Die absehbaren Folgen meines Handelns

Ein Anruf beim Konfliktforscher Friedrich Glasl, um die Ratlosigkeit gegenüber terroristischer Gewalt zu überwinden.

Das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift ‹Charlie Hebdo› hat eine große Welle der Solidarisierung ausgelöst. Aus diesem Mainstream scherte Sonja Zekri in der ‹Süddeutschen Zeitung› vom 14. Januar aus: «Es ist ja sehr die Frage, ob sich der eigene Toleranzbegriff durch die Leidensfähigkeit des anderen demonstrieren lässt oder gerade nicht.» Im Aufeinanderprallen verschiedener Werte zeigt sich ein Dilemma freiheitlicher Gesellschaften, Ratlosigkeit macht sich breit. Ich rufe Friedrich Glasl an.

Er ist Konfliktforscher und war selbst in Krisengebieten als Vermittler tätig. Er bestätigt die Einschätzung: «Wir müssen mit einer gewissen Widersprüchlichkeit leben aber nur mit einer gewissen.» Denn zu bedenken sei, dass es immer auf beiden Seiten ein anderes Verhalten brauche. Und das sei eine mittelfristige Perspektive. Als in den 1970er-Jahren molukkische Terroristen in den Niederlanden einen Zug entführten und einen Kindergarten mit Geiseln besetzten, griffen Spezialkräfte ein. Danach erklärte der Premierminister öffentlich, dass das Gewalthandeln eigentlich eine Niederlage der Regierung sei. In der Folge fanden Gespräche mit molukkischen Delegierten statt und der Konflikt wurde befriedet. Im Nordirlandkonflikt blieb Glasl, als Konfliktberater dort tätig, selbst skeptisch, ob etwas erreicht werden könnte. Doch 15 Jahre später suchte der damalige Innenminister Großbritanniens das Gespräch mit den paramilitärischen Führern. Nach Verhandlungen wurden die Waffen abgegeben und eine katholisch-protestantische Regierung gebildet. Ein wichtiger Schritt dabei sei gewesen, so Glasl, dass Máiread Corrigan Maguire und Betty Williams zusammen mit Eltern der Täter und Opfer getrauert und Verbundenheit demonstriert haben.

Wie ist es aber im akuten Fall der Geiselnahme?

Dann muss die Polizei eingreifen. Wichtig dabei ist, nicht in ein sogenanntes ‹Spiegelverhalten› zu geraten: Ihr seid gewalttätig, also sind wir es auch.

Mit Johan Galtung ist Glasl überzeugt: Man muss eine Grenze setzen, weil es Werte gibt, die einem wichtig sind. Im zweiten Schritt gehe es darum, selbstkritisch nach den Gründen eines Anschlags zu schauen. Im Zusammenhang des 11. Septembers 2001 wies Galtung auf die Angriffsziele hin, durch die die Botschaft sprach: Überdenkt euren Wirtschaftsimperialismus; befragt euer Verhalten in muslimischen Ländern.

Sind fehlende Gespräche die Ursache von Anschlägen?

Vielmehr sind sie Ausdruck bestehender struktureller Ungerechtigkeit. Auch wenn es parolenartig klingt: Das Paradigma vom Einheitsstaat als Gottesstaat im Sinne des IS oder in westlicher Prägung ist vom gegliederten Staat abzulösen, in dem es (unter anderem religiöse!) Freiheit im Geistesleben, Geschwisterlichkeit im Wirtschaftsleben und vor allem keine Diskriminierung im Rechtsleben gibt.

Sind Politiker ahnungslos?

Stehen Interessen im Hintergrund? Ich würde eher ideenlos sagen, weil in solchen Situationen schnell entschieden werden muss. Und im Stress sind den Politikern die ‹Falken› (Militärberater) oft näher als ‹Tauben›.

Auf den Friedensprozess in Camp David zwischen Israel und Ägypten folgten aber Attentate auf beteiligte Politiker. Ja, bei Konflikten sind eben die Interessen vieler beteiligt. Bei der Ukraine reibt sich die Rüstungsindustrie die Hände, und die Nato, die seit dem Fall der Mauer infrage gestellt ist, kann daraus eine gewisse Daseinsberechtigung ableiten. Dennoch: Es gibt keine Alternative zum zähen, steinigen Weg des Friedens die Nachkommen eines Krieges sind immer wieder Kriege.

Wie ist es mit Aktionen, die nicht lösungs-, sondern aufmerksamkeitsorientiert sind?

Dann sollte man nicht auf das eingehen, gegen was jemand ist. Denn Proteste wie Pegida sind nicht von der Ratio, sondern von Affektlogik (Luc Ciompi) geprägt. Daher muss man sich die verletzten Bedürfnisse der oft recht unterschiedlich motivierten Gruppierungen anschauen, diese verstehen und ihnen statt dem Ich-bin-Dagegen ein Für-etwas-Arbeiten bieten. Das ist eigentlich ein therapeutisch-heilender Zugang

Was wäre im Fall Pegida zu tun?

Ich denke an starke Symbolhandlungen. Religiös Führende müssten aufeinander zugehen und sagen: «Wir distanzieren uns von diesem und jenem und setzen konstruktive Handlungen.» Außerdem gilt es, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was im Stillen gelingt, aber nicht an die Öffentlichkeit kommt. Etwa auf Schulen mit sehr vielen Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Kulturen, die in Konflikten Mediation praktizieren.

Da sind also die Medien gefragt?

Ja, sie spielen eine wichtige Rolle bei der ‹sozialen Ansteckung› im Guten wie im Bösen, weil sie Selbstverstärkungskreisläufe aktivieren.

Zum Abschluss greift Glasl das Motiv von Sonja Zekri auf: «Meinungsfreiheit ist wichtig. Es gibt aber auch Anstand und Verantwortung für absehbare Folgen. Ich kann zum Beispiel einem aggressiven Menschen auch nicht alles sagen, wenn zu erwarten ist, dass er dann gegen andere völlig ausrastet.»

Also Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns übernehmen? Ja, genau. Nach Max Weber müssen wir von einer ‹Gesinnungsethik› zur ‹Verantwortungsethik› kommen, indem wir auf die absehbaren Folgen unseres Handelns blicken, gleichgültig, ob diese so gewollt oder nicht gewollt waren: Man muss berücksichtigen, dass man Muslime mit dem Bild des Propheten immer provoziert.

Sebastian Jüngel

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 5/2015, 30.01.2015