„Faust“ am Goetheanum

Goetheanum-Bühne ein Ort mit Geschichte

Die Goetheanum-Bühne ist eine der größten Bühnen in der Schweiz und wurde 2013/14 vollständig erneuert. Ihr Programm weist ein breites Spektrum an Veranstaltungen auf. Die eigenen Produktionen und Gastspiele werden vor allem von Tagungsgästen und Publikum aus der Region besucht.

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Faust: Walpurgisnacht

Die Goetheanum-Bühne hat 1937 offiziell die Schweiz bei der Pariser Weltfachausstellung mit Szenen aus dem ‹Faust› von Johann Wolfgang von Goethe vertreten ein Jahr später fand die Uraufführung des ungekürzten ‹Faust 1 und 2› am Goetheanum statt. Einige Dramen Albert Steffens wurden erstmals am Goetheanum gezeigt. Und die Oper ‹Der Sturz des Antichrist› von Viktor Ullmann in der Inszenierung des Mährischen Theaters Olomouc hatte am Goetheanum 2014 ihre Schweizer Erstaufführung.

Das Kernprogramm der Goetheanum-Bühne umfasst Eurythmie, Schauspiel und Konzerte. Dafür stehen Großer Saal (1000 Plätze), Grundsteinsaal (460 Plätze) und Schreinereisaal (bis 200 Plätze) zur Verfügung. Für Lesungen und Rezitationen stehen weitere Räume bereit. Das Repertoire der Goetheanum-Eurythmie-Bühne reicht von Bach über Beethoven bis zu zeitgenössischen Komponisten und Autoren. Für Großprojekte wie die Aufführungen der vier Mysteriendramen Rudolf Steiners und von ‹Faust 1 und 2› werden Projektensembles gebildet.

Die Gastspiele reichen von Schauspiel (Klassiker der Weltliteratur) über Clownerie bis zu Konzerten. Aufgrund seiner Akustik wird der Große Saal für Tonaufnahmen genutzt, zuletzt vom Opernhaus Zürich. Seit der Bühnensanierung steht ein Orchestergraben für Eurythmieaufführungen und Operninszenierungen zur Verfügung.

Die Goetheanum-Bühne ist Kooperationspartner der Jungen Bühne (Leitung: Andrea Pfaehler), die seit 2012 Jugendlichen professionelle Theaterarbeit vermittelt.

Schauspiel

Christian Peter verfügt als Darsteller von Faust und Mephistopheles sowie als Regisseur über 30 Jahre Erfahrungen mit ‹Faust› von Johann Wolfgang von Goethe. Als Regisseur ermutigt er die Darsteller, selbst auf die Suche zu gehen die Inszenierung entsteht gezielt aus dem Potenzial aller Beteiligten.

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Maarten Güppertz, Mephistopheles, und Bernhard Glose, Faust.

Zum Projektensemble ‹Faust› gehören Schauspielerinnen und -spieler aus drei Generationen: Mit Urs Bihler (70) tritt ein Altmeister des Theaters an er arbeitete mit Werner Düggelin, Peter Brook und Christoph Marthaler. Er teilt sich mit Maarten Güppertz (66) die Rolle des Mephistopheles. Auch der Faust hat zwei Darsteller: Bernhard Glose (32) verkörpert den jungen, Bodo Bühling (59) den älteren Faust. Zur jüngsten Generation gehört Elena Conradt (20) als Gretchen.

Das Großprojekt ‹Faust› hat ein komplexes Anforderungsprofil. Die Produktion des ‹Faust› erstreckt sich vom Casting bis zur letzten Aufführung über einen Zeitraum von rund zwei Jahren eine lange Zeit der Bindung, die mit Engagements in anderen Projekten in Einklang gebracht werden muss. Bei der Zusammenstellung des Ensembles achtete Christian Peter zudem darauf, dass die Darsteller bereit sind, sich auf das Zusammenspiel mit der Eurythmie einzulassen.

Christian Peter hat seit 1989 seine Arbeitsweise als Regisseur immer weiter verfeinert: Sein Hauptanliegen ist die Eigenaktivität aller Darsteller. Dafür schafft er Räume und Situationen, in denen sie Entdeckungen machen können. «Das Spielen führt zu Neuem», ist Christian Peter überzeugt. So besprach er mit Musiker Florian Volkmann, wie man aus Glocken oder Gongs Klänge herauslocken kann: zum traditionellen Anschlagen kam ein Ziehen über den Boden und ein Darüberfließenlassen von Wasser. Zum Ausprobieren gehört für Christian Peter das Lauschen auf das, was anwesend ist, und die Achtsamkeit darauf, was daraus entsteht. «Zunächst gibt es ein asymmetrisches Wachsen. Wenn alles gut geht, ist am Ende ein organisches Ganzes entstanden.»

Eurythmie

Margrethe Solstad leitet die Eurythmie-Bühne am Goetheanum, die für das ‹Faust›-Projekt auf 24 Eurythmistinnen und Eurythmisten vergrößert wurde. In die eurythmische Arbeit fließen Angaben Rudolf Steiners zu einzelnen Szenen und Wesen ein alles andere entsteht im Rahmen der Inszenierung neu.

Eurythmistinnen und Eurythmisten aus zwölf Nationen bilden das Eurythmieensemble für ‹Faust 2016›. Bei der Zusammenstellung war das Augenmerk auf hohe solistische Ausdruckskraft und produktiven Umgang mit den Wesen im ‹Faust› gerichtet.

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Prolog im Himmel

Wo Angaben Rudolf Steiners überliefert sind, werden sie in die eurythmische Arbeit einbezogen. «Seine Angaben zu einzelnen Wesen sind sehr präzis», sagt Margrethe Solstad. «Dem gehen wir nach.» Das betrifft vor allem Szenen von ‹Faust 2›, beispielsweise die Arielszene, den Helena-Akt und die Sorge im fünften Akt. Alles andere wird für die Inszenierung neu entwickelt, nicht zuletzt mit Bezug auf das Bühnenbild. «Die Kulissen von Roy Spahn sind mit ihren konvexen und konkaven Formen für die Eurythmie ungeheuer spannend eine Herausforderung im besten Sinne.»

Auf zentrale Eurythmieszenen bereiten sich Schauspieler und Eurythmisten gemeinsam vor. «Wir arbeiten viel musikalisch, sprachlich und eurythmisch, um die verschiedenen Ebenen in den Szenen zu erfassen», sagt Margrethe Solstad. Die musikalischen Effekte werden unter Leitung von Florian Volkmann erarbeitet.

Für Margrethe Solstad vermittelt ein Projekt wie ‹Faust› eine umfassende und intensive Bühnenerfahrung in einem großen Ensemble und verbunden mit Schauspiel. «Die hinzugezogenen Eurythmistinnen und Eurythmisten werden nach dem ‹Faust› vielseitig bereichert in ihre anschließenden Tätigkeiten und Projekte gehen.»

Bühnenbild als begehbare Skulptur

Das Bühnenbild von Roy Spahn symbolisiert eine Lebensreise, wie sie Faust im ersten Teil der Tragödie unternimmt. Das mit Tuch bespannbare dreiteilige Metallgestell mit filigraner Formensprache ist eine begehbare Skulptur.

Die Bühnenbilder am Goetheanum sind lange Zeit überwiegend naturalistisch bis geist-realistisch gestaltet worden. In Verbindung mit kräftiger, farbiger Beleuchtung wurden intensive Erlebnisräume vermittelt. Nicht zuletzt Walther Roggenkamp hat für ‹Faust 1 und 2› auf diese Weise Szenen entworfen, die die Rezeption von 1978 bis 1999 prägten.

Nachdem die Neuinszenierung der Mysteriendramen Rudolf Steiners ab 2008 unter der Gesamtleitung von Gioia Falk und der Schauspielregie von Christian Peter in einem schwarzen Bühnenraum mit wenigen Kulissen gespielt wurde, entwarf Roy Spahn für ‹Faust 1 und 2› als Bühnenbild eine begehbare Skulptur. Die spiralartige, runde Form symbolisiert auf verschiedenen Spielebenen den Lebensweg und schließt Metaphern wie «den Kreis schließen» und «in den Himmel gehen» mit ein. Die schlichte Formensprache lässt die Darsteller hervortreten.

Das Bühnenbild ist leicht beweglich, macht verschiedene Raumangebote sowohl für das Schauspiel als auch für die Eurythmie und ermöglicht ein dynamisches Bühnengeschehen.

Trotz der Ausmaße der Gesamtform bis zu sechs Meter Höhe und ein Radius von knapp zehn Metern wirkt das Bühnenbild filigran; mit eingehängten Leitern und Treppen sind Kontrastsetzungen möglich.

Das Bühnenbild für ‹Faust 2› wird die Formideen des Bühnenbilds für ‹Faust 1› aufgreifen, jedoch in veränderter, metamorphosierter Weise.

Wie rund 600 Kostüme entstehen

Rund 600 Kostüme werden für die Neuinszenierung von ‹Faust 1 und 2› hergestellt. Rob Barendsma zeichnet die Entwürfe, die Kostümabteilung am Goetheanum setzt sie für die Eurythmie um, ein Atelier in Budapest fertigt die Schauspielkostüme an.

Rob Barendsma paust gerade eine Figurine am Fenster durch. Nicht dass sich jedes Kostüm gleicht, doch die Kriegsherren im dritten Akt von ‹Faust 2› werden als Gruppe ähnlich gekleidet sein. Auf dem Papier ist eine zweite, eine kleinere Zeichnung zu sehen. Sie skizziert das Kostüm von hinten.

Vor Kurzem hat die Anprobe für den Osterspaziergang in ‹Faust 1› stattgefunden. Jedes Detail musste vorbereitet werden: Strümpfe und Schuhe, Hose, Rock und Hemd oder Bluse sowie alle Accessoires wie Gürtel, Schnallen, Knöpfe, Pailetten. «Bei 24 Stunden Theater müssen die Augen etwas zum Sehen bekommen», findet Rob Barandsma. Bis ein Kostüm vom Darsteller getragen wird, vergehen viele Monate. So hat sich Rob Barendsma mit Regisseur Christian Peter lange über den Charakter des Gretchens ausgetauscht und darüber, welche Kleidung zu ihr passt. Für Rob Barendsma ist die Farbe ein wichtiges Merkmal. Und er verrät einen Trick: Weist man einem Charakter eine Farbe zu, die nur er und kein anderer trägt, lassen sich im Zusammenhang mit den anderen dezente Hervorhebungen inszenieren. 

Die Kostümabteilung am Goetheanum erstellt unter Leiterin Julia Strahl die Eurythmiekostüme, ein theatererfahrenes Atelier in Budapest kümmert sich unter Leitung von Antal Büki um die Schauspielkostüme. Die Stoffauswahl treffen Rob Barendsma, Antal Büki und Julia Strahl gemeinsam. Die Suche nach den passenden Stoffen, das Erstellen der Schnittmuster und die Nähproben dauern bis zu acht Wochen für jeden einzelnen Entwurf. Anschließend wird der Sitz der Kostüme nach einer Anprobe durch die Darstellerinnen und Darsteller optimiert.

Sebastian Jüngel

Fotos: Michèle Melzer