Kernkraft des Ichs

Gedanken zum gemeinsamen Schicksal Japans und Deutschlands, anlässlich der Gedenkfeier für den vierten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Fukushima.

Alle äußeren Entdeckungen der Menschheit haben immer eine Entsprechung in der Seelenentwicklung der Menschen. Licht und Schatten im Inneren lassen Förderliches und Verderbliches im Äußeren finden. Der direkte Angriff auf das Zentrum des Menschen durch den Nationalsozialismus bildete die Keimhülle für die Entdeckung der Atomkraft. Gleich einem alchemistischen Prozess hängen versuchte Zerstörung des Kerns des Menschen und Zerstörung des Kerns der Materie zusammen. Der Angriff auf das Ich des Menschen in den Konzentrationslagern gab den Nährboden für den Angriff auf das Innerste der Materie. Seit wir die Atomkraft nutzen, steht der Abgrund zum Weltuntergang immer offen. Den Nationalsozialismus meinen viele hinter sich gelassen zu haben. Seine Kinder durchdringen aber nach wie vor unsere Kultur. Die Nutzung der Atomenergie ist das wohl hässlichste und schrecklichste Kind des Menschheitsabgrundes namens Nationalsozialismus.

Eine gewaltige Schuld

Die Entwicklung der Atombombe umfasst die Jahre von 1938 bis 1945. Das sind auch in Deutschland die finstersten Jahre gewesen. Aus Angst vor einer eventuellen deutschen Atombombe trieb man in Amerika die diesbezügliche Forschung intensiv voran. Ursprünglich war geplant, die Atombombe in Deutschland niedergehen zu lassen. Doch Deutschland kapitulierte schon im Frühjahr 1945 und die Bombe war erst im Sommer 1945 fertig. Da suchte sich Amerika einen Stellvertreter für die Deutschen. Man kam auf Japan. So nahm Japan etwas vom Karma Deutschlands auf sich. Das Teufelskind, das in Deutschland gezeugt und durch Amerika zur Geburt gebracht wurde, schnitt den Japanern die Lebensfäden durch. Gewaltige Schuld entstand da. Schuld, die ganze Erdteile aneinander kettet.

Als die atomare Katastrophe in Fukushima losbrach am 11. März 2011, blickte die ganze Welt wieder nach Japan. Als wären die beiden Atombomben nicht genug gewesen! Nun blutete das Land wegen dem Leichtsinn und der Profitgier der eigenen Konzerne. Doch fällt es Japan bis heute nicht leicht, die diesbezügliche Wahrheit anzuerkennen und entsprechende Schritte zu unternehmen. Zwischen der alten, traditionellen Höflichkeit und der modernen Übertechnisierung bleibt kaum Raum für die Mitte, die für eine wirkliche Besinnung notwendig wäre. Man lügt höflich und richtet den Blick auf die wirtschaftlichen Zwänge der übertechnisierten Kultur.

Konsequenzen ziehen

Doch ging ein Staunen durch die Welt, als kurz danach Deutschland seinen angestrebten Atomausstieg bekannt gab, dem dann auch die Schweiz folgen wollte. Woher kommen plötzlich diese wache Klarheit und diese Entschiedenheit in Deutschland? Hat es mit der karmischen Verbindung zwischen Deutschland und Japan zu tun, dass das Leid in Japan derartig zukunftsträchtige Früchte in Deutschland zeugen kann? Meiner Meinung nach ist das Trauma Hitler und Co. im Bewusstsein Deutschlands noch so stark anwesend, dass die Seelengründe der Menschen am Anblick Fukushimas intuitiv spüren konnten, dass die Atomkraft mit der Hitlerkraft verwandt ist. Daraus haben sie die Konsequenz gezogen. Der Atomausstieg ist auch ein längst fälliges Aussteigen aus den Folgen des Nationalsozialismus. Kein Land hat diesen so schmerzhaft erlitten wie Deutschland. Kein Land hat so wach auf Fukushima reagiert. Vielleicht können die schrecklichen Erfahrungen des Dritten Reiches immer mehr zu einer inneren Richtschnur werden, die das meiden lernt, was zu verwandt mit dieser Menschheitstragödie ist.

Von Ich zu Ich

Allerdings reicht es nicht, einfach nur die Atomkraftwerke stillzulegen und die Atomwaffen irgendwo zu vergraben, um die Geister, die wir mit dem Nationalsozialismus riefen, wieder loszuwerden. Die Gegenkraft zur atomaren Bedrohung des Menschlichen ist die Wertschätzung des anderen Ich. Wenn uns der Kern des anderen Menschen so heilig wird wie unser eigener, so haben wir in unserem Wesen keinen Platz mehr für die Wesen, die den Kern des Menschen zerstören wollen. Freie Hingabe an das Ich des anderen Menschen vertreibt die Heerscharen des Sonnendämons, der die Atomkraft verwaltet. In der eigenen Seele kann ein Altar errichtet werden, wo des ewigen Ich des anderen Menschen gedacht wird. Wenn wir das Urbild des anderen Menschen in unserem inneren Heiligtum pflegen und keine störenden Schatten zwischen uns und dieses Bild sich einschleichen lassen, so bilden wir ein Lichtnetz von Ich zu Ich. Die atomare Bedrohung ruft nach einem neuen Verhältnis von Ich zu Ich.

Mit der Erde

Und sie ruft nach einem neuen Verhältnis zur Erde. Seit wir die Erde vernichten könnten, ist unsere Verantwortung für sie gewaltig gewachsen. Wie ein Mensch, der als Kind von seiner Mutter umsorgt und getragen wurde, später einmal für seine Mutter zu sorgen hat, so geht es dem Menschen mit der Erde. Dankbarkeit und ein täglich neues Ja zur Erde sind notwendig zum seelisch-geistigen Ausgleich der Atomenergie. Anton Kimpfler schrieb das schon vor 30 Jahren: «Die Atomwaffen sind einzig durch ein größeres Ja zur Menschheit zu überwinden  wie die Atomenergie durch ein größeres Ja zur Erde.» (‹Inmitten der Menschheit›, Wies 1984. S. 120)

Johannes Greiner

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 12, 20. März 2015