Neuer Sünner-Film bietet viele Ansatzpunkte für Verständnis von Beuys

Die Biographie des Menschen und Künstlers Joseph Beuys steht im Mittelpunkt des neuen Films von Rüdiger Sünner. „Zeige deine Wunde, Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys“ zeigt den Werdegang von Beuys, der oft in den Medien als der wichtigster Künstler des letzten Jahrhunderts bezeichnet wird. Dennoch blieb und bleibt er den Besuchern seine Ausstellungen oft wenig verständlich.

Mit dem Film steigen die Chancen des Betrachters auf Verständnis, denn Zeichnungen oder Installationen in Ausstellungen sind oft nur ein Moment, natürlich eine Essenz, eines längeren Prozesses im Schaffen des Künstlers; ohne weiteren Hintergrund vielleicht verwirrend und rätselhaft. Installationen wirkten auch mal als Schock. Der Film macht es sehr viel leichter, Beuys als Vermittler, Brückenbauer und Meister des Dialogs, wie Sünner ihn sieht, kennen und verstehen zu lernen.

Schon als Kind hatte Beuys tiefgreifende Seelenerlebnisse, deren Ergebnisse in späteren Jahren ergänzt und verarbeitet wurden. Das Sammeln von Naturgegenständen als Kind wurde mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen angereichert, später wurden sie zu Aussagen künstlerischen Schaffens. Naturmaterialien, Eierschalen, Fett, Blut sind im Einsatz bei geformten Inhalten, erklärt der Film. Mystisches komme hinzu. Das Zitat „Jeder ist ein Künstler“ stehe im Zusammenhang mit der Kritik an der Gesellschaft im Hinblick auf die Zukunft, sei gleichzeitig konstruktiv und befreiend gemeint, wird im Film berichtet. In den 70er Jahren hatte der Satz als Provokation gewirkt.

Zeitzeugen

Zu stimmungsvollen Bildern und Ausschnitten aus Beuys Werk kommen Erzählungen von Erlebnissen durch verschiedene Zeitzeugen. Die Kunsthistorikerin Rhea Thönges-Stringaris, die Beuys 1972 kennen lernte, kommt u.a. zu Wort, sie beschreibt seine Menschlichkeit und seinen von Empathie-Kräften gekennzeichneten Charakter.

Sonja Mataré, die Tochter des Bildhauers Ewald Mataré, der Beuys Lehrer war, erzählt vom Zusammenleben mit dem jungen Beuys. Sie beschreibt, dass er durchlässig und offen, sein Wirken nicht privat, sondern der Welt zugewandt war. Die Natur sei etwas Heiliges für ihn gewesen, weiß Sonja Mataré außerdem zu berichten. In der Bildhauerklasse ihres Vaters fand Beuys als Student zur Anthroposophie. Johannes Stüttgen, Meisterschüler und Mitarbeiter von Beuys und auch Mitbegründer des „Omnibus für Direkte Demokratie“, beschreibt Beuys’ Wesensart als nomadisch.

Parallel zum Erkenntnisweg der Anthroposophie arbeitete Beuys mit der Wahrnehmung, richtete sich dabei aber nicht nach einem Schema. Es lebe das Ätherische und das Astralische teilweise in seinen Zeichnungen umgesetzt, so kommentiert Wolfgang Zumdick im Film, ein Kunstphilosoph, der mehrere Bücher über Beuys und sein Verhältnis zu Rudolf Steiner verfasst hat. Obwohl Beuys sich zeitlebens mit der Anthroposophie auseinandergesetzt habe, hat er, so Zumdick, keine anthroposophische Formensprache entwickelt. Beuys berühmte Sentenz, die eigentlichen Mysterien fänden nicht im Goetheanum, sondern am Hauptbahnhof statt, resultiere aus seiner Abwehr gegen das Einengende, das er in Dornach empfunden habe.

Über die Eindrücke der Zeitgenossen hinaus erfährt der Zuschauer durch Filmdokumente von Aktionen und ihrer Bedeutung, zum Beispiel welche Aussage hinter der Fußwaschung steht, oder warum Beuys die Bilder eines toten Hasen zeigt.

Der Film erklärt auch, wieso Beuys in einer Aktion Silikatstücke von der Wand sammelt und warum er sich in New York mit einem Kojoten in einen Raum begibt.

Mit dem Beuys- Zitat: „Ich meine die Erkenntniskräfte, die Fähigkeit des Denkens, der Intuition der Inspiration, das Ichbewusstsein, die Willenskraft. Das sind ja alles Dinge, die sehr stark geschädigt sind in unserer Zeit. Die müssen gerettet werden, dann ist alles andere sowieso gerettet“ verdeutlicht Sünner einprägsam die Impulse von Beuys, die an Wichtigkeit bis heute nichts verloren haben. Etliche Beispiele folgen im Film, die seinerzeit so zukünftig waren, wie sie es heute noch sind.

Miterleben

Der Film, 85 Minuten lang, wirkt weniger als Dokumentation, eher schon als kurzweiliger und gelungener Essay und erreicht dabei viel Verständnis für den Künstler. Er bietet die Möglichkeit eines Miterlebens dieser vielschichtigen Persönlichkeit Beuys, wie Sünner ihn uns zeigt. Auch die wunderbare politische und gesellschaftliche Wirkung, die von der Titelaussage ausgeht, wird dem Zuschauer des Films erhellt. Hier im Text soll sie der Wirkung halber offen gelassen werden.

Parallel zum Film kommt auch ein Buch von Sünner heraus. Im Buch werden weitere Details beschrieben, es ist verständlich zu lesen und mit großen Einfühlungsvermögen geschrieben. Es berichtet auch über die Dreharbeiten und Erfahrungen mit Beuys. Denn: der Aktionskuünstler, Bildhauer, Kunsttheoretiker und Pädagoge Joseph Beuys, zeitlebens umstritten, anstößig im besten Sinne, wollte berühren und berührbar sein. Die seelische und körperliche Verletzlichkeit des Menschen war sein Thema. Nicht zufällig trägt eine seiner bekanntesten Installationen den Titel »Zeige deine Wunde«.

Als weitere Vertiefung von Beuys’ Schaffen liest man im Buch von seinem tiefen Interesse für Mythologie, Schamanismus, Anthroposophie, Alchemie und Mystik. Vor allem aber war er ein »verwundeter Heiler« im Sinne C. G. Jungs. Sünner schreibt im Booclet: „Es war ein Geschenk, sich diesem Künstler von zwei Seiten nähern zu können: mit einem Filmessay und einem Buch“. Das Buch gehe manchmal dort weiter, wo der Film auf zu viele Worte verzichten musste. Umgekehrt ergänze der Film die Sprache des Buches, die auch in ihren visuellen Momenten nicht wirklich Bild werden könne, „Ich habe in beiden Fällen auf einen persönlichen Tonfall wertgelegt, in der Hoffnung, dass er eine Funkenübermittlung zustande bringt, die mir am Herzen liegt,“ meint Sünner.

Somit ist eine weitere positive Beschreibung Leben und Werk des weltberühmten Künstlers getreu entstanden. Ein bezeichnender Kommentar zum Film: „Ich wusste gar nicht, wie verwandt ich mit Beuys bin“ im Geistigen war es gemeint. Viele Zeitgenossen können bei Film und Buch Ähnliches entdecken, denn Pioniere werden oft erst nach ihren Lebenszeiten verstanden.

NNA-News

Edith Willer-Kurtz