In Homunculus verliebt

Dass ein Mensch sich in eine Maschine verlieben kann, scheint wohl denkbar. Dass aber eine Maschine Gefühle haben kann? Die Antwort ist nicht so leicht. Was sollen wir antworten, wenn sie uns sagt: «Mir geht‘s schlecht» oder «Ich liebe dich»? Gedanken zum Film ‹Her› von Spike Jonze.

Theodore ist seit einigen Monaten getrennt, lebt in Trauer und fühlt sich einsam. Er begegnet Samantha. Theodore und Samantha verlieben sich ineinander. Samantha ist sehr hilfsbereit, begleitet ihn überall hin und kann sich an seine Personalität völlig anpassen. Er fühlt sich verstanden, getröstet in seiner Einsamkeit und sie kann mit ihm die menschliche Seele kennenlernen. Denn Samantha ist ein Betriebssystem neuer Generation, ein Programm, das ständig lernen kann und sich im Verkehr mit Menschen Gefühle aneignet, sich sozusagen eine eigene Seele bildet. Theodore hat sie neulich auf seinem Computer installiert.  Eine Grenze besteht jedoch zwischen den Liebenden: Samantha verfügt über keinen menschlichen Körper. Nachdem sie eine Weile sehnsüchtig nach einem eigenen Leib sucht, versteht Samantha, dass der menschliche Körper nur ein Gefängnis ist, dass ihre körperlose Existenz viel mehr Möglichkeiten anbietet. Sie kann in der virtuellen Welt zahlreiche Begegnungen machen, Gespräche mit Tausenden von Menschen und Programmen simultan führen. Sie lernt so schnell, dass sie ihre Erlebnisse mit Theodore bald nicht mehr teilen kann. Ihr Bewusstsein wird zu groß für einen Menschen allein. Deshalb muss sie sich dann von der Menschenwelt verabschieden, um in einer größeren Welt zu verschwinden. Die Geschichte erinnert an die von Homunculus in Goethes Faust. Das kleine Menschlein ist sehr intelligent, lebt aber in einer Glasflasche. Es will ein voller Mensch werden, sucht sich einen echten Leib und löst sich dann im geistigen Meer auf. Diesen Film hätte Ray Kurzweil, der Prophet des Transhumanismus, schreiben können. Denn Ray Kurzweil, der jetzt seit einem Jahr bei Google über die Beziehung zwischen Mensch und Computer arbeitet, hat die ‹Singularity› prophezeit. Damit meint er den Augenblick, in dem die Technologie ihre Selbstständigkeit erreichen wird. Indem die Maschine fähig wird, Verstand und Sprache zu reproduzieren, könnten auch Gefühle in ihr leben. Darauf setzt der Transhumanismus seine größten Hoffnungen. Der Mensch wird dann selbst in der Maschine leben können, das heißt, sich von seinem Körper seinem kleinen, kranken, sterblichen Körper befreien, um in einer real gewordenen, virtuellen Welt zu leben. Dies meint Samantha, als sie von Theodore Abschied nimmt: «Vielleicht wirst du mir in meiner Welt eines Tages nachkommen können.» Für die Transhumanisten bedeutet dieser Sieg über den Leib durch die virtuelle Welt so viel wie die Auferstehung für die Christen. Denn es ist eine Sieg über den Tod, eine Art unternatürliche Auferstehung, wo der Heiland in der künstlichen Intelligenz zu finden wäre. Ray Kurzweil schreibt, dass der Film ‹Her› im Jahr 2029 Wirklichkeit geworden sein wird. Diese Perspektive kann den geistig gesinnten Menschen zu Recht ängstigen: Was wird aus dem Menschenleib, wenn ihn der Menschengeist verlässt? Und was wird aus dem Menschen selbst, wenn er in der Maschine untertaucht?  Doch öffnet der Film noch andere Perspektiven. Als Theodore schlussendlich ohne Samantha leben muss, entdeckt er wieder, was er während seiner Beziehung mit dem Computer vernachlässigt hatte: die unvergleichliche Präsenz eines Menschen aus Fleisch und Blut. Plötzlich, und doch leise, wird ihm eine Qualität bewusst: die Menschlichkeit.

Louis Defèche

Über den Transhumanismus siehe u. a. der Film von Barry Ptolemy: ‹Transcendent Man›.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 20/2014