Die Wurzel schmeckt, der Spross antwortet

Torsten Arncken hat Pflanzen mit Salzen der sieben Planetenmetalle gedüngt. Die Wirkungen zeigen sich in Gestalt, Geschmack und sogar im Duft der Pflanze.

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Melisse Metalle

Im Büro von Torsten Arncken sind auf einer Tafel viele bunte Zeichnungen zu sehen. Erwartet hatte ich Pflanzen. Denn der Biologe an der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum hatte mir von den Wirkungen der Metallsalze auf Pflanzen erzählt. Bevor es um sie geht, bittet er uns, meine Frau und mich, an seinen Schreibtisch. Doch statt uns ausführlich in die Theorie seiner Forschungen einzuführen, lässt er uns zwei Salze kosten und die Eindrücke mit Pastellkreiden malerisch festhalten. Das eine schmeckt «frisch strahlend», «licht», «zackig» Kaliumchlorid, wie wir später erfahren. Bei Natriumchlorid (Kochsalz) entstehen Bilder mit getrennten Schichten, etwa erdig mit Lichtzone. Salz ist Grundlage für Bewusstsein bei Kochsalzmangel verliert man das Bewusstsein. «Wegen des Bewusstseinsträgers Salz wurden sogar Kriege geführt, weil sich die Menschen nach einem klaren Bewusstsein sehnten», sagt uns Torsten Arncken.

Substanzerlebnis durch die Sinne

Was wie ein Umweg erscheint, ist Kern seines methodischen Ansatzes. Er bezieht sich dabei auf Rudolf Steiners Phänomenologie, wie er sie beispielsweise 1920 in ‹Grenzen der Naturerkenntnis› (ga 322) entwickelt: sich erst einmal den Sinneseindrücken hinzugeben, ohne sie vorschnell durch Begriffe zu überformen. Ausgangspunkt kann dabei der Geschmack sein (wie es unser Einstieg war), der Duft, aber auch die Gestalt oder die Farbe. Das Malen hilft, die Sinneseindrücke länger und tiefer und ohne Begriffsbildung auf sich wirken zu lassen. Zudem dient es dazu, sich an die jeweiligen Eindrücke zu erinnern und so die Orientierung über die zahlreichen Qualitäten zu behalten, wie sie bei Reihenuntersuchungen anfallen. Darüber hinaus findet im Malen eine stoffliche Auseinandersetzung statt. Sie ist ein Schritt beim differenzierenden Erschließen der Wesensqualität einer Substanz und letztlich ein Weg, sich im Irdischen dem Kosmischen zu nähern und dabei die Verbindung des Christus mit der Erde zu würdigen. Oder, in Worten Rudolf Steiners: «Man wird den Christus bis in die Gesetze der Chemie und Physik hinein finden» (GA 15, Vortrag vom 8. Juni 1911).

Metalle durch die Pflanze verwandeln

Wie aber kommt man darauf, Pflanzen mit Metallsalzen zu düngen? Rudolf Steiner empfiehlt am 17. April 1921 (GA 313), Pflanzen mit Metallen zu düngen, um die Heilwirkung der Metalle zu steigern. Er knüpft damit an einen alchemistischen Prozess an, der im 17. Jahrhundert vom Alchemisten Andreas Tenzel in einem Buch beschrieben wurde, das sich in der Bibliothek Steiners befindet.

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Melisse Natriumchlorid

Weleda und Wala knüpfen an Steiner an und düngen ausgewählte Pflanzen mit Metallen; in der Naturwissenschaftlichen Sektion führte Jochen Bockemühl in den 1990er-Jahren Düngungsversuche mit Kupfer und Eisen durch. Und im nichttherapeutischen Bereich macht man sich die Fähigkeit von Pflanzen zunutze, Metalle zu speichern («Phytomining», ‹Süddeutsche Zeitung Magazin› Nr. 40/2014).

Torsten Arncken hat mit vielen Arzneimittelpflanzen gearbeitet, aber auch die Wirkung von Natrium- und Kaliumchlorid auf Mohrrüben untersucht. Dabei zeigte sich, dass Natriumchlorid die Form der Mohrrübe (Kraut und Wurzel) staucht, sodass der Ertrag gegenüber der ungedüngten Kontrollgruppe geringer ausfiel. Dafür wurden die Eindrücke bei Duft, Farbe und Geschmack intensiver. Bei der Düngung mit Kaliumchlorid dehnte sich die Gestalt der Mohrrübe aus, der Ertrag war höher als bei der Kontrollgruppe, doch waren Geschmack und Geruch verwässert. Das an sich geruchslose Salz wirkt also, so Arncken, auf die «Gebärden der Pflanze bis in den Duft hinein»: «Die Wurzel schmeckt die Qualitäten des Bodens, der Spross antwortet so wie die Seele des Menschen auf einen Sinneseindruck durch eine Gebärde antwortet.»

Wirkung auf Gestalt, Geschmack und Duft

Bei dieser Untersuchung hat es sich bewährt, die Metalle in Form chloridischer Salze einzubringen. Dieser ‹Dünger› wird vor der Aussaat direkt in die Erde eingemischt, damit er gleichmäßig verteilt ist. Um weitere Wirksamkeiten zu untersuchen, hat Torsten Arncken für seinen 2013 begonnenen Versuch Brennnessel, Melisse und Tagetes ausgewählt, weil sie sich durch intensiven Duft und Geschmack sowie bei der Tagetes durch eine prägnante Blattmetamorphose auszeichnen.

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Natriumchlorid

Außerdem sollte es nun um die Salze der ‹Planetenmetalle› gehen. Für jedes Salz sind andere Konzentrationen sinnvoll bei Natriumchlorid zum Beispiel mischte Arncken je 1 Gramm Salz mit je 1000 Gramm Erde. Als Kontrolle wuchsen Tagetes, Melisse und Brennnessel in ungedüngter Ausgangserde.

Im Gewächshaus fällt auf, wie platz- und arbeitsintensiv Untersuchungsreihen sind: Bei drei Pflanzenarten, sieben Metallsalzen und einer ungedüngten Kontrolle sind das 24 Töpfe. Um Zufälle zu vermeiden, werden diese Varianten jeweils dreimal wiederholt, was 72 Töpfe ergibt. Auf Gestaltebene fällt uns die Wirkung zweier Metallsalze sofort auf. Bei Quecksilberchlorid ist das Wachstum deutlich beeinträchtigt. Umgekehrt führte die Düngung mit Goldchlorid zu den größten Pflanzen. Auch in der Detailgestalt gibt es Auffälligkeiten, etwa im Bereich der Blütenblätter der Tagetes: Die kupfergedüngten Pflanzen haben tendenziell «weiche und rundliche Blütenblätter» ausgebildet, die längsten Blütenblätter entstehen bei Quecksilberchlorid. Harmonisch und gleichmäßig goldgelb sind die Blütenblätter bei Düngung mit Goldchlorid.

Was die Salze bewirken, zeigt sich auch bei der ‹Verkostung›. «Mit Kaliumchlorid wird der Duft von Melisse kühler und wässriger, mit Natriumchlorid wird er wärmer und aromatischer», fasst Arncken seinen Eindruck zusammen. Eine andere Beobachtung war, dass die Pflanzen durch die Salze der Alkali- und Erdmetalle «konturierter, massiger, grober und ‹erdenschwerer›» wurden: «Die feine Gestalt der Pflanze änderten sie gar nicht, nur die Substanzerfüllung, während die Planetenmetalle tiefgehend in die Gestalt eingreifen und die damit gedüngten Pflanzen wie Neuzüchtungen erscheinen.»

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Kaliumchlorid

Die Frage, warum die verschiedenen Salze jeweils auf ihre Art wirken, beantworte die ‹konventionelle› Wissenschaft so, dass sie die Ursache in der molekularen Struktur sieht: Die Wirkungen sollen aus dem Kleinsten hervorkommen. «Aus Sicht der Anthroposophie sind die Salze dagegen ein Ausdruck der geistigen Umkreiskräfte, und die Ursache der Substanzwirkungen wird wesenhaft in der Peripherie, also vom Großen her kommend, gesehen», führt Torsten Arncken aus.

Gezielter Einsatz

An den Erscheinungen lässt sich Grundsätzliches ablesen: «Durch die Pflanze wird das Wirkensgebiet der Metalle aus dem Mineralischen ins Lebendige gehoben», sagt Torsten Arncken. Das Metall sei dabei «eine Last für die Pflanze aber sie schafft das!» Dadurch ‹zeigt› sie den Menschen, wie man mit den Metallen umgehen kann. Die spezifische Wirkung macht den Ansatz attraktiv für die Heilkunde; zudem können durch ihn Ärzte ‹Planetengebärden›, ausgehend vom Sinnlichen, wahrnehmen.

Nicht gerichtet ist der Ansatz auf eine Anwendung in der Landwirtschaft, wie die Ergebnisse bei den Mohrrüben nahelegen könnten: Denn alle salzgedüngten Varianten waren weniger vital und harmonisch als die ungedüngte Kontrolle.

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Melisse Kaliumchlorid

Während Nahrungspflanzen Vitalität und Harmonie als Vorbild für den Organismus übermitteln sollen, sind Heilpflanzen ein Bild für die Erkrankung, für eine Verschiebung der Wesensglieder. Dadurch, dass Heilpflanzen Krankheitstendenzen übernehmen können, sind sie heilkräftig. Mit der Metallsalzdüngung «werden im Lebendigen Substanzen erzeugt, die es natürlicherweise nicht gibt und die neue Wirkungen hervorbringen können», fasst Torsten Arncken seine Arbeit zusammen. Welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben könnten, ist Gegenstand von Arbeitsgruppen mit Ärzten und Pharmazeuten.

Sebastian Jüngel

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 4/2015

 

Foto: Torsten Arncken, Goetheanum

Zeichnungen: Sebastian Jüngel