge sinkt der Appetit. In der Regel werden wir mit funktionsfähigen Sinnesorganen geboren, müssen aber lernen, sie zu gebrauchen, die Eindrücke zu verarbeiten und sie mit Begriffen zu verbinden („So schmeckt, riecht eine Banane“). Da der Alltag dies nicht (mehr) in genügender Weise bietet, entsteht das Bedürfnis nach Sinnesschulung und Sinnesübungen bereits im Kindergartenalter, aber auch bei Erwachsenen. Das sensorische Gedächtnis entwickelt sich durch Üben. So schafft sich jeder Mensch das Werkzeug, um die Welt wahrzunehmen und zu verstehen. Daher sind Wahrnehmungsübungen und Verkostungen heute immer gefragter.

Dazu ermöglicht das reichhaltige Angebot an Lebensmitteln auch Auswahl und bewusstes Kennenlernen neuer Eindrücke. Welche Fülle an neuen Reizen für die Sinne! Alle diese Neuheiten erfordern jedoch auch Beurteilung, Einschätzung in ihrer Bedeutung für die Ernährung, eine Orientierung, an der die Sinne sehr beteiligt sind neben dem Denken.

12 Sinne entdecken

Die Welt der Sinne ist umfassender als oftmals angenommen. Es wirken verschiedene Sinne bei jeder Wahrnehmung mit, so sieht man nicht nur ein Lebensmittel, sondern tastet es auch z.B. mit den Augen ab. Die Naturwissenschaft kennt die fünf Sinne, zählt aber noch Gleichgewichts-, Organ- und Muskelsinn dazu also sind es schon acht. Die Anthroposophische Menschenkunde geht von 12 Sinnen aus, da zusätzlich noch soziale Sinne und der Wärmesinn getrennt vom Tastsinn berücksichtigt werden. Gerade die Einbeziehung der geistigen Sinne erweitert das Verständnis des Essens und der Wirkung der Lebensmittel. Diese Sinnestätigkeit wird dazu noch über die Wahrnehmung hinaus als aufbauend für den Körper gesehen („Ernährung über die Sinne“). Es gibt also nicht nur eine Ernährung über die Nahrung, sondern auch über die Sinneseindrücke.

Anthroposophische Ernährung: Individuell und ohne Vorschriften

Die anthroposophische Ernährungslehre orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen des Menschen und liefert ganz bewusst keine Ernährungsvorschriften. Sie bezieht außer Wirkstoffen auch Wachstums und Reifekräfte, Bilde- und Vitalkräfte der Lebensmittel als Qualitätsfaktoren mit ein. Ernährungswissen soll gebildet, Erkenntnis gewonnen werden. Wer seine Essbedürfnisse wahrnimmt und eigenverantwortlich berücksichtigt, wird eine innere Zufriedenheit erreichen, die nährt.

Als Empfehlung weist die anthroposophische Ernährungslehre auf Lebensmittel hin, die möglichst aus biologisch-dynamischem Anbau stammen. Bei der Verarbeitung ist es wichtig, dass die hohe landwirtschaftliche Qualität sich fortsetzt und den Bedürfnissen des Menschen entspricht. Die Lebensmittel sollen fair gehandelt und passend zu den Rhythmen der Natur genossen werden. Regionale Produkte haben ein starkes Gewicht. Aufgrund des anthroposophischen Naturverständnisses werden Wirkungen von Lebensmitteln wie Getreide und Kartoffeln beschrieben. „Sie dürfen nicht als generelle Empfehlung für Verwendung oder Weglassen missverstanden werden“, betont Dr. Petra Kühne. So kann durchaus ein Lebensmittel für einzelne Menschen oder Lebenssituationen geeignet sein, während es für andere ungünstig wäre.

Die Beurteilungen beruhen auf dem anthroposophischen Menschenverständnis. Es sieht den Menschen nicht nur als körperliches Wesen, sondern mit eigenständigen vitalen, psychischen und geistigen Aspekten. Daraus entwickelt sich eine Differenzierung nach Konstitutionstypen (Temperamenten) und die Einbeziehung von Körperrhythmen. In der Ernährungspraxis hat sich eine überwiegend ovo-laktovegetabile Ernährung mit wenig oder ohne Fleisch und Fisch bewährt. Als Grundnahrungsmittel werden die Getreidearten bevorzugt.

Individuell wählen

In der anthroposophischen Ernährungsanschauung wird betont, dass jeder Mensch nach einer individuellen Ernährung strebt. Hinweise zu einer Ernährung nach den vier Temperamenten, bei dem nach Konstitutionstypen (Melancholiker, Phlegmatiker, Sanguiniker und Choleriker) unterschieden wird, betreffen dann ganze Menschengruppen, sind also nicht individuell. Das erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Petra Kühne so: Der Mensch setzt sich als Wesen aus verschiedenen „Körpern“ zusammen: dem physischen, ätherischen sowie dem Astralleib (Seele) und seinem Ich, der Persönlichkeit. Die vier wirken in allen Menschen ineinander. Der physische Körper umfasst die Stoffe, die Substanzen. Diese Stoffe werden aber erst vom Ätherleib (Lebensleib) gegliedert zu der menschlichen Gestalt Der Mensch kann von seinem physischen und Lebensleib mit verschiedenen Ernährungsformen existieren. Die organische Anpassung an die Ernährungsweise in der Darmlänge oder den Zahntypen ist gering. Selbst der nicht gestillte Säugling ist in der Lage, mit einer Ersatznahrung zu überleben. Hier zeigen sich Einflüsse der beiden anderen Wesensglieder Astralleib und Ich. Der Astralleib beinhaltet die seelischen Äußerungen, die Sympathie und Ablehnung. Im Körper formt und gestaltet er.

Die vier Temperamente entstehen durch eine Gewichtung der vier Körper des Menschen zueinander. Sie äußern sich auf seelischer Ebene. Auch Typologien anderer Kulturen wie die 3 Doshas (Energien) in der Ayurveda, die 5 Elemente der Traditionellen Chinesischen Ernährung fassen Menschengruppen aufgrund seelischer Ähnlichkeit zusammen. Die Kenntnis der Temperamente hilft auch Nahrungsbedürfnisse oder Lebensmittelvorlieben zu verstehen.

Die individuelle Ebene basiert auf der Wirksamkeit des Ichs. Es gestaltet und reguliert die drei anderen Körper. Dabei prägt es sich zum Beispiel das Eiweiß über das artgemäße und seelische hinaus: es wird individuell und ist damit unverträglich mit dem Eiweiß anderer Menschen. Bei Transplantationen in der

Medizin muss man diese Abstoßung, die Äußerung der biologischen Individualität medikamentös unterdrücken. Diese individuelle Ausprägung bis ins Physische verdeutlicht auch die individuellen Ernährungsbedürfnisse. Sie äußern sich selten darin, dass man nun ganz anderes als sein Nachbar oder Familienmitglied isst, sondern in der Nuancierung. In der Menge der verzehrten Rohkost, des bevorzugten Aromas, der Anzahl der Mahlzeiten etwa. Die typgerechte Ernährung kann viel bewirken, da das Essen oft seelisch bedingt ist.

Wie wirkt das Essen?

Der anthroposophische Arzt Dr. Schürholz spannt den Bogen noch etwas weiter. Er schaut auf die Wirkung des Essens: „Wir verdanken Rudolf Steiner Hinweise darauf, wie sich die Kräfte, die wir mit dem Pflanzlichem oder dem Tierischem in uns aufnehmen auf die menschliche Entwicklung auswirken.“

Plakativ leitet er von Steiners Aussagen ab, dass regelmäßige Fleischnahrung körperlich und seelisch erdenfest, auch impulsiver bis aggressiver macht. Vegetarische Kost hebt demnach weg von der Erdenschwere und erleichtert die Aufnahme von spirituellen Gedanken. Bedenklich nennt Rudolf Steiner es, wenn fanatisch auf alles Tierische, also auch auf Milch, Quark und Käse verzichtet wird. Da könnte es sein dass es „leicht zu einem gewissen bloßen Lieben des von der Erde wegstrebenden kommt und (dass so jemand) die Fäden leicht verliert, die ihn mit dem verbinden, was auf der Erde an Menschlichem getrieben wird.“ Durch Milchprodukte wird der physische Leib mehr Erden- und Menschheit verwandt. Der Entschluss, Milchnahrung zu sich zu nehmen, bedeutet gleichsam: Ich will mich auf der Erde aufhalten, auf der Erde meine Mission erfüllen können, aber nicht ausschließlich für die Erde da sein. Der Wille zur Fleischnahrung bedeutet: Mir sagt das Erdensein so zu, dass ich auf alle Himmel verzichte und am liebsten ganz aufgehen würde in den Verhältnissen des Erdenseins. Die Leichtigkeit, die der Mensch durch Pflanzennahrung bekommt, hebt hinweg über solche Erdenschwere.

Leichtigkeit durch Pflanzliches

„Damit wir nicht entfremdet werden von menschlichem Fühlen, menschlichem Treiben auf der Erde, ist es gut, wenn wir uns als Wanderer auf der Erde in einer gewissen Weise beschweren lassen mit dem Milchgenuss und dem Genuss von Milchprodukten“, zitiert der Mediziner Steiner. Von ihm stammt auch der Satz: „ Das Schlimme am Fleischgenuss ist die bleibende Wirkung des Schmerzverursachens und des Tötens der Tiere“. Deshalb sieht Schürholz eine große Aufgabe bei den biodynamischen Bäuerinnen und Bauern sowie Verarbeitern. Der Mensch nimmt und lebt von der Natur, was kann er ihr geben? Er kann etwas in sie einführen, was sie noch nicht hat. Der Mensch hat die totale Verantwortung für die Kultivierung der Natur übernommen.

Wer mehr wissen will

„Die 12 Sinne des Menschen Bedeutung für die Ernährung“, Infoblatt von Dr. Petra Kühne

„Anthroposophische Ernährung, Lebensmittel und ihre Qualität“ Dr. Petra Kühne

www.ak-ernaehrung.de

Erschienen in: Demeter Journal Nr. 22, Sommer 2014

Foto: Demeter e.V.