Warum lässt Gott solche Dinge zu?

Die Reise des Papst Franziskus auf die Philippinen

Der Besuch von Papst Franziskus auf den Philippinen ging vergangene Woche bei strömendem Regen mit einer Messe vor sechs bis sieben Millionen Menschen im Luneta-Park von Manila zu Ende. Die Philippiner, die durch eine Proklamation des Präsidenten in den Genuss von fünf extra Feiertagen vom 15. bis 19. Januar kamen, schlagen damit ihren eigenen Rekord, den sie beim ersten Besuch eines katholischen Papstes 1995 mit fünf Millionen aufgestellt hatten. Während sich die Massen an diesen und anderen Aspekten der Papstreise berauschen, gibt es auch Kritik.

Einige fragen, was solche Rekordzahlen sollen. Andere bezweifeln die Zahl und rechnen vor, dass fünf oder sechs Millionen Menschen ganz sicher nicht in den Park und die angrenzenden Straßen passen. Wieder andere kritisieren die Kirche und sprechen von Fällen wie dem eines Priesters aus der Dominikanischen Republik, der zehn Jahre Kinder missbrauchte und auf dessen Computer 100 000 Dateien mit Kinderporno gefunden wurden. Durch einen Ruf nach Rom wurde er der Strafverfolgung entzogen.   Dabei spielt das Kind, das Jesuskind (Santo Niño), in der Religiosität der Philippinen eine herausragende Rolle. An mehreren Stellen im Land wie in der Hauptkirche der zweitgrößten Stadt Cebu City wurden schon vor Jahrhunderten wundertätige Bilder eines (dunkelhäutigen) Santo Niño gefunden. Wohl nicht zufällig legten die Organisatoren die Reise so, dass just der letzte Tag auf das Fest des Santo Niño fiel, das Katholiken im ganzen Land in karnevalsähnlichen Umzügen auf die Beine bringt.  

In einem Land von 100 Millionen Menschen, das jährlich um eine Million wächst, hat das Kind in vielfacher Hinsicht eine wichtige Bedeutung. Papst Franziskus stellte es in den Mittelpunkt dieser Reise. «Wir sind alle Gottes Kinder», sagte er bei der Messe im Luneta-Park, «das ist die Botschaft des Kindes. Es erinnert uns an unsere tiefste Identität. Wir sind alle Gottes Kinder und gehören zu seiner Familie.» Es war auch ein Kind, das für viele den wichtigsten Beitrag dieses fünftägigen Dauer-Events gab. Die 12-jährige Glyzelle Palomar fragte den Papst unter Tränen: «Viele Kinder werden ausgesetzt oder werden von den Eltern verlassen.

Viele Kinder gehen in die Prostitution. Warum lässt Gott solche Dinge zu?»   Der Gefragte hatte darauf zunächst keine Antwort. So wenig wie auf viele andere Fragen. Zwar bemängelte er Korruption und Vetternwirtschaft, aber in einem Land mit Millionen Homosexuellen und mit jährlich Hunderttausenden ungewollten Geburten, wo die Kirche zwölf Jahre lang ein Familienplanungsgesetz blockierte und Abgeordnete, die sich dafür einsetzten, diffamierte, hätte sich eine Bemerkung zur Sexualität gut gemacht. Die Medien, heißt es, stellen Papst Franziskus gern als Revolutionär dar, aber tatsächlich reihe er sich in die Linie seiner Vorgänger ein.

Sogar Vatikansprecher Federico Lombardi wird zitiert, der größte Beitrag, den Franziskus geliefert habe, sei, «die Wahrnehmungen über die Botschaft der Kirche zu verändern.» «In seiner Substanz hat das Magisterium der Kirche eine Kontinuität», fügt Lombardi hinzu. «Es gibt keine große Revolution.» Es gibt keine Revolution, sondern gute Inszenierungen. Dazu gehören die Spontaneität des Franziskus, wenn er etwa wie in Tacloban den Predigttext beiseiteschiebt und spontan «aus dem Herzen» Spanisch spricht. Dazu gehörte, dass neben Latein, Griechisch und der Umgangssprache Englisch in Gebeten und Gesängen die sieben wichtigsten Sprachen des Landes zu Gehör kamen.  

Eine sehr klare Botschaft war, ob spontan oder nicht, nicht zu überhören: Die Philippiner spielen in der Mission Asiens eine herausragende Rolle. Das Jesuskind begleite die Verbreitung des Evangeliums auf den Philippinen von Anfang an. Als katholischstes Land Asiens sei es «dazu berufen, Asien zu missionieren». Ob dabei alle Philippiner mitmachen, ist zweifelhaft. Auf die Gretchenfrage (Wie halten es die Philippiner mit der Religion?) sagte mir ein Bekannter: 85% sind Katholiken, 5% Muslime, 5% Iglesia ni Cristo (eine philippinische Kirche), 5% Protestanten, aber 100% sind Heiden. Will sagen, oberflächlich mögen 85% Katholiken sein, aber in der Tiefe spielt noch vieles andere an Glauben, Aberglauben und eigenen Erkenntnissen eine Rolle. Für Feste, Feiern, extra Ferientage und gute Inszenierungen sind die Menschen in diesem Land immer zu haben. Ob sie sich aber als Speerspitze des Katholizismus in Asien eignen?

Bild Sechs Millionen Menschen bei der Papstmesse in Manila bei strömendem Regen. Walter Siegfried Hahn ist Kulturschaffender mit Projekten auch auf den Philippinen.

Walter Siegried Hahn

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 5/2015, 30.01.2015